Wien. Es war ein klassischer Selbstfaller, der mit den Zuschauerausschreitungen in Thessaloniki begonnen hat und mit dem Geisterspiel im Happel-Stadion seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Mussten Rapids Chancen auf den Aufstieg bereits bei der Auslosung zur Europa-League-Gruppenphase mit Gegnern wie Charkiw, Leverkusen und Rosenborg Trondheim als gering bezeichnet werden, so geht es nach der 1:2-Heimniederlage gegen die Norweger eigentlich nur noch darum, nicht abgeschlagen Letzter zu werden.
Gelingt es den Hütteldorfern nicht, im internationalen Wettkampf die individuellen Fehler abzustellen, wird sich Grün-Weiß sang- und klanglos verabschieden.
Rapid hat bei skurrilen und überaus trostlosen Rahmenbedingungen das Schlechteste aus seinem Spiel gemacht. Die Mannschaft von Peter Schöttel erarbeitete sich zwar fast 70 Prozent Ballbesitz, wusste mit dem Leder allerdings nichts anzufangen. Was die Zahl der abgegebenen Schüsse (21:6) und Corner (7:1) betraf, hatte man die Nase vorn, am Ende aber stand ein grausames 1:2. Weil im Spielaufbau – wie zuletzt gegen Admira – überhaupt nichts klappte. Rapid wurde nicht Opfer eines verschossenen Elfers, sondern der eigenen Ideenlosigkeit.
Die Möglichkeiten, die man vorgefunden hat, wurden zum Teil stümperhaft vergeben. Aber wäre Boyd ein echter Torjäger, dann wäre er nicht in Hütteldorf gelandet. Dani Alar wiederum hat die Chance eines Elfmeters ungenützt gelassen. Zuvor hat er in allen vier Europacup-Partien getroffen, gegen Novi Sad hat Alar noch sicher verwandelt. Das ist auch der Grund, warum Kapitän Steffen Hofmann den Ex-Kapfenberger gewähren ließ. Peter Schöttel setzt auf mündige Spieler, darum ist auch kein Elferschütze in dem Sinn eingeteilt. Wer sich gut fühlt, der darf.
Deni Alar machte sich Vorwürfe, dabei hat die Achse Königshofer – Gerson viel mehr Anteil an der Niederlage. Wobei Gerson erst vor wenigen Tagen in den Himmel gehoben und als nächster Transfer, der viel Geld in die Rapid-Kassen spülen könnte, bezeichnet wurde. In der Trondheim-Form ist der Brasilianer allerdings unverkäuflich. Großartige Alternativen gibt es nicht. „Es geht darum, unseren jungen Spielern eine Perspektive zu geben“, sagt Trainer Peter Schöttel. „Und wir wollen unseren Weg glaubhaft weitergehen!“
Salzburger Wutbürger
Einen völlig anderen Weg hat Salzburg vor wenigen Wochen eingeschlagen. Der Meister, der von den jüngsten fünf Ligaspielen nur eines gewonnen hat, musste reagieren – und setzt auf eine nahezu komplett neue Elf. Die Salzburger, die am heutigen Samstag zum Tabellenführer nach Favoriten müssen, stehen also unter Zugzwang. Der Rückstand beträgt nämlich mittlerweile bereits neun Punkte. Im Fall einer weiteren Niederlage kann die geplante Aufholjagd gleich wieder abgesagt werden. „Mit einer Topleistung können wir bestehen“, behauptet Salzburgs Trainer Roger Schmidt. „Aber wir müssen mit Wut und Entschlossenheit spielen!“
Bei den Wiener regiert hingegen Selbstbewusstsein. Sechs Siege in Serie erzeugen eine breite Brust, die Herzen der Fans hat man obendrein erobert. „Das hätte uns sicher niemand zugetraut“, meint Trainer Peter Stöger. „Das gibt uns Ruhe und Sicherheit.“ Austria befindet sich in der Rolle des Gejagten, aber Stöger war das schon als Spieler so lieber, als immer nur auf die Konkurrenz schauen zu müssen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

