Sie haben im Jänner diesen Jahres zu Werder Bremen gewechselt. Nach den nicht ungewöhnlichen kleinen Anlaufschwierigkeiten haben Sie sich zum Stammspieler gemausert. Wie beurteilen Sie Ihre Entwicklung?
Zlatko Junuzović: Wir spielen gut – aber wir gewinnen zu wenig. Werder hatte zunächst eine schwere Auslosung, aber jetzt kommen Spiele, die wir unbedingt gewinnen müssen. Wie gegen Gladbach, Fürth oder Mainz. Wir sind grundsätzlich auf einem guten Weg, dieser wird über kurz oder lang auch zum Erfolg führen, davon bin ich überzeugt. Ich persönlich fühle mich hier sehr wohl, ich bin so richtig angekommen.
Was ist heuer für Werder Bremen drinnen, wie lautet die Zielsetzung?
Wir haben uns in der Vorbereitung gesagt, wir schauen nur von Spiel zu Spiel. Die Mannschaft hat sich im Vergleich zur vorigen Saison doch stark verändert, junge Spieler sind gekommen, ältere Semester (Anm. Wiese, Naldo, Pizarro) sind gegangen. Wir befinden uns in einem Entwicklungsprozess, was da am Ende der Saison drinnen ist, das kann ich noch gar nicht abschätzen. Erst nach einem halben Jahr werden wir mehr wissen. Schön ist, dass im Vergleich zum Frühjahr das Mannschaftsklima besser ist. Es weht ein frischer Wind, wir müssen nur unsere Philosophie weiterverfolgen.
Wo liegen die Schwächen von Werder, was muss anders werden?
Wir haben immer noch zu viele unnötige Ballverluste. Und in der Rückwärtsbewegung passieren auch noch Fehler. Das mit dem Gegenattackieren klappt noch nicht so, wie wir uns das wünschen. Und im gegnerischen Sechzehner müssen wir noch giftiger werden. Barcelona macht das perfekt.
Darf man sich überhaupt an einem FC Barcelona, möglicherweise die beste Elf, die jemals Fußball gespielt hat, orientieren?
Ja sicher! Es geht nicht darum, 80 Prozent Ballbesitz zu haben, das brauchen wir auch gar nicht. Aber die Mannschaft, die den besten Fußball spielt, muss man sich zum Vorbild nehmen. Da können wir uns überall etwas abschauen, vor allem in der Defensive.
Sie sind neuerdings auch irgendwie für die Defensive zuständig...
Das hat sich in der Vorbereitung so ergeben, ich bin jetzt eine Art Nummer sechs. Und das funktioniert gut. Es ist etwas Neues, das wird mir in meiner Entwicklung weiterhelfen. Es ist ja nicht verboten, dass ich mich bei Kontern auch in der Offensive einschalte. Ansonsten muss ich die Zweikämpfe suchen, nach hinten absichern.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Trainer Thomas Schaaf, immerhin auch schon seit 13 Jahren Cheftrainer bei Werder?
Er hat seine eigene Linie. Er spricht Dinge mehr in Gruppen an. Er ist ein gemütlicher Typ, man kann auch mit privaten Problemen zu ihm kommen. Aber Schaaf legt sehr großen Wert auf Disziplin. Und ihm ist besonders wichtig, dass wir eine homogene Einheit bilden.
Wie oft sehen Sie Sebastian Prödl und Marko Arnautović abseits des Fußballs?
Doch immer wieder. Manchmal gehen wir ins Kino oder gemeinsam essen.
Ist Marko Arnautović wirklich auf dem Weg dazu, erwachsen zu werden?
Er ist auf jeden Fall viel ruhiger geworden. Dass er Vater geworden ist, das hat ihm jedenfalls sehr gutgetan. Es macht ihn wahnsinnig stolz.
Aber auch er trifft viel zu selten...
Ja, das stimmt. Das war im Länderspiel gegen Deutschland so, jetzt hat es bei Werder auch nicht so geklappt. Das steckt eben ein bisserl im Kopf drinnen. Aber Marko spielt gut, er ist stark. Ich bin davon überzeugt, dass er heuer noch eine sehr starke Saison spielen wird. Er hat die nötige Durchschlagskraft. Er wird noch recht viele Tore für uns schießen.
Vielleicht schon am Freitag in der WM-Qualifikation gegen Kasachstan?
Wir haben uns zum Ziel gesetzt, gegen Kasachstan sechs Punkte zu machen. Das wollen wir unbedingt erreichen. Es wäre traurig, wenn wir die gute Leistung, die wir gegen Deutschland gezeigt haben, nicht bestätigen könnten. Aber das Auswärtsspiel in Astana wird nicht einfach, noch dazu wird auf Kunstrasen gespielt. Ich war schon das letzte Mal dabei, als wir 0:0 gespielt haben – ich weiß, wovon ich spreche.
Österreichs Team wird von ähnlichen Problemen geplagt wie Werder. Man spielt zwar im Allgemeinen ganz gut, gewinnt aber zu wenig. Oder stimmt diese Einschätzung nicht?
Das kann man so sagen. Das Team hat jetzt einen klaren Plan, es gibt eine Struktur. Und wir haben schon bewiesen, dass wir einen Willen haben. In Kasachstan müssten wir die bessere Mannschaft sein, unser Team hat sicher mehr Qualität. Das muss zum Ausdruck kommen. Wir haben uns als Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren sicher entwickelt, taktisch gesteigert und gesamt gesehen verbessert. Aber vom Lob, das wir nach dem Deutschland-Spiel bekommen haben, können wir uns nichts kaufen. Wir sind hungrig genug – wie bei Werder. Alle wollen den Erfolg.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

