Wien. In Meidling ist die Fußballwelt noch einfach. Um die Floskel „Der Trainer ist der Star“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, genügt ein Blick. Auf dem Sportplatz des Wiener Stadtligisten Viktoria in Altmannsdorf scharen sich die Zuschauer wie Eisenspäne um zwei Magnetpole. Auf der einen Seite des Platzes um den Bierstand, auf der anderen um die noch größere Attraktion des Viertligisten: Trainer Toni Polster.
Plätze gibt es genug. Doch rund um den ÖFB-Rekordtorschützen, der seit einem Jahr den selbst ernannten „Kultklub“ trainiert, stehen die Fans dicht gedrängt. Polster selbst steht nur gelegentlich auf. Für Kommandos – auf Deutsch und Englisch. Bei Balleroberungen. Und bei Toren. Dann jubelt der 48-Jährige wieder wie bei seinen Teamtreffern.
Grund zur Freude gibt es an diesem Donnerstagabend viel. Immerhin wollten unter der Woche gut 250 Zuschauer das Ligaspiel gegen Slovan sehen und Viktoria gewann mit 7:1. Wegen des heutigen Freundschaftsspiels gegen den deutschen Zweitligisten St. Pauli auf dem Sportclubplatz (14.30 Uhr) wurde das Match eigens vorverlegt. Beim Eingang verkauft eine junge Frau noch Restkarten – ab 28 Euro.
Rummel, Fotos und Träume
Das Geschehen auf dem Rasen ist eine klare Sache für Viktoria. Auch der Stadionsprecher kommt mitunter ins Schwitzen. Siebenmal ruft er „Tri-tra-trallala – Tor für die Wiener Viktoria!“ Auch der der Mann, der die Anzeigetafel bedient, hat viel zu tun. Aber jeder Handgriff sitzt, er ist bei jedem Heimspiel dabei. Er hat nicht weit, er wohnt gegenüber.
Auch am Würstelstand daneben herrscht Hochbetrieb. Ist das der Polster-Effekt? „Auch“, antwortet der ältere der beiden Standler, „aber die Mannschaft hat auch einfach einen tollen Lauf.“ Nach dem 7:1 gegen Slovan ist Viktoria derzeit Zweiter.
Nach dem Schlusspfiff streicht Polster mit der Hand über den Kunstrasen und bekreuzigt sich. Manche Gewohnheiten legt man eben nie ab. Dann beginnt der Rummel. Stammpublikum, alte Schulkollegen, Gäste aus St. Pauli. Jeder schüttelt ihm die Hand, Polster posiert für Fotos, Klub-Präsident Roman Gregory schaut im schwarzen Anzug zu. Ein Sieg gegen St.Pauli wäre schön, meint Polster, aber wichtiger wäre ein Sieg im Cup gegen Ried. Eine weitere Sensation würde ihn wieder einen Schritt näher zum großen Fußball bringen. Auch wenn der nicht so einfach ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

