Durchhalteparolen, Aufmunterungen, Versprechungen, Ausreden – hat Österreichs Fußballteam wieder einmal die Erwartungen nicht erfüllt, beginnt landesweit sofort eine Ursachenforschung mit dem üblichen Wehklagen. Fakt ist, dass das ÖFB-Team mit dem enttäuschenden 0:0 in Astana wichtige Punkte in der WM-Qualifikation für Brasilien 2014 verloren hat. Unübersehbar war, dass abermals zu viele Chancen vergeben wurden oder das Spiel über die Flanken nur selten funktionierte. Zweifelsohne, auf einem Kunstrasen Fußball zu spielen, bereitet selten Freude. Auch andere Nationen, zuletzt Irland, hatten große Probleme in Astana, sie haben aber gewonnen, Österreich nicht.
Unter Druck. Das ÖFB-Team liegt somit nach zwei Spielen mit nur einem Punkt auf Rang vier der Gruppe C. Deutschland enteilt seinen Verfolgern und hat nach drei Spielen neun Punkte, dahinter folgen die Schweden mit sechs, sogar Irland hat drei Zähler zu Buche stehen – um den angestrebten zweiten Platz zu erreichen, müssen nun zwangsläufig Siege folgen. Am Dienstag im Heimspiel gegen Kasachstan, danach allerdings auch gegen andere Kaliber.
Teamchef Marcel Koller schien nach dem Schlusspfiff in Astana gezeichnet. Der Schweizer brauchte wohl einige Augenblicke, um das Erlebte zu verdauen. Auch in seinem zweiten Bewerbsspiel war er sieglos geblieben und obgleich er davon sprach, dass es keineswegs ein Rückschritt gewesen sei, musste er sich innerlich eingestehen, dass es freilich einer war. Einer, wie ihn all seine Vorgänger auch schon erlebt hatten. Einem passablen Spiel mit aufopfernder Leistung gegen eine starke Mannschaft folgt zumeist der Einbruch. Mit vergebenen Chancen, Fehlpässen, unnötigen Ferslern, etc.
Koller, 51, kennt das Fußballgeschäft gut. Der 51-Jährige verzichtete am Tag danach auf eine Standpauke, der Profi ließ sich auch nicht zu medialer Kritik hinreißen. Vielmehr suchte er nach einer Antwort, um der nach Erfolg und der Teilnahme bei Großereignissen schreienden rot-weiß-roten Seele etwas Linderung zu spenden. Er stelle sich vor seine Spieler, er wolle sie aufbauen. Dann sagt er: „Die Spieler sind auch nur Menschen und können einmal einen schlechten Tag haben.“
Geht es nach der emotionslosen Statistik, haben Österreichs Fußballer im Rahmen einer WM-Qualifikation seit März 2005 bei Auswärtsspielen unentwegt schwarze Tage. Damals siegte das ÖFB-Team in Wales mit 2:0.
Ein Wunschkonzert? Nach zwei Runden vorzeitig alle Konzepte, Ideen und Wünsche zu verwerfen, davon hält der Teamchef nichts. Der Begriff der Resignation ist ihm fremd, noch seien acht Runden zu spielen und in diesen Spielen gehe es darum, vieles zu verbessern – vor allem die Chancenauswertung. Die Problematik, der sich auch der Schweizer bewusst werden muss, wurzelt nicht nur bei den Stürmern, sondern im Mittelfeld, bei den Passgebern.
Marc Janko wartete brav und geduldig im Strafraum auf hohe Bälle. Doch sie kamen selten bis nie. Kam er in die Nähe des Balls, machte sich seine fehlende Spielpraxis deutlich bemerkbar. Bei Trabzonspor brachte er es als Reservist bislang auf 110 Spielminuten und kein Tor.
Stuttgart-Spieler Martin Harnik hat sechs Spiele in den Beinen und drei Tore zu Buche stehen, benötigt aber viele, für Kritiker sogar viel zu viele Anläufe, um einmal zu treffen.
Zlatko Junuzović hat für Bremen ein Tor erzielt. Er läuft, er passt und sucht Räume, doch im entscheidenden Moment will nichts gelingen. Dieses Dilemma begleitet auch Marko Arnautović. Null Tore für Bremen, dafür verspielt und stets für Ballverluste gut.
Teamchef Marcel Koller wollte das „alte Lied“ der vergebenen Chancen zwar nicht anstimmen, aber er kam nicht darum herum. „Wir hatten Ballbesitz, drei gute Chancen. Aber, man muss das Tor machen.“
In diesem Fall bemühte Koller von sich aus die Statistik. Zahlen lügen nicht, und er beleuchtete den Aspekt der Standardsituationen. Die Eckbälle, die seine Spieler getreten haben, seien „nicht gut gekommen“. Das lag freilich am Kunstrasen, dessen „Halme“ kürzer seien als die auf dem Trainingsplatz in Bad Tatzmannsdorf. Koller sagt: „Da kommt man nicht richtig unter den Ball. Nur eine Trainingseinheit auf diesem Platz war zu wenig.“ Wäre es daher vielleicht ratsamer gewesen, schon einen Tag früher nach Astana anzureisen? Die Spielstätte ist Österreichs Teamspielern doch schon bekannt, die Gegebenheiten ebenfalls.
Koller hielt sich bedeckt. Offensichtlich wollte er der Thematik Standardsituationen dann doch nicht so viel Gewicht beimessen. „Außerdem fällt laut Uefa-Statistik ohnehin nur nach jedem 46. Corner ein Tor. Fußball ist kein Wunschkonzert.“
Ob es nun zwei Punkte zu wenig waren, werde man 2013 wissen, sagt Koller und richtete seine Energie auf die Vorbereitung für das Heimspiel am Dienstag im Happel-Stadion. Es wäre eine fatale Erkenntnis, würden sich Österreichs Leistungen nun schlagartig verbessern und letztlich nur diese zwei Punkte auf den zweiten Platz fehlen. Koller erwartet übrigens erneut ein „Geduldspiel“. Im Warten haben Österreichs Fußballfans auch langjährige Routine. Seit Frankreich 1998 spielte das Team bei keiner WM mehr mit.
Österreich spielte gegen Kamerun (1:1), Chile (1:1) und Italien (2:1). Aus nach der Gruppenphase.
2002. Japan, Südkorea
Österreich scheitert in der WM-Relegation an der Türkei (0:1, 0:5).
2006. Deutschland
Österreich verpasst als Gruppendritter hinter England und Polen die WM- Qualifikation.
2010. Südafrika
Österreich scheitert abermals als Gruppendritter, diesmal hinter Serbien & Frankreich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
WM-Quali: Viel Krampf, wenig Glanz in Kasachstan
