Berlin/Stockholm/Fin. Erik Hamren weiß, wie man Erfolge richtig zelebriert. Mit Freude setzte sich Schwedens Cheftrainer nach dem überraschenden 4:4 im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland in Berlin an die Hotelbar.
Er gönnte sich einen tüchtigen Schluck Whiskey und rauchte eine Zigarre. Sport, Nikotin und Alkohol sind an sich mit Spitzensport nicht vereinbar, Trainer haben ja auch eine Vorbildrolle. Dieses Spiel aber hatte es Hamren angetan. Er war zu aufgewühlt, um diesen Abend einfach zu vergessen – und blieb die ganze Nacht munter.
Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass Deutschland, obendrein vor eigenem Publikum, einen 4:0-Vorsprung binnen 30 Minuten verspielt und sich mit nur einem Punkt begnügen muss. Solche Augenblicke müsse man intensiv auskosten, sagt Hamren. Doch schon beim Frühstück hat ihn der Alltag wieder eingeholt. „Die meisten meiner Spieler waren schon wieder bei ihren Klubs. Für große Feierlichkeiten bleibt mitten in einer Saison keine Zeit.“
Während sich Schweden über den Punktgewinn freut, herrscht in Deutschland kollektives Staunen. Über 60 Minuten lang war alles nach Wunsch verlaufen, doch danach klappte rein gar nichts mehr.
„Wir haben in den letzten 30 Minuten alles vermissen lassen. Das muss uns eine Lehre sein“, sagte DFB-Trainer Löw. Seine Worte trafen jedoch nicht auf das gewohnte, widerspruchslose Nicken. So ein Einbruch ist Deutschland fremd. „Bild“ schrieb: „Jogi, das 4:4 war dämlich.“
Obwohl das DFB-Team weiterhin die Tabelle anführt und wohl kaum die WM-Qualifikation verpassen wird, musste sich Löw kritischen Fragen stellen. Er sprach leise, händeringend von einem „Systemabsturz“. Der Trainer war fassungslos. „Wir haben unheimlich viel falsch gemacht, es war große Unruhe da. Ich befinde mich in Schockstarre.“
Solch schwer erklärbare Phänomene kommen im Fußball immer wieder vor. Gegen Österreich hat die DFB-Elf mit 2:0 geführt und mit viel Glück ein 2:1 über die Zeit gerettet. Aber ein 4:0 zu verspielen, das ist Deutschland noch nie zuvor passiert. Der Fehler liegt im System, in der Abwehr. Lahm, Badstuber, Boateng und Mertesacker sind gefragt, für sie muss Löw schnell Antworten finden.
Erik Hamren kam die wackelnde Abwehr gelegen. Es war ein Schauspiel der Moral, sagt er. „Wenn es zur Pause 0:3 steht, wollen Verlierer nach Hause gehen. Aber Sieger bleiben und kämpfen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2012)
Medienschau: ''Mensch Jogi, war das dämlich''
