Roger Schmidt: "Wir wollen spielen wie Barcelona"

01.12.2012 | 18:26 |  von Christoph Gastinger (Die Presse)

Salzburg-Trainer Roger Schmidt spricht vor dem Duell mit Tabellenführer Austria über das Schicksal des Ligakrösus, seine Spielphilosophie und die »Hire & Fire«-Politik von Red Bull.

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Heute steht Ihnen und Ihrer Mannschaft gegen die Wiener Austria ein echtes Spitzenspiel bevor. Verspüren Sie deshalb einen besonderen Druck?

Roger Schmidt: Dieses Spiel setzt mich nicht unter Druck. Es ist eine Chance, den Rückstand auf die Austria zu verkürzen. Leider ist es nur ein sprichwörtliches Sechs-Punkte-Spiel, sonst könnten wir auch noch Herbstmeister werden.


Wissen Sie schon, wie Sie Philipp Hosiner am Toreschießen hindern wollen?

Hosiner ist ein toller Stürmer, in Wien hat er gegen uns allerdings nicht getroffen. Wir werden gegen ihn nicht Manndeckung spielen. Sollte er dennoch ein Tor schießen, müssen wir eben zwei machen.


Inwieweit hat Ihre Mannschaft nach fünfmonatiger Zusammenarbeit Ihre Spielphilosophie bereits verinnerlicht?

Es gibt Phasen, in denen wir unsere Pläne weitestgehend gut bis sehr gut umsetzen. Das Spiel gegen die Admira etwa (5:0, Anm.) war nahezu perfekt, wenn es darum geht, gegen den Ball zu arbeiten. Noch dazu haben wir wundervolle Tore geschossen. Aber wir fallen immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück, agieren dann zu passiv, wie zuletzt beim 1:3 in Ried. Diese Phasen müssen weniger und kürzer werden. Genau darin liegt die Herausforderung.

Sie haben auch nach Siegen nicht mit Kritik an Ihren Spielern gespart. Warum?

Weil es mir überhaupt nicht egal ist, wie wir unsere Spiele gewinnen. Es geht um die Art und Weise. Es reicht mir nicht, wenn wir uns hinten reinstellen und warten, bis vorne mal ein Ball reingeht. Wenn der Schiedsrichter anpfeift, will ich, dass meine Mannschaft 90 Minuten präsent ist, ihre Stärken ausspielt. Wir werden nie so spielen wie Barcelona, aber im Grunde wollen wir eine ähnliche Art von Fußball praktizieren. Wir sind auf einem guten Weg.

Ex-Teamchef Dietmar Constantini und Innsbruck-Coach Roland Kirchler halten Taktik grundsätzlich für überbewertet. Pflichten Sie Ihren Kollegen bei?

Das sehe ich komplett anders. Ein taktisches Gerüst ist die Basis für den Erfolg, davon bin ich fest überzeugt. Erst, wenn ein Spieler weiß, wie er sich in gewissen Situationen taktisch zu verhalten hat, kommt seine Kreativität und Entscheidungsfähigkeit richtig zur Geltung.

Sie sind gelernter Ingenieur, haben in Paderborn sogar acht Jahre für einen Automobilzulieferer gearbeitet. Wie weit waren Sie denn schon weg vom Fußballgeschehen?

Losgelassen hat mich der Fußball nie. Ich habe teilweise parallel als Ingenieur und Spieler beziehungsweise Trainer gearbeitet. Es war eigentlich nie meine Intention, hauptberuflich als Trainer zu arbeiten. Letztlich waren es Zufälle, die mich dazu gebracht haben, meinen eigentlichen Beruf aufzugeben und mich auf das Trainergeschäft zu konzentrieren.

Salzburg steht seit dem Engagement von Red Bull für eine „Hire & Fire“-Politik. Sie sind in der neunten Saison der sechste Trainer. Ist in Salzburg alles nur eine Frage der Zeit?

Diese Sichtweise ist mir komplett fremd. Wenn ich meinen Job gut mache und wir erfolgreich sind, dann stellt sich diese Frage überhaupt nicht. Meine Motivation als Trainer liegt darin, mich dieser – zugegeben nicht kleinen – Herausforderung zu stellen. Wenn ich irgendwann mal nicht mehr der richtige Mann sein sollte, dann ist das eben so. Aber wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Insofern bin ich ziemlich relaxt.

Erfahren Sie als gut bezahlter Trainer von Salzburg Neid von anderer Seite?

Nein, das nicht. Aber ich sehe, was meiner Mannschaft teilweise von allen möglichen Seiten entgegenschlägt. Wenn es bei Salzburg nicht so läuft, ist die Schadenfreude extrem groß. Außer in Salzburg findet den Verein in Österreich scheinbar niemand wirklich gut.

Was für eine Art Trainer sind Sie eigentlich? Eher der Kumpel- oder der autoritäre Typ?

Ich würde mich da selbst nicht einer Kategorie zuordnen. Der Erfolg steht über allem, dafür gehe ich keine Kompromisse ein. Dafür muss ich aber auch nicht die Keule rausholen.

Duzen oder siezen Sie Ihre Spieler?

Sie siezen mich. Aber wenn mich jemand duzen würde, würde ich ihn nicht aus dem Kader streichen. (Lacht.)

Wie darf man sich Ihr Verhältnis zu Sportdirektor Ralf Rangnick und Mäzen Dietrich Mateschitz vorstellen?

Mit Ralf Rangnick stehe ich in ständigem Kontakt. Wir hören uns oft täglich, obwohl er mit Leipzig ja zweigleisig unterwegs ist. Herrn Mateschitz habe ich seit meiner Vertragsunterzeichnung nur zwei, drei Mal wiedergesehen.

Haben Sie ein Trainervorbild?

Nein, ich brauche auch keines. Betreffend der Spielweise kann man sich natürlich viel von Klubs wie Dortmund, Bayern oder Barcelona abschauen. Aber die Art und Weise, wie ein Trainer seine Mannschaft führt, sollte man nicht versuchen zu kopieren. Man muss seinen eigenen Weg finden, authentisch bleiben. Alles andere funktioniert nicht.

Als Aktiver hat Sie Ihre Karriere bis in die dritthöchste Spielklasse geführt. Haben Sie sich schon mit dem Vorurteil konfrontiert gesehen, dass ein durchschnittlicher Fußballer kein sehr guter Trainer werden kann?

Nein, auch weil diese Ansichten plakativ und überholt sind. Es gibt zahlreiche Beispiele, die belegen, dass ein sehr guter Spieler kein sehr guter Trainer sein muss und umgekehrt. Es geht doch darum, der Mannschaft etwas zu vermitteln. Da ist es unwichtig, wie lange ich den Ball in der Luft halten kann oder ob ich früher in der Champions League gespielt habe.

In Deutschland ist rund um Jürgen Klopp eine Diskussion über die Vorbildwirkung von Trainern entbrannt. Muss ein Trainer zugleich Vorbild sein?

Natürlich muss er das, aber wir bewegen uns auf einem schmalen Grat, den man manchmal überschreitet. Der Fußball lebt von Emotionen. Solange man dabei nicht grob gegen Regeln verstößt, sollte man auch mal ein Auge zudrücken.

Bei Ihrem Disput mit Admira-Trainer Dietmar Kühbauer hat die Bundesliga kein Auge zugedrückt. Sie wurden beide mit Geldstrafen belegt.

Solche Auseinandersetzungen gehören dazu. Als Salzburg-Trainer wird man nervlich sehr stark strapaziert. Ich glaube, es ist auch offensichtlich, dass wir von den Schiedsrichtern teilweise klar benachteiligt werden. Das ist das Schicksal von Salzburg, damit müssen wir leben. Dabei immer ruhig zu bleiben, ist aber schwierig. Alles lasse ich mir auch nicht gefallen.

Böse Zungen behaupten gerne, dass die Wiener Großklubs von den Unparteiischen bevorzugt behandelt werden.

Das hoffe ich nicht. Aber ich bin froh, dass der Schiedsrichter, der vergangene Woche Austria gegen Mattersburg gepfiffen hat, nicht das heutige Spiel leitet. Wir könnten die Sterne vom Himmel spielen und hätten wohl trotzdem keine Chance.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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