Almer: "ÖFB hat kein Torwartproblem"

07.12.2012 | 18:23 |  von Christoph Gastinger (Die Presse)

ÖFB-Torwart Robert Almer spricht über sein hartes Reservistendasein in Düsseldorf, Deutschlands goldene Torhütergeneration und den Mehrwert von Sudoku.

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Fußballer möchten Fußball spielen. Sie durften sich in dieser Bundesligasaison erst elf Minuten beweisen. Sind Sie sehr frustriert?

Robert Almer: Natürlich bin ich unzufrieden, aber die Situation ist, wie sie ist. Ich kann nur weiterhin gut trainieren und – sofern ich meine Chance bekomme – voll da sein. Das Problem ist nur: Als zweiter Tormann bekommst du nur sehr selten bis nie eine Chance.

Ist der 22-jährige Deutsche Fabian Giefer denn tatsächlich besser als der Torwart des österreichischen Nationalteams?

Er macht seine Sache gut. Wenn neun Schüsse auf sein Tor kommen, dann pariert er acht. Insofern fällst du als Torwart von Fortuna Düsseldorf natürlich leichter positiv auf als etwa der Schlussmann von Bayern München. Manuel Neuer bekommt pro Spiel vielleicht zwei Schüsse auf sein Tor. Hält er einen nicht, gibt es schon kritische Stimmen.

Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels oder gibt es an Giefer kein Vorbeikommen?

Solange das Team und er Leistung bringen, wird es für mich schwer. Und selbst in einer Schwächephase muss sich der Trainer immer erst die Frage stellen, was er verändern will. Aber ich darf die Hoffnung nicht aufgeben. Diese großen Torhüternamen wie Oliver Kahn oder Jens Lehmann gibt es heute nicht mehr. In der Bundesliga sind derzeit vermutlich nur Neuer und René Adler unantastbar.

Dennoch verfügt Deutschland neben den Arrivierten wie Neuer oder Adler auch über viele aussichtsreiche Jungtorhüter. Hannovers Zieler, Gladbachs Ter Stegen, auch Giefer sagt man eine gute Zukunft voraus. Haben es ausländische Torhüter in Deutschland besonders schwer?

Es ist definitiv schwieriger geworden. Als Legionär musst du auf jeden Fall besser als der junge Deutsche sein, sonst hast du keine Chance. Die Deutschen haben auf der Torhüterposition eine gewaltige Qualität, vor allem in der Breite. Selbst in der zweiten Liga tummeln sich viele Talente.

Sie haben in Düsseldorf noch einen Vertrag bis Sommer 2013. Wollen Sie auch in der Rückrunde auf der Bank sitzen?

Wollen natürlich nicht. Fakt ist, dass ich einen Vertrag habe. Wenn sich meine Situation nicht ändern sollte, ist ein Wechsel im Winter eine Option, die ich in Betracht ziehen werde.

Haben Sie – etwa nach dem guten Länderspiel gegen Deutschland – Interesse anderer Klubs signalisiert bekommen?

Die Uefa untersagt es Spielern, mit anderen Klubs zu verhandeln, solange der Vertrag noch zumindest ein halbes Jahr läuft.

Bevor sich im Jänner das Transferfenster öffnet, können Sie also nicht aktiv werden. Fürchten Sie um Ihren Platz im Nationalteam, sofern Sie im Frühjahr immer noch keine Spielpraxis bekommen?

Wer im Februar gegen Wales im Tor steht, entscheidet einzig der Teamchef. Vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste hatte ich ein gutes Gespräch mit Marcel Koller. Er sieht es ähnlich wie ich: Natürlich ist es mittelfristig wichtig, Spielpraxis zu bekommen.

Im Klub die Nummer zwei, im Nationalteam die Nummer eins. Irgendwie eine paradoxe Situation, oder?

Ein bisschen eigen ist das schon, aber bis jetzt hat es ja ganz gut funktioniert. Die Färöer sind vielleicht nicht das beste Beispiel, aber dort ist der Nationaltorwart bei seinem Klub Manchester City die Nummer drei. Es gibt einige Nationaltorhüter, die bei ihren Klubs nicht erste Wahl sind. Aber was sagt das schon über die Qualität eines Spielers aus? Ist ein Torhüter, der in der slowenischen Liga die Nummer eins ist, besser als die Nummer zwei eines Bundesligaklubs? Irgendetwas wird der Teamchef schon in mir sehen.

Die Zeiten, in denen mit Franz Wohlfahrt bei Stuttgart oder Michael Konsel bei AS Roma heimische Torhüter bei Topklubs engagiert waren, sind vorüber. Hat Österreich ein Torwartproblem?

Das glaube ich nicht. Österreich verfügt über einige talentierte Torhüter, ich denke dabei auch an Michael Gspurning, Ramazan Özcan oder Jürgen Macho, der lange verletzt war. Auch bei den Jungen kommt etwas nach. Namen wie Konsel oder Wohlfahrt fehlen uns derzeit, beide sind aber erst relativ spät zu den ausländischen Großklubs gewechselt. Es liegt nur an uns, Ähnliches zu schaffen.

Themenwechsel: Wie schwer fällt es einem Torhüter, 90 Minuten konzentriert zu sein?

Die Schwierigkeit liegt darin, die richtige Dosierung aus Konzentration, Anspannung und Entspannung zu finden. 90 Minuten voll konzentriert zu sein, ist unmöglich und kontraproduktiv. Wenn es die Situation verlangt, musst du mental voll auf der Höhe sein.

Wie fördern Sie diese Qualität?

Etwa durch autogenes Training. Bei den Skifahrern sieht man oft, wie sie vor dem Rennen nochmals die Strecke „abfahren“. Als Torhüter kann ich Ähnliches machen, kann etwa gedanklich durchspielen, wie ich einen Schuss ins rechte Eck abwehre oder zu einer Flanke hinauslaufe.

Könnte auch Sudoku gewisse Sinne eines Fußballtorhüters schärfen?

Auf jeden Fall. Ich habe Sudoku auf meinem iPad installiert, spiele es regelmäßig. Auch wenn das jetzt nicht vorbildlich klingt, aber auch Computerspiele können die Sinne schärfen.

Torhüter gelten gemeinhin als etwas verrückt. Sind Sie die Ausnahme oder die Regel?

Die Ausnahme, wenngleich es solche Torwarttypen wie Oliver Kahn heute auch nicht mehr gibt.

Aber einen gewissen Tick müssen Sie doch haben, immerhin lassen Sie aus wenigen Metern auf sich schießen.

Das ist nur eine Frage des Trainings, ich habe mich schon lange daran gewöhnt. Ich werfe mich in den Schuss und fertig. Als Jugendlicher bin ich einmal mit dem Gesicht gegen die Torstange gesprungen. Dann bin ich aufgestanden und habe weitergemacht.

Steckbrief

1984
Robert Almer wird am 20. März in Bruck/Mur geboren.

2001
Almer bestreitet bei Sturm Graz seine erste Profisaison.

2002
Es folgt der Wechsel von Graz nach Wien. Die Austria leiht ihn nach Altach, Leoben und Untersiebenbrunn aus.

2006
Almer verlässt die Austria und läuft für Mattersburg erstmals in der Bundesliga auf.

2008
Der Steirer kehrt zur Austria zurück, bringt es in drei Saisonen auf 35 Pflichtspiele. 2009 wird Almer Cupsieger.

2011
ereilt Almer der Ruf aus Deutschland. Mit Zweitligist Fortuna Düsseldorf schafft er den Aufstieg in die Bundesliga. Am 15. November gibt er unter Teamchef Marcel Koller beim 1:2 in der Ukraine sein Debüt im ÖFB-Team. Seitdem ist Almer die Nummer eins im Tor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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Face it, das Leben ist lebensgefährlich. Und wenn Torhüter gegenüber dem Durchschnittsfußballerdurchschnitt in irgendeiner Hinsicht exzentrisch sind, dann noch am ehesten in ihrer Ruhe und Intelligenz.

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