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Peter Hackmair: "Fußball – Gefahr der Scheinwelt"

22.12.2012 | 18:01 | von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Als Talent gepriesen, vom Verletzungspech gestoppt: Der 25-jährige Peter Hackmair hat sich über den Fußball seine eigenen Gedanken gemacht. Standpunkte, die zum Nachdenken anregen.

Man soll im Leben ein Haus bauen, das ist es nicht ganz geworden. Und einen Baum pflanzen – das kann noch kommen. Und ein Buch schreiben. Das liegt unterm Christbaum, das hat er selbst geschrieben, im Eigenverlag herausgegeben. Der Oberösterreicher Peter Hackmair hat im Spätsommer dieses Jahres seine Karriere beendet, in einem Alter, in dem die Laufbahn von anderen Fußballern gerade erst so richtig beginnt. Aber der 25-Jährige hat einen Schlussstrich gezogen. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen, der etwas schmächtig wirkende Blondschopf spielte in allen Nachwuchsauswahlen des Österreichischen Fußball-Bundes, er war bei der Unter-20-Weltmeisterschaft 2007 dabei, als die ÖFB-Auswahl mit den heutigen Legionären Martin Harnik, Sebastian Prödl, Zlatko Junuzović und Co. Rang vier feiern durfte. Einmal stand er unter Teamchef Josef Hickersberger sogar kurz vor dem Sprung ins A-Team.

Jetzt tourt er durch Österreich, dieser Tage war er in St. Pölten und Wien, um sein Buch zu promoten. Sein Gang ist aufrecht, von den alten Verletzungen ist rein äußerlich nichts zu bemerken. Dabei hat sein Körper im Laufe der wenigen Jahre genug aushalten müssen. Er wurde überstrapaziert, geschunden, malträtiert. Er musste eine Meniskus- und hartnäckige Schambeinentzündung aushalten, eine Knorpelverletzung und insgesamt drei Risse eines Kreuzbandes. Letztlich zu viel, um sich weiter den Fußball anzutun.

Die Frage nach dem richtigen Weg. Irgendwann wurde Peter Hackmair klar, dass ein weiteres Bundesliga-Comeback nur mit abermaligen Qualen verbunden sein würde. „Ich habe überlegt“, sagt er im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“, „ob ich noch glücklich bin im Fußball. Oder es noch einmal werden kann. Ich habe überlegt, ob ich überhaupt noch den richtigen Weg beschreite. Die Frage, die sich stellte, lautete: Habe ich noch Visionen?“ Die Antwort fiel schonungslos ehrlich aus. „Ich wäre nicht mehr hundertprozentig glücklich geworden.“

Das war's dann für ihn. Die erste Karriere betrachtet er als abgehakt. Aufgearbeitet hat er sie anhand von Aufzeichnungen. Aufzeichnungen, die nun ein Erstlingswerk geworden sind.

Geschrieben hat Peter Hackmair sein Buch „für den Fußball, mit dem ich so wunderschöne Jahre verbracht habe und der einen großen Anteil daran hat, dass ich zu dem Menschen geworden bin, der ich heute bin“, steht im Vorwort. Gewidmet ist es seiner Frau Marie-Therese, die in allen Höhen und Tiefen zu ihm gestanden ist. Und all den Wegbegleitern, „von denen ich lernen durfte“.

Der 25-Jährige aus Kammer war vielleicht immer schon anders als viele der üblichen Profis. Als er sich an einem Freitag, den 13. (August 2010) Bänder und Meniskus riss, stellte er sich die Sinnfrage. Nur fünf Tage davor hatte er das Rieder Siegestor gegen die Austria geschossen – der erste Auswärtsieg der Innviertler gegen Violett nach elf Jahren war perfekt. Im Handumdrehen aber wurde aus dem Helden ein Pechvogel – die dritte schwere Verletzung innerhalb von zwei Jahren war der Anfang vom Ende. „Ich bin davon überzeugt“, schreibt Hackmair, „dass diese Verletzung in mein Leben treten musste.“ Wie bitte? „Weil sie mir etwas sagen wollte, in späterer Folge zu einem Wegweiser in meinem Leben wurde.“

Wenn die Weihnachtsfeiertage vorübergezogen sein werden, dann wird sich Peter Hackmair einen Traum erfüllen. Dann wird er gemeinsam mit seiner Frau die Koffer packen – und eine Weltreise machen. Die Ziele sind noch vage, fix ist nur, dass der Weg in Asien beginnt. Auch Kalifornien soll nicht fehlen, ebenso Mittelamerika. Und natürlich Indien. „Wir haben ein Patenkind dort“, erwähnt Hackmair so nebenbei. Wie lang die Reise dauern soll, ist noch offen. „Ich schätze, ein halbes Jahr.“ Darum hat seine Frau, die als Grafikerin gearbeitet hat, auch ihren Job gekündigt. Wie man das alles finanziert? „Wir haben einen kleinen finanziellen Polster – den Luxus leisten wir uns. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir privilegiert sind.“

Der HAK-Absolvent wird also irgendwann im Sommer 2013 wieder nach Österreich kommen. In der Hoffnung, dass die erste Auflage seines Buch dann vielleicht sogar schon ausverkauft ist. 5000 Stück hat er drucken lassen, geschätzte 1500 sind verkauft. „Ich hatte null Erwartungen. Ich habe alles selbst gemacht, obwohl mir viele abgeraten haben. Aber es war die richtige Entscheidung. Dass ein Fußballer mit 25 Jahren so etwas macht, das ist wohl einzigartig. Aber ich habe viele Biografien gelesen, über Deisler und Enke. Und ich liebe Paulo Coelho. Derzeit lese ich ,Gebrauchsanleitung für die Welt‘ von Andreas Altmann.“

Ein Haufen Ideen, kein Plan. Peter Hackmair, der Wirtschaftswissenschaften studiert und diese Ausbildung auch beenden, obendrein den Trainerschein erwerben will, gibt zu, „einen Haufen Ideen, aber keinen konkreten Plan zu haben“. Dass man ihn als „Klugscheißer“ betrachten könnte, das stört ihn wenig. „Wenn man jemand so denkt, dann soll er diese Kritik direkt an mich richten.“

Der Weltreisende in spe hat sich in seinem Buch auch unzählige Gedanken über die Probleme des heutigen Fußballs gemacht. „Es ist zu viel Geld im Spiel“, sinniert er. „Was heute für Spieler bezahlt wird, das ist irre. Das kann kein Mensch wert sein, auch kein Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.“ Auch in Österreich würde jungen Spielern allzu leicht mit hohen Gagen der Kopf verdreht. „Die Gefahr ist groß, dass junge Burschen den Boden unter den Füßen verlieren.“

Der junge Oberösterreicher scheut im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ aber auch nicht davor zurück, Selbstkritik zu üben. „Ich habe selbst schon zu viel verdient. Wobei ich zugebe, dass ich das Geld gern genommen habe.“ Irgendwann hat er dann jedoch fast Gewissensbisse bekommen. „Ich habe begonnen zu spenden.“ Hackmair ist sich aber auch im Klaren darüber, das Rad der Zeit nicht zurückdrehen oder internationale Entwicklungen nicht aufhalten zu können. „Aber es ist nicht leicht, wenn man weiß, man verdient das Dreifache der Eltern, die sich auch jeden Tag abplagen müssen.“

Auch die Medien bekommen bei Peter Hackmair ihr Fett ab. „Es gibt nur Helden oder Versager. Die Medien von heute kennen dazwischen nichts. Damit muss man als junger Mensch auch erst einmal lernen umzugehen. Das ist insofern schwierig, als es viele Spieler gibt, die so etwas leicht persönlich nehmen können.“

Für ein paar Euro mehr. Dem österreichischen Fußball, so glaubt Peter Hackmair, fehle es an der nötigen Breite. Und vielen Spielern mangle es an der nötigen Identifikation mit ihrem Verein. „Manche wechseln den Klub für ein paar hundert Euro mehr. Ich war so lange bei Ried, das ist wie eine Familie. Ein Klub, der auch hart kämpfen muss, dass er wirtschaftlich halbwegs mithalten kann. Aber wenn man liest, wie in Spanien oder Italien gewirtschaftet wird, dann ist das schon sehr bedenklich. Schulden, nichts als Schulden.“ Dafür stünden schöne Trophäen im Schrank. „Es überwiegen Negativschlagzeilen. Auch im Fußball. Affären sind interessanter als schöne Tore, es regieren Neid und Eifersucht.“

Jeder Spieler habe Stärken – und Schwächen. „Behandelt werden manche aber schäbig“, kritisiert Peter Hackmair. „Unter der Gürtellinie.“ Vernichtend bis menschenverachtend. „Auch mir wurden manchmal die Worte im Mund umgedreht.“ Was ihn wiederum in Schwierigkeiten gebracht hat. Sich dagegen zu wehren gestaltet sich für junge Spieler allerdings als äußerst schwierig. „Wobei wir in Österreich immer noch eine vergleichsweise harmlose Medienlandschaft haben.“ Aber auch das seien unbezahlbare Erfahrungen. Als Kolumnist für eine Sport-Internet-Plattform will er es nun selbst besser machen. „Ich habe sicher andere Ansichten als gelernte Journalisten.“

Der Bewegungsdrang, erzählt Hackmair, war es, der ihn im Alter von fünf Jahren zum Fußball gebracht hat. Bei seinem Heimatverein, dem Sportklub Kammer. Bis er eines Tages von der Spielvereinigung Ried gescoutet wurde. „Fußball hat mir so viel Spaß gemacht, es hat mir alles bedeutet.“ Die Leidenschaft für Tennis nahm hingegen im Laufe der Jahre ab. „Mir hat Fußball so getaugt, weil es ein Mannschaftssport ist.“ Einer für alle, alle für einen.

Der Fußball aber, so denkt Peter Hackmair, entwickle sich in eine vollkommen falsche Richtung. „Fußball sollte für alle leistbar sein.“ Vor allem im Stadion, für Familien. „Aber es gibt Anhänger, die können sich kein Abo leisten. Oder sie können sich kein Abo für Pay-TV leisten. Auf der anderen Seite wollen die Vereine auch immer mehr Geld verdienen – das ist der Teufelskreis dieser Geschichte. Der Fußball sollte doch im Vordergrund stehen – und nicht die wirtschaftlichen Aspekte. Und dieser Faktor steigt und steigt. Aber ich bin nicht so blauäugig, dass ich mit meinen Ansichten oder meinem Buch die Fußballwelt verändern werde.“

Charakterfrage. Besonders spannend empfindet Hackmair die Konkurrenzsituation bei einem Klub. „Du bist einer von 23, die es geschafft haben. Aber eben nur einer. Diese Konkurrenz und dieser Druck, das kann schon förderlich sein. Aber das kann auch schnell in die andere Richtung losgehen. Da braucht man einen starken Charakter.“ Besonders drastisch hat Hackmair das immer wieder vor großen Spielen erlebt. Nicht nur im doch beschaulichen Innviertel. „Deine Leistung zählt, deine Karriere zählt. Und was ist mit der Mannschaft?“

Wenn man Peter Hackmair zuhört, dann kommt man zu dem Schluss, dass der ehemalige Bundesliga-Profi, der 120-mal für Ried und Innsbruck gespielt hat, mit sich im Reinen ist. „Es wird in Spielerkreisen viel diskutiert über mein Buch. Und mir hat es wirklich Spaß gemacht, es zu produzieren. Aber es hat auch viel Kritik gegeben. Mir war aber klar, dass ich das nicht mache, um neue Freunde zu gewinnen. Wobei ich betone – das Buch ist sicher keine Abrechnung.“ Auch vom Oberösterreichischen Fußballverband wurde er dafür gelobt. „Mutig, ehrlich, sehr persönlich.“ Und weil es so viel Spaß gemacht hat, folgt vielleicht auch ein zweites. Die Reiseberichte, so die Idee, könnte man ja vielleicht auch einmal binden lassen.

„Träume verändern“, sagt Peter Hackmair. „Da gibt es viel Interpretationsspielraum.“ Wobei ihm klar ist, dass Fußballer nicht gerade das beste Image genießen. „Es gibt zu wenig Bewusstsein, dass es ein Leben neben dem Fußball auch noch geben muss. Aber viele bilden sich nicht weiter, beherrschen keine Fremdsprachen. Vielleicht sind das auch Gründe, warum es im österreichischen Fußball so wenig Persönlichkeiten gibt. Zu viele haben den Tunnelblick, machen sich keine Gedanken, was einmal ist, wenn sie 35 sind. Viele fliegen dann auf die Schnauze. Weil sie zu lang in ihrer eigenen Welt, einer Scheinwelt, gelebt haben. Manche schaffen es nicht, aus diesem Umfeld herauszukommen. Und entwickeln keine anderen Interessen. Sie bleiben bei Autos, Kleidern und Frauen hängen – und stecken.“

Die schlimmste Erinnerung. Aber auch das Image von Fans ist schlecht. Seine schlimmste Erinnerung? „Auswärtsspiel mit Ried im Hanappi-Stadion. Unser Bus wurde beworfen, von zwei Buben. Der Vater stand daneben – und hat applaudiert. Diese Bilder werde ich nie vergessen. Da versagt die Erziehung. Das ist ein Problem der Gesellschaft – und im Fußball wird das leider viel zu oft ausgelebt.“


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