Herzog: "Ich wollte ÖFB-Teamchef werden"

23.12.2012 | 17:39 |  von WOLFGANG WIEDERSTEIN (Die Presse)

Andreas Herzog gewährt Einblicke in seine Arbeit als Ko-Trainer des US-Teams. Der Wiener lobt David Alabas Entwicklung und hofft auf Heldentaten von Marko Arnautović mit dem Nationalteam.

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Die Presse: Wie beurteilen Sie das Niveau der österreichischen Fußball-Bundesliga?

Andreas Herzog: Ich muss sagen, das Problem unserer Liga ist die Champions League. Wir sehen Woche für Woche den FC Barcelona, Bayern München, Real Madrid – einen Messi und einen Ronaldo, also die Besten der Besten. Das hat es früher in diesem Ausmaß nicht gegeben, das Fernsehen ermöglicht das. Und ich sage das, obwohl ich auch Experte bei Sky bin. Aber wenn man regelmäßig mit Topspielen verwöhnt wird, dann wird es schwierig, unsere Bundesliga richtig einzustufen. Manches erscheint dann wie ein Kontrastprogramm, viele sprechen dann von einer anderen Sportart.

 

Höflich formuliert, also noch einmal: Mittelmaß oder schlechtes Unterhaltungsprogramm?

Einige Vereine bzw. einige Spieler sind gut unterwegs. Salzburg verfolgt jetzt eine interessante Philosophie, hat gute junge Leute verpflichtet. Da kann schon sein, dass es einigen Spielern gelingt, wieder via Österreich den Weg ins Ausland zu finden. Aber ich möchte Red Bull nur warnen, dass die Meisterschaft sicher kein Selbstläufer wird.

 

Womit wir bei der Wiener Austria wären...

Die Austria ist sicher nicht viel schlechter als Salzburg – wenn überhaupt. Wenn sich da kein Schlüsselspieler verletzt, dann traue ich denen alles zu. Die Auswärtsbilanz ist ein Wahnsinn, da sieht man die Handschrift von Trainer Peter Stöger am besten. Normalerweise ist es in unserem Beruf ja so, dass eigentlich immer nur die Mannschaft gewinnt – und der Trainer verliert. Die Austria ist ein schönes Beispiel, welche Rolle ein Betreuer bei einem Klub spielt.

 

Seinen Anteil am Aufschwung hat aber auch Stürmer Philipp Hosiner.

Unbestritten. Wenn der so weitertrifft, dann wird das im Ausland nicht unentdeckt bleiben. Aber ich möchte auch Suttner erwähnen. Linksverteidiger werden in ganz Europa gebraucht. Und von der Entwicklung her ist das alles recht positiv. Der österreichische Markt ist also noch nicht leer gefischt.

 

Reden wir doch auch über Rapid.

Für mich war das ehrlich gesagt vorhersehbar. Die haben zwar den Aufstieg in die Gruppenphase der Europa League geschafft, aber in jeder Runde war es schon eng, es war immer die Gefahr dabei, dass man ausscheidet. Bitter war dann vor allem die Niederlage gegen Trondheim. Später hat sich gezeigt, dass Rapid keine Ersatzbank hat. Oder sagen wir so: Im Kader steckt viel Talent, aber das ist für Gruppenspiele allein nicht ausreichend.

 

Die hochgelobten Fans gaben auch nicht immer den ersehnten Rückhalt.

Ja, das war teilweise schon problematisch. Vor allem für die Jungen. Die denken sich immer: Wie werden jetzt wieder die Fans reagieren? Das verunsichert natürlich. Was Rapid braucht, das ist ein neues Stadion. Und was Basel kann, das muss Rapid auch können. Ziel für Rapid muss eigentlich die Champions League sein. Ob ein neuer Sportdirektor alle Probleme löst, weiß ich nicht. Viel wichtiger wäre, dass einer kommt – und Kohle in den Klub reinhaut. Nur von der Tradition kann man heute nicht mehr leben.

Der Klubfußball hat Probleme, doch wenigstens das Nationalteam scheint besser zu funktionieren.

Teamchef Marcel Koller macht einen guten Job. Aber erinnern wir uns an das Deutschland-Spiel. Die Öffentlichkeit war zufrieden, weil wir gut gespielt haben. Aber in Wahrheit ist es so, dass wir eine der seltenen Möglichkeiten ausgelassen haben, sie zu schlagen. In dieser Verfassung bekommt man die Deutschen nicht oft.

 

Fährt Österreich zur WM?

Die Fans haben Hoffnung. Das hat auch damit zu tun, dass ein schöner Fußball gespielt wird. Aber man muss realistisch bleiben. Jetzt haben wir gegen Deutschland verloren, in Kasachstan nur 0:0 gespielt. Das heißt, wir brauchen schon drei Heldentaten. Das ist der Unterschied zur Qualifikation für die WM in Frankreich 1998. Da haben wir nur zwei gegen Schweden gebraucht.

 

Klingt eher pessimistisch. Dabei haben wir doch so gute Legionäre...

Ja, die haben wir auch. Einige entwickeln sich zu Leistungsträgern – die Entwicklung von David Alaba ist sensationell. Ich kann das beurteilen, ich war schließlich auch einmal bei den Bayern.

 

Und was wird aus Marko Arnautović?

Ich habe immer gesagt, das wird der österreichische Zlatan Ibrahimović. Genau solche Spieler brauchst du – die können beispielsweise gegen Irland oder Schweden den Unterschied ausmachen.

Wann kommen Sie wieder Ihrem Job als Teamchef-Assistent von Jürgen Klinsmann beim US-Verband nach?

Permanent. Mitte Jänner sind wir zwei Wochen lang auf Trainingslager in Los Angeles. Geplant ist in dieser Zeit auch ein Testspiel gegen Kanada. Das ist die Generalprobe für das nächste WM-Qualifikationsspiel am 6.Februar in Honduras.

 

Wird Rapids Legionär Terrence Boyd auch dabei sein?

Ich denke schon. Der hat Anlagen, im Strafraum ist er eine Wucht. Nach seinen ersten Spielen für Rapid haben einige geglaubt, da kommt ein neuer Messi. Seine Fallrückzieher waren ein Hammer. Dann ist er zu spät von unserem Länderspiel in Mexiko zurückgekommen, anschließend hat ihn Trainer Peter Schöttel nicht aufgestellt. Da ist sein Lauf gerissen. Aber so wäre es ohnehin nicht weitergegangen.

 

Wie darf man sich die Zusammenarbeit mit Jürgen Klinsmann vorstellen?

Wir sind in ständigem Kontakt. Es gibt regen E-Mail-Kontakt, Videokonferenzen. In Europa gibt es ungefähr 40 Legionäre – in England, Deutschland, Italien, Holland, Dänemark etc. Und einen in Österreich. Jetzt gibt es wieder einen neuen Legionär in England. Ich beobachte sie alle gemeinsam mit Matthias Hamann. Wir sind fast jedes Wochenende für den US-Verband unterwegs. Meine Arbeit ist eine Mischung aus Scouting und Training. Aber das unterscheidet sich nicht großartig von meiner früheren Tätigkeit als U21-Teamchef.

 

Fährt die USA zur WM nach Brasilien?

Jetzt kämpfen sechs Mannschaften – Mexiko, Costa Rica, Honduras, Jamaika, Panama und die USA – um drei Plätze. Die Amis halten es so: Gewinne deine Heimspiele, hole auswärts einen Punkt. Aber das ist nicht so leicht. Die Auswärtsspiele in Panama oder Costa Rica haben es in sich. Dann steht einmal das Gras hoch, ein anderes Mal ist der Platz steinhart. Dann ist es wieder fürchterlich schwül und heiß. Das ist alles gewöhnungsbedürftig. Unterm Strich haben wir von zwölf Spielen neun gewonnen. Nächstes Jahr werden es noch mehr mit dem Gold Cup. Das ist eine Art Europameisterschaft im Concacaf-Raum.

 

Ist Fußball in Amerika angekommen? Wie viele Zuschauer kommen zu den Heimspielen?

Wir sind immer ausverkauft, egal wo. In Washington waren beispielsweise 95.000. Man muss bei der Wahl der Heimstätten aber gut überlegen, sonst hast du wegen der vielen Latinos keinen Heimvorteil.

 

Hängt Ihr Schicksal auch vom Erfolg von Jürgen Klinsmann ab?

Ja! Der Vertrag läuft bis Ende 2013. Ich hoffe, er verlängert sich bis zur WM 2014. Die USA, immerhin schon einmal in einem WM-Viertelfinale, muss sich qualifizieren. Die Mannschaft ist stark, viel besser als bei der Heim-WM 1994. Die jetzige Generation ist viel besser. Wir haben – bitte – in Genua mit 1:0 gegen Italien gewonnen. Und in Russland 2:2 gespielt. Das kann sich schon sehen lassen. Der US-Verband sitzt in Chicago, die Trainingsplätze sind in Los Angeles. Sehr viel ist in Zukunft von den Akademien zu erwarten. Da wird der Nachwuchs einen Schub machen.

 

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach dem US-Job, werden Sie als Koller-Nachfolger Österreichs Teamchef?

Es war ein riesiges Ziel von mir. Dreimal habe ich mit dem ÖFB-Präsidenten gesprochen, dreimal ist aber nichts daraus geworden. Ich hege allerdings keinen Groll, dass der ÖFB vor einem Jahr Marcel Koller geholt hat. Aber derzeit ist das für mich kein Thema. Eines weiß ich allerdings ganz genau: Den Ko-Trainer mache ich auf gar keinen Fall mehr.

 

Was können Sie von Jürgen Klinsmann lernen?

Er ist mehr ein Managertyp. Ein bisserl nach dem englischen Vorbild. Aber ich habe ihm gleich gesagt: Zum Huterln-Aufstellen komme ich nicht. Und Ja-Sager bin ich auch keiner. Dann hat er gemeint: „Genau so einen brauche ich.“

Die US-Amerikaner sind bekannt für gute Torhüter. Die Österreicher derzeit weniger...

Heinz Lindner kann schon ein guter Keeper werden. Michael Gspurnig hat bei Seattle in der Major League Soccer eine sehr starke Saison gespielt, das wurde mir von allen Seiten zugetragen. Und die griechische Liga, wo er vorher gespielt hat, ist auch nicht viel besser. Aber eines ist klar: Konsel, Konrad, Wohlfahrt etc. haben wir keinen mehr.

 

Haben Sie noch Kontakte zu Werder Bremen oder zu Bayern München?

Ja, die gibt es natürlich noch, auch wenn Christian Nerlinger bei den Bayern weg ist. Aber es hat sich viel verändert. Auch in Bremen. Dass Klaus Allofs den Verein verlassen hat, überrascht mich übrigens weniger. Seine letzten Transfers waren ja nicht mehr so erfolgreich.

 

Wie verbringen Sie die Feiertage?

Daheim mit der Familie. Und dann gehe ich Skifahren, ich habe ein Haus in St. Johann – das hat früher Ralf Schumacher gehört. Und, wenn dann noch Zeit bis zum Abflug nach Los Angeles bleibt, werde ich das Messi-Buch zu Ende lesen.

Zur Person

Andreas Herzog wurde am 10. September 1968 in Wien geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt in Breitenfurt.

Er spielte für Admira (1974–1983), Rapid (1984–1987), Vienna (1988), Rapid (1988–1992), Werder Bremen (1992–1995), Bayern München (1995–1996), Werder (1996–2001), Rapid (2002–2003) und LA Galaxy (2004).

Seine Erfolge, Klubs: Meister mit Rapid (1987, 1988); Meister ('93), Cupsieger ('94, '99) und Supercup-Sieger ('96) mit Bremen. Uefa-Cup-Sieg mit Bayern München (1996). Nationalteam: 103 Länderspiele (Rekord), 26 Tore; WM-Teilnahmen 1990, 1998.
Österreichischer Fußballer des Jahres 1992

Seine Trainerlaufbahn: ÖFB-Trainerstab WM-Qualifikation Oktober 2005; 2006–2008 Assistent von Josef Hickersberger; bis März 2009 Assistent von Karel Brückner; bis 16. Dezember 2011 U21-Teamchef. Seitdem: Ko-Trainer von Jürgen Klinsmann beim US-Team.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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7 Kommentare

Guardiola

Die beiden Namen, Guardiola und Herzog, in einem gemeinsamen Satz zu erwähnen ist meiner Meinung nach schon fast eine Straftat.

es lebe die Rapid!

Ein Fußballtrainer sollte in erster Linie fachlich bewandert sein, sollte aber auch ein Auftreten in der Öffentlichkeit aufweisen!
Wenn er keinen grammatikalisch richtigen Satz herausmermeln kann, dann sollte er auch nicht eine Nationalmannschaft repräsentieren!
Was übrigens auch von den zahlreichen ORF Co Kommendatoren verlangt werden müsste.

"Ich wollte ÖFB-Teamchef werden"

Auf was hinauf will der Teamschef werden? Hat der als Trainer schon irgend etwas erreicht? Trainer, die nur lauwarme Luft ausblasen haben wir schon genug gehabt?

Re: "Ich wollte ÖFB-Teamchef werden"

Franco Foda war auch "bloß" Co und Jugendtrainer und war der beste Trainer Österreichs.
er hat mit sehr wenig sehr viel gemacht.

Re: "Ich wollte ÖFB-Teamchef werden"

was hatte ein Guardiola, ein Villas Boas erreicht bevor sie Chef-Trainer wurden? das qaren beide "nur" Assistenten...

Re: Re: "Ich wollte ÖFB-Teamchef werden"

Das mit Guardiola ist nicht ganz richtig. Der hat schon vorher erfolgreich die B Mannschaft von Barcelona trainiert. Etwas vergleichbares kan der Herzog nicht annähernd nachweisen.

ja ich auch


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