"Eine Schande für den Fußball"

Italien kommt nicht zur Ruhe, nach dem Eklat um Milan-Legionär Boateng wurde auch das Spiel Lazio Rom gegen Cagliari von rassistischen Vorfällen überschattet.

Eine Schande fuer Fussball
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Eine Schande fuer Fussball
(c) REUTERS (GIAMPIERO SPOSITO)

Wien/Red. Nach dem Eklat um Milan-Legionär Kevin-Prince Boateng ist in Italien nun auch das Serie-A-Spiel zwischen Lazio Rom und Cagliari Calcio (2:1) von rassistischen Vorfällen überschattet worden. Ultras von Lazio, das auch mit dem deutschen Nationalspieler und Torjäger Miroslav Klose aufgelaufen ist, haben den dunkelhäutigen Cagliari-Spieler Víctor Ibarbo beschimpft.

 

Hämische Rufe, kein Abzug

Aus der Kurve der berüchtigten Lazio-Anhänger, die in der Vergangenheit wegen ihrer rechtsextremistischen Orientierung oft für Aufsehen gesorgt hatten, ertönten in der ersten Halbzeit Pfiffe und hämische Rufe gegen den Kolumbianer. Daraufhin wandte sich Cagliaris Generaldirektor Luciano Marroccu an den Referee und drohte mit dem Abzug der Mannschaft, sollten die Pfiffe nicht verstummen. Ibarbo versicherte allerdings, dass er das Feld nicht verlassen werde, selbst wenn die Schmährufe anhalten sollten. Daraufhin wurde das Match fortgesetzt.

Der gebürtige Berliner Boateng handelte erst am Donnerstag im Testspiel gegen Pro Patria anders und verließ in der 26. Minute das Spielfeld, weil er und seine dunkelhäutigen Teamkollegen wiederholt von gegnerischen Fans rassistisch verhöhnt worden waren. Die Partie wurde abgebrochen, weil auch Boatengs Mitspieler zu spielen aufhörten. Für die konsequente Reaktion erhielten Boateng und sein Team europaweit viel Anerkennung. Im Nachrichtendienst Twitter bezeichnete Boateng die Zwischenfälle in Rom am Sonntag als „sehr traurig“.

Luciano Marroccu sprach nach dem Spiel von „verwerflichen Vorfällen“. Er habe den Schiedsrichter angesprochen, weil die Rufe zu laut geworden seien. „Aber den Beschluss über den Abbruch des Spiels muss der Schiedsrichter fällen“, sagte der Manager von Cagliari.

Lazio-Präsident Claudio Lotito hielt sich mit Kritik an den eigenen Anhängern zurück. „Unsere Fans sind keine Rassisten. Wir haben auch einige dunkelhäutige Spieler in unseren Reihen. Wir können nicht jeden einzelnen Fan kontrollieren“, sagte Lotito. „Ich denke, dass die Fangemeinschaft insgesamt bewertet werden muss – und unsere Fangemeinschaft ist intakt. Einige wenige Rassisten können nicht das Gesamtbild beeinflussen.“

 

Affengeräusche

Kevin-Prince Boateng denkt nach dem Rassismus-Eklat jedenfalls über einen Abschied aus Italien nach. „Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich werde jetzt drei Nächte darüber schlafen und mich nächste Woche mit meinem Berater Roger Wittmann treffen. Dann muss man schauen, ob es weiter sinnvoll ist, in Italien zu spielen“, sagte der 25-Jährige in einem Interview der „Bild“-Zeitung.

Der gebürtige Berliner hat am Donnerstag im Spiel gegen Pro Patria das Spielfeld vorzeitig verlassen. „Schon nach fünf Minuten gab es Affengeräusche auf der Tribüne, wenn ich am Ball war“, sagte Boateng. Das Spiel wurde abgebrochen. Für die bemerkenswerte Aktion streute man dem international für Ghana spielende Boateng und seinem Team Rosen.

Milan-Trainer Massimiliano Allegri stärkte Boateng und seinen Spielern erneut den Rücken. „Die Mannschaft wird in einer ähnlichen Situation genauso reagieren“, sagte der Coach. Die Staatsanwaltschaft in Busto Arsizio verhörte am Samstag fünf Fans, die auf Videoaufzeichnungen identifiziert worden waren. Gegen die Anhänger des Klubs Pro Patria wurden Verfahren wegen Anstiftung zum Rassenhass eröffnet.

Kritik des früheren Mitspielers Clarence Seedorf, mit der Aktion werde Rassisten zu viel Bedeutung gegeben, mochte Boateng nicht nachvollziehen. „Wir dürfen Rassismus nicht mehr tolerieren. Weggucken ist einfach, handeln schwieriger. Aber ich hätte das auch in der Champions League beim Spiel gegen Real Madrid gemacht – und werde es immer wieder tun.“ Dass so etwas passiere, sei eine Schande. „Nicht nur für Italien, sondern für den Fußball auf der ganzen Welt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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