"Into the Wild": Sterben lernen in Alaska

Naturromantik. Sean Penns bewegendes Aussteiger-Epos „Into the Wild“. Ab Freitag.

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(c) Tobis

Zeilen Lord Byrons sind der vierten Regiearbeit des Starschauspielers Sean Penn vorangestellt: „I love not man the less, but nature more.“ Bis zum Anschlag ausgekostete Naturromantik ist auch Triebfeder des Films: Into the Wild, in die Wildnis, bricht Christopher McCandless (Emile Hirsch) auf. Er verlässt nach erfolgreichem College-Abschluss unangekündigt seine Familie, spendet seine Ersparnisse, verbrennt Papiere und restliche Geldscheine, nennt sich Alex Supertramp und macht sich auf den Weg, entlang „der Straße, die immer nach Westen geführt hat“. Ziel: die Einsamkeit des unberührten Alaska.

Nach zwei Jahren erreichte McCandless Alaska – und fand dort 1992 den Tod: Penns Film liegt eine wahre Aussteigergeschichte zugrunde, die Jon Krakauer für sein gleichnamiges Buch rekonstruierte. Beim Erscheinen 1996 wurde es ein US-Bestseller: Es hatte wohl ein Lebensgefühl vieler Zivilisationsmüder getroffen. Zugleich sorgte es für gespaltene Reaktionen: War McCandless ein romantischer Abenteurer, der auf den Spuren seiner literarischen Helden wie Thoreau der kleingeistigen Erfolgsgesellschaft den Rücken kehrte? Oder ein verzogener Narr, der Freunde und Verwandte zurückließ und im verlassenen Bus in der Wildnis verhungerte, weil er zu arrogant oder zu dumm gewesen war, auch nur eine Landkarte mitzunehmen? Er wurde schließlich durch einen reißenden Fluss abgeschnitten, aber der Karte hätte er entnommen, dass eine Überquerungsmöglichkeit (und Vorräte) ganz in der Nähe waren – ein Detail, das Penns Film (im Gegensatz zum Buch) übergeht.

Überhaupt ist klar, dass Penn – mehr noch als Krakauer – vom romantischen Ideal angesprochen wurde, dass der junge exzentrische Held von Into the Wild verkörpert. Penns bisherige Filme (zuletzt Das Versprechen und The Crossing Guard, die Jack Nicholson zwei rare würdige Altersrollen boten) waren bemerkenswert in ihrem dichten Expressionismus und wegen der ausbalancierten Position gegenüber ihren obsessiven Hauptfiguren, deren Hingabe bewunderswert, deren verengte Weltsicht beunruhigend schien. Mit prächtigen Naturpanoramen und expansivem Erzählgestus vollzieht Penn nun eine berauschende Erweiterung seiner stark visuellen Kunst (das Erbe des unkonventionelleren „New Hollywood“-Kinos der 1970er ist aber noch immer deutlich spürbar, bis in die Split-Screen-Effekte und das Einweben von Eddie Vedders epischen Pop-Songs); gleichzeitig scheint der oft schwelgerische Stil zur Identifikation mit McCandless einzuladen.


Entrückung und Selbstzerstörung zugleich

Aber bei aller Hingabe an die Romantik ist die Rücksichtslosigkeit des Protagonisten unabstreitbar, ebenso wie seine Ignoranz (der Madenbefall eines frischgeschossenen Elchs ist „eine der größten Tragödien meines Lebens“). Sein Ende, allein, zum Skelett abgemagert, ist transzendente Entrückung und tragische Selbstzerstörung zugleich: Der finale Aufstieg der Kamera suggeriert das Entschweben der Seele ebenso wie Distanzierung – der optimistisch getaufte „Magic Bus“, in dem Candless seine etwa hundert letzten Tage verbrachte, wird in Proportion gesetzt zu den wahren Weiten seines vermeintlichen Waldes.

Mit unerwarteter inszenatorischer Meisterschaft vertieft Penn die Themen: Die Reise, buchstäblich als Entwicklungsroman geschildert, ist in Kapitel unterteilt, jedes hat einen eigenen Rhythmus (außerordentlich die Montage des Films, ihre Tempi, assoziative Kraft) und charismatische Figuren: Ihre Begegnungen mit McCandless konterkariert Penn mit dessen Erlebnissen. Auch aus diesem Zusammenspiel erhält die schließliche Einsicht Kraft: Dass nur geteiltes Glück wirklich ist – seine Epiphanie erlebt der vermeintlich einsame Wanderer erst, nachdem er retrospektiv erkennt und akzeptiert, dass er genau dies getan hat: sein Glück geteilt.

Zur erstaunlichen Wärme und Offenherzigkeit des Filmsträgt nicht nur Hauptdarsteller Hirsch bei, der unangestrengt teils widersprüchliche Eigenschaften (Rebellion und Prinzipientreue, Naivität und Zielstrebigkeit) einfängt, sondern auch feine Nebendarsteller: William Hurt und Marcia Gay Harden verleihen ihren relativ eindimensionalen Rollen als erstickende Eltern glaubwürdiges Pathos; Hal Holbrooks einsamer Witwer, in dem McCandless zuletzt fast noch einen Ersatzvater findet, ist eine der makellosesten Leinwandkreationen der letzten Jahre. Dazwischen hat Penns Film, der sich auch als Feier der Lebensfreude seines Supertramps versteht, Heiterkeit zu bieten: Nicht unbeteiligt sind Vince Vaughn als nicht ganz legal arbeitender Farmer und Catherine Keener sowie Brian Dirker als Hippie-Paar, in deren bunter Kommune später die Wanderlust über ein Weihnachten aufgeschoben wird.

„All is not well on the hippie front“, sagt Dirkers Figur einmal, auch in dieser Hinsicht ist Penns Film bemerkenswert: Er bietet ein zärtliches Panorama der aus eigenem Willen marginalisierten Gruppen der US-Bevölkerung, gesehen durch die Augen ihres mit offenen Armen aufgenommenen jüngsten Neuzugangs. Als Vorzeigeliberaler Hollywoods hat Penn öfters einen Watschenmann abgegeben, in Into the Wild genügt ihm ein knapper, dorniger Moment: Irgendwann taucht kurz George Bush (senior) im Fernsehen auf, und es wird klar, dass er über den ersten Golfkrieg redet. Aber McCandless schenkt dem kaum Beachtung: Er hat auf seiner Selbstsuche der Gesellschaft schon längst den Rücken gekehrt.

BUCH ZUM FILM

„In die Wildnis“ heißt die (eben bei Piper wieder aufgelegte) Buchvorlage: Jon Krakauer, ein Bergsteiger, der – zunächst mit Berichten über die eigenen Abenteuer – zum Autor wurde, rekonstruierte in dem US-Bestseller in minutiöser Recherche posthum die Wanderungen des jugendlichen Aussteigers John McCandless bis zu dessen Tod durch Verhungern in Alaska.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)

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