WIEN. Bei der U6-Bahnstation Tscherttegasse war das Dröhnen der Tibet-Musik schon zu hören. Je näher man dem Fußballplatz bei der Oswaldgasse kam, desto mehr wurde bewusst, dass hier mit dem Gastspiel des Team Tibets etwas Besonderes geschieht. Fahnen in rot, blau und gelb wehten im Wind, neben typischen „Free-Tibet“-Shirts wurden klassisch Burenwürste und Bier verkauft, der Regen störte an diesem 1. Mai niemanden. Zwar fand das Länderspiel nicht standesgemäß im Happel-Stadion, sondern im Verborgenen statt, anstatt des ÖFB-Teams spielte auch nur Wiener Viktoria –, dafür aber stieg im Herzen Meidlings ein Fest des Friedens.
Beiden Hymnen folgten Ansprachen und viel Aufsehen, denn auch darum ging es den Veranstaltern. Mit dem Antreten des „forbidden team“ zeigen die Tibeter, dass ihr Kampf für Unabhängigkeit und Einhaltung der Menschenrechte weitergeht. Ein Nationalteam spielt für die offizielle Existenz seiner Nation und wagt den Doppelpass für die Einhaltung der Menschenrechte.
Dass sich Tibets Fußballer – das Team wurde bunt zusammengewürfelt mit Spielern aus Indien, Schweiz und Österreich – zu drei Spielen in Wien überhaupt treffen konnten, ist dem Einsatz von Tsetse Zöchbauer, der Präsidentin der Tibeter Gemeinschaft in Österreich, Sponsoren und der Mithilfe prominenter Namen zu verdanken. „2008 ist ein besonders wichtiges Jahr für Tibet“, erklärt Zöchbauer, „In China finden die olympischen Spiele statt, es ist die einzige Chance für uns, dass sich etwas ändert.“ Wären die Spiele wieder vorbei, bestehe die Gefahr, dass Tibet in Vergessenheit gerate – weil China nicht mehr im Rampenlicht stehe. „Wir rufen sicher nicht zum Boykott der Spiele auf! Aber es ist an der Zeit, für Tibet und seine Rechte aufzustehen.“
Tibet soll Welt-Thema sein
An diese Hoffnung klammern sich – im Schatten der fünf Ringe – sehr viele Menschen. Am Viktoria-Platz tummelten sich zwischen tanzenden Schneelöwen, mit Hunden spielenden Kindern und knapp tausend Besuchern auch zahlreiche bekannte Gesichter. Eva Glawischnig etwa, auch Christine Lugner, Klub-Präsident Roman Gregory oder Francesca von Habsburg versuchten, „die Problematik in Tibet“ hervorzuheben. Am treffendsten formuliert es von Habsburg, sie sagt: „Es geht um die Unterstützung dieser Menschen. Der Dalai Lama lebt seit fünfzig Jahren im Exil, es ist viel Ungerechtigkeit passiert!“ Diese Krise müsse gelöst werden, dazu könne Fußball beitragen, warf Trainer Kelsang Thondup ein. „USA löste einst mit Tischtennis Probleme mit China, Iran und USA übten sich im Ringen, Pakistan und Indien spielten Cricket – wir spielen Fußball.“ Ob sich China durch diesen Querpass erreichen lässt und eines Tages tatsächlich ein Freundschaftsspiel gegen Tibet stattfindet?
Dass jeder aus dem Organisationsteam mit Herz und Seele bei der Sache war, bewies allein die Tatsache, dass der deutsche Schauspieler Ralf Bauer auf die Lichtmasten des Platzes kletterte, um die Fahnen zu montieren. Er selbst hat im Lauf der letzten Jahre eine Veränderung im Bewusstsein vieler Menschen bemerkt. „Aber nicht nur, weil Richard Gere sich für Tibet einsetzt“, sondern es laut Bauer zum „Welt-Thema“ geworden ist. Wobei er eines zugestehen musste: Wäre Olympia 2008 nicht in Peking, wäre die Resonanz wohl nicht so groß. Doch: „Es geht jetzt nicht mehr darum, was die letzten 48 Jahren nicht passiert ist“, sagt er trocken, „sondern darum, was in den nächsten 48 Jahren noch passieren muss.“ Letztlich ist es für jeden Nicht-Tibeter auch eine rein persönliche Frage – „ob man daran überhaupt interessiert sein will.“
In Meidling aber gab es für das Team Tibet sportlich nichts zu gewinnen. Gegen Viktoria wurden zig Chancen „vernebelt“, es führte zu einer 1:4-Niederlage. Doch das Spiel hatte seinen Zweck mehr als erfüllt. Für 90 Minuten hatte ein kleines Land viele Möglichkeiten, große Hoffnungen und viel Zuversicht. Was noch fehlt, ist der letzte, entscheidende Steilpass in die Mittelauflage und der lang erwartete Anstoß der Weltpolitik.
Francesca von Habsburg drückt Tibet in Wien die Daumen. Dem Auftakt gegen Viktoria folgen am Samstag Spiele gegen Stadlau (Erzherzog-Karl. Str. 108, 15 Uhr) und am Sonntag dem Sportjournalisten-team (FCM-Platz, 18, Leberstraße).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2008)

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