Religionsfreiheit für Atheisten

Die weltweit umstrittene Atheistenkampagne „Es gibt keinen Gott“ startet nach einer ersten Absage nun doch auch in Wien – allerdings nur mit drei Plakaten.

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(c) APA (Georg Hochmuth)

Gott trage mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Vornamen Karel, behauptet eine Kampagne auf Wiener City-Lights: „Gott ist ein tschechischer Schlagersänger. Er wird dir nichts tun“, heißt es dort. Die österreichischen Organisatoren der atheistischen Aktion – AG-ATHE (AtheistInnen/AgnostikerInnen für ein säkulares Österreich), AHA (Allianz für Humanismus und Atheismus) und der Freidenkerbund – haben sich also doch durchgesetzt.

Auch in anderen Ländern gab es Verbote oder Proteste; hier waren es die Wiener Linien, die die Kampagne im Juni absagten: Aufschriften wie „There's probably no god. Now stop worrying and enjoy your life“ seien – wie Werbung für Parteien und Glaubensgemeinschaften – nicht gewünscht. Auch in Berlin wehrten sich 17 Verkehrsbetriebe – "während für Religionen oder Bordells am laufenden Meter geworben wird", so die deutschen Initiatoren. Sie organisierten deshalb einen Doppeldeckerbus, der drei Wochen lang durch Deutschland fuhr – unabhängig.

In Wien fungieren statt Bussen nun City-Lights als Werbeträger. Umgesetzt wird die Kampagne von der Agentur Super-Fi, zu ihrem Anspruch sagt Philip Dunkel (AG-ATHE) der „Presse“: „Es geht uns darum, einen Diskurs zu starten – insbesondere auf die Benachteiligung von Atheisten z. B. in der Diskussion um den Ethikunterricht aufmerksam zu machen. Jene, die es betrifft, werden dazu nämlich gar nicht eingeladen. Diese Diskriminierung ist ein Missstand, die Gleichberechtigung wird wohl ähnlich lange dauern wie bei Frauen und Homosexuellen.“

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Auch in anderen Ländern mussten Interessensgemeinschaften um die Kampagne kämpfen (siehe nebenstehender Artikel): „Österreich ist da nicht sonderlich atypisch, das Thema ist weltweit Tabu“, sagt Dunkel. Noch bis Anfang August hängen in Wien Plakate, allerdings nur drei Stück. Warum? „Das sind die momentanen finanziellen Rahmenbedingung. Sie spiegeln die Schwierigkeit des Atheismus wider: Leute um ein ,Nicht‘ zu scharen.“ Insgesamt gibt es 3800 City-Lights in der Bundeshauptstadt, eine Streuung von 300 Stück ist üblicherweise nötig, um eine Zielgruppe zu erreichen.

 

Erzdiözese Wien: „Große Gelassenheit“

„Wir als Kirche sehen das mit großer Gelassenheit“, sagt indes der Sprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger. Und: „Wenn man über Gott spricht, ist uns alles recht.“ Was, wenn sich Menschen durch die Slogans in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen? „Dann würde ich mir wünschen, dass sie die Auftraggeber der Kampagne kontaktieren und denen das begreiflich machen.“ Denn: „Schon Nietzsche hat behauptet: ,Gott ist tot‘, dann war Nietzsche tot und Gott ist noch immer ganz schön lebendig.“

Sorge um religiöse Diskriminierung hatte auch der heimische Werberat, eigentlich für Handelswerbung, künftig auch für politische Werbung zuständig. Die Gewista hatte den Rat vorab um eine Begutachtung der Sujets gebeten, ob diese gegen die Selbstbeschränkungsregeln der Werbewirtschaft verstoßen. Nur mit sehr knapper Mehrheit entschied der Rat, „dass auch für den Atheismus das Prinzip der Religionsfreiheit gilt“, hieß es.

Laut einer aktuellen Wertestudie liegen die Österreicher in Sachen Religiosität auf dem achten EU-Platz: 79 Prozent bezeichnen sich als religiös. Die Zahl der Atheisten hat sich seit 1999 verdoppelt, auf vier Prozent. Eine atheistische Debatte schwelt seit populärwissenschaftlichen Bestsellern wie „Der Gotteswahn“ (2006) von Richard Dawkins. Der Autor hat übrigens vergangenen Oktober mit seiner finanziellen Unterstützung die ursprüngliche britische Atheistenkampagne überhaupt erst möglich gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2009)

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