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Südafrika vor der WM: Not gegen Elend

27.03.2010 | 18:20 |  von Thomas Knemeyer (Johannesburg) (Die Presse)

In Südafrika herrscht vor der Fußball-WM keine Euphorie. Horrende Hotel- und Ticketpreise stehen im krassen Gegensatz zur Armut. Potenziell gefährlich ist die Stimmung der Jugendlichen ohne Perspektive.

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In zehn Wochen ist es so weit: Am 11. Juni wird in Johannesburg die Fußballweltmeisterschaft angepfiffen, zum ersten Mal in Afrika. Seltsamerweise ist die Stimmung am Kap eher gedrückt.

Die Meinungen der Fußballfans waren wohl noch nie so gespalten wie vor dieser 19. WM-Endrunde. Vorgegeben von ihrer Regierung wiederholen viele Südafrikaner brav den Satz, es werde „die beste WM aller Zeiten“ werden. Am Tabellenende der Erwartungsliga findet man aber Schwarzseher wie diesen Internetblogger: „Die Frage bei dieser WM ist doch nicht, wer gewinnt, sondern wann es den ersten Toten gibt. Die Preise für Anreise, Unterkunft und Tickets sind so astronomisch, dass sich nur sehr wenige dies überhaupt leisten können. Diese WM wird als Totalflop enden.“

Dieser Pessimist steht keineswegs allein da. Bayern-Manager Uli Hoeneß musste zurückgepfiffen werden, nachdem er öffentlich erklärt hatte, es sei ein kolossaler Fehler gewesen, das Turnier nach Südafrika zu vergeben.

Heute, 74 Tage vor dem Anstoß der Partie Südafrika gegen Mexiko in der Soccer City vor fast 95.000 Zuschauern, sind die zehn Stadien fertig, es gibt mehr als genug Unterkünfte und für die Sicherheit der Fans wird ebenfalls gesorgt sein. Aber seltsam: Stimmung will nicht so recht aufkommen. Vor allem in den Kleinstädten und Dörfern Südafrikas findet die Weltmeisterschaft praktisch nicht statt: Vergebens sucht man Flaggen, Transparente und Werbetafeln, von geplanten Fanmeilen ganz zu schweigen. Wer dort lebt und keinen Fernseher besitzt, an dem wird das größte Sportereignis der Welt spurlos vorübergehen. Schade, und gewiss kein Ruhmesblatt für das örtliche Organisationskomitee unter Danny Jordaan.

Potenziell gefährlich ist die aufgeheizte Stimmung unter Jugendlichen, die keine Zukunftsperspektive haben, außer der, arm und arbeitslos zu sein. Jonathan Jansen, ein Universitätsrektor und scharfsinniger Chronist, schreibt in der Johannesburger „Times“: „Was mich als Lehrer und als Bürger besorgt macht, ist, dass wir eine neue Generation von jungen Südafrikanern heranzüchten, die frühzeitig gelernt hat, sehr zornig – tödlich zornig – zu sein, ohne dass Eltern interveniert und ohne dass Politiker oder Pädagogen sie jemals korrigiert hätten. Schau gut hin, Südafrika, dies ist deine Zukunft.“

Jansen meint: „Diese Jugendlichen werden niemals ausgebildet und angestellt werden. Diese jungen Menschen lernen instinktiv, wie man tötet. Sie werden eine Familie für ein Fernsehgerät erschlagen und einen Fußgänger für ein Handy erschießen. Sie werden jemanden vergewaltigen und danach ruhig weggehen.“

Keine Woche vergeht, ohne dass die Polizei mit Gummikugeln und Tränengas gegen Demonstranten vorgeht, die bessere Stromversorgung und Abwasserleitungen, ordentliche Häuser und Jobs fordern. Der zuständige Minister für den Hausbau, ein steinreicher Mann namens Tokyo Sexwale, stöhnte Ende Jänner, Südafrika habe „ständig eine Situation wie in Haiti – wir haben es tagtäglich mit einem hausgemachten Desaster zu tun“.

Sexwale nannte alarmierende Zahlen: 1994, als mit Nelson Mandela der erste demokratische Präsident die Ära der weißen Vorherrschaft beendet hatte, habe es landesweit 300 Slums gegeben; heute seien es hingegen 2600 Elendssiedlungen. Sein Kollege im Wasserministerium hält seit sechs Monaten einen Bericht unter Verschluss, wonach nur drei Prozent aller Kläranlagen Südafrikas (32 von 980) zufriedenstellend arbeiten. Vielerorts fließe ungeklärte Jauche direkt in Flüsse und Seen, gab ein Beamter zu, der natürlich nicht namentlich genannt werden wollte.


Südafrika ist Erste und Dritte Welt. Angesichts derartiger Zustände – die fast immer durch Inkompetenz, Faulheit und Korruption ausgelöst werden – ist es kaum verwunderlich, dass sich die Bürger von 280 Gemeinden in der Nationalen Union der Steuerzahler zusammengefunden haben und ihre Grundstücksteuern seit einiger Zeit auf Sonderkonten einzahlen. Als der zuständige Minister dahinter ein Komplott der Weißen witterte, mit dem Ziel, die Regierung von Präsident Jakob Zuma zu unterwandern, wurde er prompt von seinem eigenen Vize korrigiert: „Die Beschwerden der Bürger sind legitim. Es tut uns leid.“

Südafrika ist eben Erste Welt und Dritte Welt. Die fast 50 Millionen Einwohner, darunter Millionen Gastarbeiter aus noch viel ärmeren Nachbarländern, repräsentieren eine verblüffende Mischung von liberaler Modernität und Rückständigkeit, von grundlegend verschiedenen Sitten, Religionen und Sprachen. Neben dem Herzchirurgen praktiziert die spirituelle Heilerin und der Medizinmann. Homosexuelle Paare dürfen heiraten und legal Kinder adoptieren, abergläubische Dorfbewohner ermorden Jahr für Jahr vermeintliche „Hexen“.

Hinter Satellitenschüsseln findet man einen traditionellen Kraal mit Kühen. E-Mail und Handy kontrastieren mit uralten ländlichen Gebräuchen, Luxusvillen mit Blechhütten, funkelnde Nobelkarossen mit rostenden Sammeltaxen.

Der vermeintliche Reichtum des Landes, basierend auf unermesslichen Bodenschätzen, war immer schon relativ. Die Hälfte der Menschen lebt an der Armutsgrenze, zwölf Millionen beziehen Sozialhilfe, nicht einmal sechs Millionen zahlen Einkommensteuer.

Für diese Menschen klingt „die beste WM aller Zeiten“ wie ein Hohn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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2 Kommentare
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Es ging nur um FIFA-Präsident Blatters Wiederwahl!

Der Schweizer brauchte ganz einfach die afrikanischen Stimmen, um wieder gewählt zu werden! Seine Gegenleistung: Afrika bekommt eine der nächsten Weltmeisterschaften! Und so geschah´s...

Schönfärbend heißt es natürlich wieder einmal, daß die Ausrichtung eines derartigen sportlichen Weltereignisses "wertvolle Impulse für die Entwicklung in Staat und Gesellschaft" bringt. Tatsächlich machen das große Geschäft aber, wie inzwischen üblich, ausschließlich die "offiziellen FIFA-Partner". Die Hoffnungen zahlreicher Händler vor Ort, auch etwas vom wohlschmeckenden WM-Kuchen abzubekommen haben sich inzwischen in Rauch aufgelöst.

Und wenn, wie im Artikel geschildert, die WM dann auch noch nicht einmal per TV "in den Hütten" ankommt, dann wird sich der angestrebte nachhaltige Werbeeffekt in engen Grenzen halten. Doch inzwischen wird die WM-Karawane längst wieder wo ganz anders lagern...

jopc
27.03.2010 23:51
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was soll man schon von "vernetzten" funktionären erwarten?