. B . „Wollen wir wieder nach oben?“, fragt der eine Fan etwas ahnungslos den anderen. „Ja, eigentlich schon“, antwortet der. „Also die Saison ist 'n bisschen schleppend angelaufen“, kann der eine dann antworten, „aber eigentlich wollen wir schon.“ Unten auf dem Trainingsplatz absolvieren die Oberliga-Fußballer ihr Lauftraining. Während die Bundesliga dieses Wochenende in den Frühling startet, haben die Amateure noch drei Wochen Galgenfrist.
Früher, vor der Wende, war die Oberliga die höchste Spielklasse der DDR. Heute ist die gleichnamige Liga nur noch fünftklassig, irgendwo im Niemandsland des gehobenen Amateurfußballs. Die ruhmreichen Zeiten des BFC Dynamo scheinen lange her.
Vor 22 Jahren holte der Verein hier, in diesem 12.000-Zuschauer-Betonkäfig, den letzten von zehn DDR-Meistertiteln. In der gesamtdeutschen ewigen Rangliste würde Dynamo damit hinter Bayern München auf Rang zwei stehen. Vor auf den Tag genau 21 Jahren, am 15. Jänner 1990, stürmte eine aufgebrachte Menge in Berlin das Stasi-Gebäude. Stasi und Fußball: Auch das ist ein unrühmliches Kapitel deutscher Gesichte.
Das Stadion im Sportforum im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen, wo sich der DDR-Spitzensport konzentrierte und nebenan die Stasi ihre Häftlinge hielt, sieht heute eher traurig als meisterlich aus. Der Lack blättert vom Geländer auf der Tribüne ab, die Töne der Lautsprecheranlage hallen durch die leeren Ränge. 350 Fans waren zum letzten Heimspiel ins 12.000 Zuschauer fassende Stadion gekommen. Die meisten Dynamo-Anhänger standen auch vor der Wende schon hier. „Fast alles alte Veteranen hier“, sagt André Beyer. „Einige der Jungs auf dem Rasen sind Söhne von uns Fans. Das ist heute wie eine große Familie.“
Die 50 lautstarken Hooligans, beobachtet von einem Dutzend Polizisten, die jedes Spiel begleiten, gab es damals nicht. Dennoch: Auch sie sind schon länger Dynamo-Anhänger. Wenn auch keiner der Offiziellen sich so richtig zu ihnen bekennen will, werden sie geduldet. Diese Gefolgschaft ist ein bedeutender Grund, warum der BFC Dynamo seit der Wiedervereinigung immer wieder in den Verdacht geraten ist, rechtsextremes Gedankengut zu pflegen. Vor den Spielen hängen die Lauten ihr Banner an den Zaun: „Euer Hass macht uns nur stärker“, in Frakturschrift. Das Statement, in dem Experten rechtsextreme Hinweise sehen würden, bezieht sich auch auf die historische Unbeliebtheit des Vereins.
„Stasi-Dynamo“ Meister auf Befehl
Rainer Ernst, einst Dynamo-Fußballer und DDR-Nationalspieler, meinte einst: „Da kamen drei Dinge zusammen: Der Hass auf die Hauptstadt und deren Sonderstellung, der Hass auf das Stasi-Dynamo und Neid auf unseren Erfolg.“ Vorsitzender des BFC Dynamo war der Stasi-Chef Erich Mielke. Weil dieser den erfolgreichsten Fußballklub des Landes führen wollte, wurden die besten Spieler des Landes angewiesen, zum BFC Dynamo nach Berlin zu wechseln. Auch Schiedsrichter schienen parteiisch pfeifen zu müssen. So wurde „Stasi-Dynamo“ durch politische Kraft zum Meister gemacht, von 1979 bis 1988 zehnmal in Folge. Nie wieder hat ein deutscher Klub eine solche Serie geschafft.
Nachdem sich aber 1989 die Berliner Mauer geöffnet hatte, folgte ein radikaler Spielerausverkauf an die Bundesligaklubs im Westen. Auf mysteriöse Weise verschwanden die Millionenerlöse aus den Transfers, und so ging es mit Dynamo schnell und steil bergab. Seitdem pendelt der Verein zwischen dritter und fünfter Liga. Und bis auf einen harten Kern sind nach Jahren der Stagnation auch die Zuschauer ferngeblieben. Der Hass, den die Lauten aus der Kurve auf ihrem Banner ansprechen, soll von jenen kommen, die Dynamo noch heute verdammen. Der Grund dafür liegt aber meist nicht mehr an der krummen Stasi-Führung oder dem Neid auf Erfolg, sondern eben an den oft gewaltbereiten Fans, die dem Verein seit der Wiedervereinigung einen überregionalen Ruf verliehen haben. „In jeder Disco ist das schlimmer als hier“, wiegelt ein Ordner ab. „Aber so ist das halt: Hast du einmal deinen Ruf weg, wirst du den auch nich' mehr los.“ Allerdings sei schon wahr, dass einige Fans problematisch und latent aggressiv seien.
Ein mittelfristiges Ziel sei der Aufstieg in die Regionalliga, die vierthöchste Spielklasse, sagt Martin Richter, der Dynamo-Pressesprecher. Müsste bei einem Klub wie Dynamo nicht viel mehr drin sein? „Erstmal nicht“, sagt Richter, „der Verein ist immer noch dabei, sich wieder zu fangen.“ Die Altlasten seien noch schwer, auch sportlich.
Oft auf der Tribüne ist Jürgen Bogs, jener Mann, der Dynamo als Trainer zehnmal zum DDR-Meister machte. Aber wie sein ehemaliger Klub ist auch Bogs einer der sogenannten Wendeverlierer. Trotz seiner beispiellosen Erfolge mit Dynamo Berlin war seine Trainerkarriere nach der Wiedervereinigung praktisch beendet. In der letzten Saison trainierte der 63-jährige Bogs noch einen Brandenburger Verbandsliga-Klub – noch eine Liga unter dem BFC Dynamo.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2011)

Grid Girls Schönheiten der Boxenstraße
Schnappschuss Die besten Sportbilder