Chef-Physiotherapeut: "Das ist deutsche Gründlichkeit"

Klaus Eder ist Chef-Physiotherapeut des deutschen Fußballnationalteams. Mithilfe neuester medizinischer Methoden sorgt Eder dafür, dass Klose & Co. im EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich topfit sein werden.

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(c) EPA (DANIEL DAL ZENNARO)

Die Presse: Herr Eder, am Freitag trifft Deutschland in der EM-Qualifikation auf Österreich. Was macht ein Physiotherapeut wie Sie bis dahin?

Klaus Eder: Wir kümmern uns um die Regeneration der Spieler. Wenn sie von den Klubs kommen, bringen sie meist kleinere Blessuren mit. Heute massieren wir nicht mehr nur Öl ein oder legen Eis auf. Mit dem Fasziendistorsionsmodell (FDM, Anm.) richten wir verdrehte Bänder gerade. Oder wir korrigieren den Meniskus, wenn dieser hinten in der Kniekehle hängen bleibt und Schmerzen beim Schießen verursacht.

 

Warum gelten die Deutschen als die fittesten Kicker weltweit?

Das ist deutsche Gründlichkeit. Wir haben eine hervorragende medizinische Abteilung, angefangen vom Orthopäden Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, mit dem ich seit 30 Jahren zusammenarbeite. Der Internist Tim Meyer überwacht die Blutzusammensetzung, kontrolliert, ob virale oder bakterielle Ursachen für Muskelverletzungen vorliegen. Die vier Physiotherapeuten sind in alle Richtungen ausgebildet, auch in Osteopathie und in manueller Medizin. Ich habe den Großteil meiner Ausbildung in Wien absolviert. Ein Fuß besteht aus 26 Fußwurzelknochen, wenn nur einer nicht genau am geometrischen Mittelpunkt, sondern dezentriert steht, hat der Spieler eine Störung in der gesamten Becken-Bein-Achse, die Verletzungsanfällig ist erhöht. Das System Fußballer – die Muskulatur, das Binde- und das Nervengewebe – muss in einer ausgewogenen Spannung stehen.

Was sind Faszien? Das klingt ein wenig nach Märchen und Wunder.

Ich gebe ihnen ein Beispiel: Ein Spieler verstaucht sich den Knöchel, der Knöchel wird nach innen gedreht, das Band aus der Verankerung am Knochen gezogen, der Spieler krümmt sich vor Schmerz. Die zwei Zauberer, der Müller-Wohlfahrt und der Eder, kommen daher und jeder Zuschauer fragt sich: Was machen die zwei denn da? Wir kühlen die Haut mit Eis auf minus 20 Grad herunter, damit das einigermaßen erträglich wird, und schieben das Band in die richtige Position zurück. Der Spieler steht auf und spielt weiter.

Da bleibt kein Schaden zurück?

Es kann sein, dass wir am nächsten Tag nachkorrigieren müssen. Bei den Millionenbeinen werden wir ein Röntgen machen und schauen, ob nicht auch eine Fraktur oder eine Absprengung vom Knorpel vorliegt. Bei solchen Beinen müssen wir alle Verletzungen diagnostisch ausschließen.

Wie lange machen Sie das mit FDM schon?

Ich habe FDM 1997 bei meinem Freund Norman Marcus in New York gesehen. Der hatte das von Steven Tybaldos gelernt, dem zu früh verstorbenen Erfinder der Fasziendistorsionsmethode. Norman Marcus hat die größte Schmerzambulanz in New York. In Amerika steht hinter jedem Arzt ein Anwalt, denn dort werden Mediziner sofort verklagt, wenn etwas schiefläuft. Als ich gesehen habe, wie Norman mitten in Manhattan die Leute behandelt, sie lassen diese teilweise schmerzhafte Behandlung über sich ergehen und zerren ihn nicht sofort vor den Kadi, da hab ich mir gedacht, es muss was dran sein.

 

Wie haben sich die Fitness und Belastung der Spieler in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Vor 20 Jahren wurde wenig Wert auf Training gelegt, da hat man den Ball ein wenig hin- und hergeschoben. Der Mittelstürmer Rudi Brunnenmeier ist in den 1960er- Jahren in einem Spiel 1500 Meter gelaufen, Miro Klose absolvierte bei der WM 2010 pro Spiel 15 Kilometer. Das Spiel ist sehr schnell geworden, Sensomotorik und Koordination sind ausschlaggebend: der Ball ist am Fuß, die Augen und Ohren sind bei den Mitspielern und beim Gegner. Der DFB hat die Zeichen erkannt, seit 1984 bin ich in der Projektgruppe Sportmedizin. Jedes Jahr treffen einander Ärzte, Trainer, Physiotherapeuten und Fitnesstrainer und erarbeiten eine Strategie zur Prävention und Rehabilitation von Verletzungen. Schön langsam fangen die anderen auch an, ich war beim spanischen Fußballverband eingeladen, flog zu Real Madrid, um einen Spieler zu behandeln. Topspieler muss man pflegen, von denen muss man langfristige fußballspezifische Überlastungsschäden abwenden. Wenn sie sich ältere Spieler anschauen, Gerd Müller zum Beispiel, die haben alle künstliche Hüft- oder Kniegelenke.

 

Kriegen Sie die Spieler nach einer Saison für eine EM oder WM fit oder betreiben Sie bloß Schadensbegrenzung?

Nein, die müssen schon fit sein. Nächstes Jahr machen wir eine Woche reine Regeneration, bevor wir zur Europameisterschaft fliegen. In Sardinien dürfen die Spieler die Frauen und Kinder mitnehmen, damit sie sich auch psychisch erholen. Da sind Physiotherapeuten, Ärzte, Psychologen und zwei Fitnesstrainer dabei. Jeden Abend setzt sich der Stab zusammen und diskutiert: Welcher Spieler braucht welche Spezialbehandlung? Nach dieser Woche werden wir nach Südfrankreich übersiedeln. Dort wird richtig Vorbereitung gemacht, damit wir die Fitness für das Turnier kriegen, denn während des Turniers geht nichts mehr.

 

Hat sich mit den steigenden Anforderungen auch die Professionalität der Spieler geändert?

Und wie! Heute brauche ich Nikotin oder Alkohol nicht mehr verbieten. Niemand hätte was gegen ein Glaserl Wein oder ein Bier am Abend. Aber es tut fast keiner mehr. Der heutige Fußballprofi ist sehr aufgeklärt, er achtet auf seine Ernährung und ist bei Genussmitteln sehr vorsichtig. Er weiß, dass er seine Leistung nur bringen kann, wenn ihm die Maschinerie Körper voll zur Verfügung steht.

Zur Person

Klaus Eder, 58, ist seit 24 Jahren Physiotherapeut der deutschen Fußballnationalmannschaft, kümmert sich aber auch um Athleten anderer Verbände und um Kicker von Real Madrid. Zu seinen Spezialmethoden gehört das Triggerband und die Fasziendistorsionsmethode (FDM). Auf dem FDM-Kongress in Wien (27.–29. 8.) sprach er über die Behandlung von Spitzensportlern mit FDM. In Donaustauf in Bayern führt er seine Klinik. [Imago]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2011)

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