London/Dat. England ist fassungslos. Denn der Rücktritt von Fabio Capello als englischer Teamchef hinterlässt viele offene Fragen. Der 65-jährige Italiener hat aber nach der Absetzung des in eine Rassismusaffäre verwickelten Teamkapitäns John Terry Mittwochabend die Konsequenzen gezogen. Er kündigte, verzichtete damit vier Monate vor der Euro 2012 auf das Großereignis und viel Geld, räumte seine Londoner Wohnung und verließ England Donnerstag in den frühen Morgenstunden mit dem ersten Flug nach Rom.
Capello fühlte sich bei Terrys Absetzung übergangen. Für den „Signore“ war das ein Affront, für die Funktionäre jedoch nur ein Formalakt. Schließlich wurde ein Strafverfahren gegen den Chelsea-Star für 9. Juli anberaumt. Und bis zur Klärung dieser Causa sei er als Teamkapitän untragbar, teilte der Verband mit. Capello aber hielt an seiner Meinung fest: „Damit bin ich absolut nicht einverstanden.“
Während sich Englands „Yellow Press“ über Capellos Abgang belustigte und mit der Schlagzeile „Arrivederci“ einen Schlussstrich unter seine seit Dezember 2007 laufende Amtszeit zog, sind zwei Teamspieler ratlos. „Es macht mich völlig fertig, dass er zurückgetreten ist“, twitterte Stürmer Wayne Rooney. „Er ist ein guter Kerl, ein Spitzentrainer.“ Ähnlich sieht es Manchester-United-Verteidiger Rio Ferdinand: „Nun kündigt Capello. Und was jetzt?“ So nebenbei sei bemerkt, dass Queens-Park-Spieler Anton Ferdinand sein Bruder ist, der von Terry rassistisch beschimpft worden sein soll...
Freispruch als Jobchance
Fabio Capello polarisierte die Fußballwelt auf der Insel. Auf der einen Seite sah er sich mit Traditionalisten konfrontiert, die vehement einen Engländer forderten und sich an seiner Jahresgage von sechs Millionen Pfund (7,2 Mio. Euro) stießen. Seine Befürworter lobten den Führungsstil und das Know-how. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, in dem sich schlechte Erinnerungen an das frühe WM-Aus 2010 mit Capellos schlechten Englischkenntnissen vermischen.
In England beginnt somit vier Monate vor der Euro eine fieberhafte Suche nach einem Teamchef. Vorerst übernimmt U21-Trainer Stuart Pearce dieses Amt und wird die „Three Lions“ im Testspiel gegen die Niederlande am 29. Februar betreuen. Der Verband bevorzugt aber eine langfristige Personalplanung. Damit deutet alles darauf hin, dass Tottenham-Manager Harry Redknapp, der Capello womöglich erst nach der Euro beerbt hätte, sofort Teamchef werden soll. Dem 64-Jährigen spielt dabei auch sein Gerichtsurteil in die Hände. Am Dienstag ist er vom Verdacht der Steuerhinterziehung freigesprochen worden.
Wenngleich auch andere Namen wie Guus Hiddink, José Mourinho oder Roy Hodgson durch die Medien geistern, gilt Redknapp auch bei Buchmachern schon als Topfavorit. Er hält sich aber bedeckt. „Ich weiß nichts davon, ich habe noch nicht einmal daran gedacht“, versicherte er. „Mein ganz klarer Fokus liegt auf Tottenham.“
Die Londoner befinden sich in der Premier League auf dem dritten Tabellenplatz. Am Samstag wartet das Heimspiel gegen Newcastle, daher wollte sich Redknapp nicht mit „Gerüchten“ plagen.
Darunter fällt allerdings der Vorschlag der „Sun“. Sie schickt die „Anfield-Katze“ ins Rennen. Der Vierbeiner spazierte am vergangenen Spieltag beim Spiel Liverpool gegen Tottenham über den Rasen und ist seitdem der Hit auf YouTube. Die 5000:1-Quote spricht allerdings gegen sie. Der Grund: Während sie am Platz war, herrschte Stillstand auf dem Rasen.
Donnerstagnachmittag meldete sich Capellos Anwalt zu Wort und dementierte Berichte in italienischen Medien. Sein Klient habe niemals den FA-Verband kritisiert, er danke Spielern und Funktionären für das Vertrauen und schätze Englands Professionalität ungemein. Solche Lobesworte haben zumeist einen Anlass: 1,8 Mio. Euro Abfertigung lässt auch der Gentleman Fabio Capello nicht liegen.
Fabio Capello trat Mittwochabend als Englands Teamchef zurück. Der Italiener, 65, fühlte sich vom FA-Verband bei der Absetzung von Kapitän John Terry übergangen.
Neuer Teamchef soll Tottenham-Manager Harry Redknapp werden.
England trifft ab 11. Juni bei der Euro 2012 in Gruppe D auf Ukraine, Schweden und Frankreich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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