Pressestimmen: ''Breivik hat Würde restlos verspielt''

''Daily Telegraph'' (London)

"Es gibt keine Diskussionen darüber, dass Anders Breivik im Juli vergangenen Jahres 77 Menschen getötet hat, davon 56 eiskalt und effizient durch gezielte Schüsse in den Kopf. In der Tat ist er stolz auf das, was er getan hat, und er sagte mit einer Kombination aus Selbstgefälligkeit und Trotz, dass er gerne noch mehr abgeschlachtet hätte. Die Diskussion, die jetzt aufgekommen ist, dreht sich um seinen Geisteszustand zu der Zeit, als er abdrückte. Ein Psychologe behauptet, er leide an paranoider Schizophrenie und sei deshalb nicht verantwortlich zu machen für seine Taten. Eine spätere Untersuchung kam zur gegenteiligen Aussage. Beide Meinungen werden bei dem Prozess, der gestern begann, eine Rolle spielen.

''Frankfurter Rundschau''

"Die Richter haben Breivik und den Medien verweigert, was beide übereinstimmend kaum verhüllt begehrten - die Umwidmung des Strafverfahrens in einen Sensationsprozess und die mediale Metamorphose Breiviks vom Massenmörder zum Diskursteilnehmer. Hätte das Gericht gestattet, die Aussage Breiviks tagelang live im Fernsehen auszustrahlen, hätte das den ultimativen Triumph Breiviks bedeutet, die postmortale Verhöhnung seiner 77 Opfer."

''Tages-Anzeiger'' (Zürich)

"Mit einem Angeklagten von dieser Schwäche könnte sich ein Staat viel erlauben. Er könnte ihm das Wort abschneiden, könnte ihm die Bühne nehmen, könnte ihn erniedrigen - stets hätte er die öffentliche Meinung auf seiner Seite. Der Konsens hieße: Geschieht ihm recht! Umso peinlicher muss ein rechtsstaatlich sensibler Staat darauf achten, dass er einen solchen Angeklagten korrekt behandelt und ihm alle ihm zustehenden Rechte gewährt. Und gibt es einmal Zweifel, lässt man ihn lieber einen Satz zu viel als einen zu wenig sagen. Ein Staat, der das kann, und Opferangehörige, die das akzeptieren, haben, was Anders Breivik restlos verspielt hat: Würde."

''L'Est Républicain'' (Nancy)

"Dieser einsame Wolf, inspiriert von den Verrückten der amerikanischen rechtsextremen Szene und vom Nazi-Faschismus, scheint wie verloren in der Vorhölle des Hasses, an der dunklen Grenze zwischen Fanatismus und Wahnsinn. Gleichzeitig erweist sich Breivik als Spiegel der norwegischen Gesellschaft. Sie hat diesen Alptraum mit einer vorbildlichen Würde ertragen. Ihre Polizei hat den wütenden Mystiker und Rassisten unschädlich gemacht. (...) Zugleich hat die norwegische Regierung auf übertriebene Sicherheitsmaßnahmen verzichten und bietet den Bürgern - und vor allem den Opfern - nun einen öffentlichen Prozess."

''NRC Handelsblad'' (Amsterdam)

"Schuldbewusstsein und Mitgefühl für seine Opfer kennt er nicht. Er sieht sich als Soldat, der aus 'Notwehr' Dutzende Jugendliche tötete, weil sie in seinen Augen gemeinsame Sache mit dem Islam machten. Trotzdem müssen seine Rechte als Angeklagter respektiert werden. (...) Er wird den Prozess nutzen, um die Rechtsordnung weiter zu untergraben, diesmal nicht mit Waffen, sondern mit Worten. Breivik kann so die Botschaft über seinen Krieg mit dem Islam und der multikulturellen Gesellschaft verbreiten, in der Hoffnung, dass er kein 'einsamer Wolf' bleibt, sondern auf seinem Kreuzzug Jünger anwirbt. Dieser Spagat wird den Richtern, seinen Anwälten, den Hinterbliebenen, den Politikern und den Medien das Äußerste abverlangen - in Norwegen und im Ausland."

''Luxemburger Wort''

"Anders Breivik soll ein fairer Prozess gemacht werden. Es soll kein 'Schauprozess' sein. Für die Verhandlung gegen den dutzendfachen Mörder gelten dieselbe Unschuldsvermutung, dasselbe Aussagerecht und dieselbe Höchststrafe wie für andere, um nicht zu sagen 'gewöhnliche' Straftäter. (...) Dieser erklärte Wille zur Mäßigung und Normalität angesichts des Horrors gereicht Norwegen zur Ehre. (...) Und doch stellt der Prozess gegen Breivik nicht nur die Justiz, sondern das Selbstverständnis des nordischen Vorzeigelandes auf die Probe. Denn diese Schreckenstat will so gar nicht zu einem - dank Ölreichtums - der reichsten Länder der Welt passen, das sich selbst als friedliebend, fortschrittlich, weltoffen sieht. Ähnlich wie schon die Niederlande nach den Morden an dem Politiker Pim Fortuyn und dem Filmemacher Theo van Gogh bemüht sich nun Norwegen nach Kräften, sein Modell einer toleranten Gesellschaft zu bewahren. Mit diesem Prozess will das Land dies wohl auch sich selbst beweisen."
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