Fußballunion Uefa droht Ukraine mit Verschieben der EM

01.05.2012 | 18:34 |  WOLFGANG WIEDERSTEIN (Die Presse)

Die internationale Kritik am Umgang mit Oppositionellen wird immer lauter. Die deutsche Regierung hat deshalb angekündigt, den Spielen in Kiew, Charkow, Donezk oder Lemberg fernzubleiben.

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Wien. Die Fußball-Europameisterschaft, die am 8. Juni in Polen und der Ukraine angepfiffen werden soll, ist zum politischen Zankapfel geworden: Der Grund sind vor allem Menschenrechtsverletzungen, wie etwa das Vorgehen gegen Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Sie wurde in einem als politisch eingestuften Prozess zu sieben Jahren Haft verurteilt und im Gefängnis mutmaßlich misshandelt.

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Die deutsche Regierung hat deshalb angekündigt, den Spielen in Kiew, Charkow, Donezk oder Lemberg fernzubleiben, die Euro soll boykottiert werden. Bundespräsident Joachim Gauck hat mit der Absage seines geplanten Treffens mit seinem ukrainischen Kollegen den Anfang gemacht, auch Angela Merkel denkt laut über ein Fernbleiben nach. Die fußballbegeisterte Kanzlerin macht eine Reise davon abhängig, ob sich die Situation der schwer kranken Timoschenko verbessert.

Was von Deutschland ausging, hat sich europaweit ausgebreitet: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wird der Ukraine nicht seine Aufwartung machen, in Italien wird die Forderung nach einem EM-Boykott unterstützt. Das ukrainische Außenministerium tobt: „Da werden Methoden des Kalten Kriegs wiederbelebt.“

Die Rute ins Fenster gestellt

Der Forderung, die Europameisterschaft in ein anderes Land zu verlegen, erteilten am Dienstag Sportfunktionäre allerdings eine Absage. Turnierdirektor Martin Kallen, bereits bei der Euro 2008 im Amt, geht davon aus, dass die EM planmäßig über die Bühne gehen wird, stellt dem Veranstalter aber auch die Rute ins Fenster: „Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, dann würde das Turnier nicht durchgeführt werden. Wir organisieren Fußballfeste – und nichts anderes.“ Sollte die Situation in der Ukraine eskalieren, „dann müsste man an eine Verschiebung der EM denken“.

Die in der Ukraine geplanten Spiele an einen anderen Ort zu verlegen sei aus organisatorischen Gründen nicht mehr machbar. „Die Forderung zeugt von großer internationalen Respekt- und Instinktlosigkeit, weil sie über die Köpfe selbst des Mitgastgeberlandes Polen, aber auch der anderen europäischen Nationen und des Veranstalters Uefa hinweg erhoben wird“, sagt Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees und Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Ähnliche Bedenken hat auch Theo Zwanziger, der ehemalige DFB-Präsident und Mitglied im Exekutivkomitee der Uefa. Aber er ermuntert die deutschen Spieler, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern: „Wir treten für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein. Und dann müssen wir das überall tun, wo wir hingehen.“ Bayern-München-Boss Uli Hoeneß stößt ins selbe Horn. Die Nationalspieler sollten ihre Solidarität mit ukrainischen Regimekritikern bekunden. „Uefa und DFB sollten bei jeder Gelegenheit öffentlich darauf hinweisen, dass die Haftbedingungen von Frau Timoschenko nicht akzeptabel sind. Ein sportlicher Boykott bringt nichts.“

In Österreich sind die Ukrainer willkommen: Der EM-Kogastgeber wird am 25.Mai in Walchsee seine Trainingszelte aufschlagen und bis 6.Juni bleiben. Geplant sind zwei Länderspiele, eines gegen Estland in Kufstein und eines gegen Österreich. Am 1.Juni spielt das ÖFB-Team Sparringpartner in Innsbruck. „Das ist eine sportliche, keine politische Veranstaltung“, meint ÖFB-Kommunikationsdirektor Wolfgang Gramann. „Sport soll Sport bleiben, wir brauchen diese Spiele zur Vorbereitung auf die WM-Qualifikation. Für uns besteht kein Handlungsbedarf.“

 

Darabos will „Zeichen setzen“

Norbert Darabos, Sport- und Verteidigungsminister, sieht allerdings schon einen gewissen Handlungsbedarf. Er will „ein Zeichen setzen“ – und wird zum Ukraine-Länderspiel nicht nach Innsbruck reisen. Reisen zur Europameisterschaft waren ohnedies keine geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)

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62 Kommentare
 
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Gast: notorischer Wirtshausgeher
02.05.2012 10:59
2 1

Was mich prinzipiell anzipft:

Als Steuerzahler finanziertst alle Stadien, Straßen, usw.

Dann geht der Sportzirkus los und man kommt in die eigenen Stadien nicht mehr hinein.

Die TV-Rechte sind auch alle verkauft, also empfange ich als Normalsterblicher die Spiele auch nicht im Fernsehen.

Auf der Fanmeile wirst auch abkassiert bis zum Gehtnichtmehr. Zum Essen und Trinken gibt´s dort nur Fraß, aber nichts Bodenständiges.

Darum wäre ich dankbar, wenn in Ö NIE MEHR solche Spiele wie die EM 2008 stattfinden!!! Sport, insbesondere Fußball, ist der reine finanzielle Inzuchtverein.

In der Ukraine selbst scheint Frau Timoschenko einen Ruf wie Grasser oder Elsner zu haben.

Unterstützer hat sie dort jedenfalls nur sehr wenige, auch wenn unsere Medien immer irgendwelche Einzelpersonen mit Timoschenko Transparenten zeigen.

Re: In der Ukraine selbst scheint Frau Timoschenko einen Ruf wie Grasser oder Elsner zu haben.

25% der Stimmen bei den letzten Wahlen (2010) deutet aber doch auf einen etwas besseren Ruf als die zwei von ihnen angeführten Herren.

Zweierlei Maß?

Es ist nicht schön, wie sie mit der armen Frau umspringen. Aber die Frage muss gestattet sein, wie es wohl wäre, wenn Timoschenko die Wahl gewonnen hätte und Janukowytsch jetzt statt ihr im Kerker liegen würde. Wäre der internationale Aufschrei bei einem mäßig schönen Mann auch so gewaltig, wie bei der schönen Julia?

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Warum wird in der EU...

immer das Gegenteil von dem gemacht, was der gesunde Menschenverstand empfehlen würde? Man wird noch zum Verschwörungstheoretiker.
Die Menschenrechte werden überstrapaziert. Die Journalisten wären gut beraten , nicht jede blödsinnige Bemerkung zu drucken.

"Die Menschenrechte werden überstrapaziert"

Die Forderung, dass in einem anderem Land in Gefängnissen nicht misshandelt und den Gefangenen eine angemessene Medizinische Versorgung ermöglicht wird ist wirklich unerhört.
Immerhin ist die Ukraine ein dritte Welt Land in Afrika und nicht teil der Europäischen Union. Da kann man sich solche Standards nicht erwarten.

Re: "Die Menschenrechte werden überstrapaziert"

Komisch nur, daß das genau dann hochkommt, wenn eine Vertreterin der korrupten Politikerkaste und Liebkind der EU davon betroffen ist.

Wie es unter Timoschenko im Knast aussah, hat keinen interessiert.

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Was hätten wir gesagt

Wenn jemand sich in die Elsner Geschichte eingemischt hätte?
Man muß sich zuerst ein Bild machen. Ein Unschuldsengel ist die Frau auch nicht.

Europa sollte nicht auf die ...

Ukraine zeigen,

1. werden auch bei uns "Häftlinge" nicht mit Samthandschuhen angefasst. Der Unterschied liegt nur darin, dass sich deren Flecken nicht durch rüdes Anfassen zeigen, sondern diese immer aus Selbstverschulden zu Sturz kommen und an einen Heizkörper prallen und ...

2. Werden unsere "€gemeinschaftlichen" Gefängnisse künftig auch Politiker und Ex- beherbergen; die Justiz arbeitet mit mildem Nachdruck an der Aufarbeitung von Machenschaften, wegen derer auch die "miserabel untergebrachte" Ex-Premierin frei zu pressen wäre?

Gast: hansibua
02.05.2012 08:48
3 0

darabos will zeichen setzen

hahaha ... den bertl nimmt doch in österreich schon keiner ernst, da wird die ukraine vor ihm sicher in ehrfurcht erstarren ;-)

Antworten Gast: casi
02.05.2012 10:29
0 0

Re: darabos will zeichen setzen

der darabos setzt immer nur zeichen durch passives handeln.....er sollte sich mal durch aktives handeln auszeichnen.

zeichen könnte er setzen indem er mal aktiv an österreichs politik teilnimmt.

"zeichen könnte er setzen indem er mal aktiv an österreichs politik teilnimmt"

Um Himmels Willen! Schon passiv ist er unerträglich. Soll es noch schlimmer werden?

Gast: nurmalso
02.05.2012 08:45
1 0

Warum erst jetzt?

Die EM wurde bereits 2007 vergeben, Timoschenko ist bereits seit August 2011 in Haft, die Menschenrechtsverletzungen weit entfernt von neu...

Warum bedarf es einer eigentlich apolitischen Sportveranstaltung um endlich Druck zu machen? Und warum ist gerade das scheinbar ein Trumpf, der sticht?

Verrückte Welt.

Sicherlich wird jetzt die Ukraine sofort die absolute Demokratie einführen, die Korruption abschaffen und Frau Timotschenko entlassen.


".....Die internationale Kritik am Umgang mit Oppositionellen wird immer lauter. Die deutsche Regierung hat deshalb angekündigt, den Spielen in Kiew, Charkow, Donezk oder Lemberg fernzubleiben....".

Ich freue mich das auch Österreich dabei ist. Norbert Darabos, Sport- und Verteidigungsminister, sieht allerdings schon einen gewissen Handlungsbedarf. Er will „ein Zeichen setzen“ – und wird zum Ukraine-Länderspiel nicht nach Innsbruck reisen.

Als hätte man den politischen Status dieses Landes nicht schon bei der Planung gewußt.

"Länder mit Menschenrechtsverletzungen"

Da geht's wieder los, das Geplappere von den "Menschenrechtsverletzungen". Überall die schlecht informierten Journalisten, die der Brüssler Einheitspresse alles abnehmen und nicht einmal ein Wort des Zweifels äußern wollen!

Wer sagt euch, dass die Geschichten wahr sind? Timoschenkos Familie?
Wer behauptet, der Prozess sei politisch gewesen? Janukowitsch war absolut nicht begeistert von der Richtspruch, akzeptierte ihn aber mit Hinweis auf die Gewaltenteilung. Selbst Wiktor Juschtschenko, der größte Janukowitsch-Gegner, hält den Prozess nicht für politisch motiviert. Aber der Westen, der weiß es wieder besser!

Die Welt ist so verlogen! Wer nicht für den Westen und für die EU ist, der ist ein Diktator. So einfach ist das!

Antworten Gast: Fprester
02.05.2012 10:49
1 0

Re: "Länder mit Menschenrechtsverletzungen"

Ich habe den Verdacht, dass die ganze Sache losgetreten wurde, weil Janukowitsch sich im Gegensatz zu Timoschenko Richtung Russland ud nicht Richtung EU orientiert.

Re: ... die schlecht informierten Journalisten?

So dürfen Sie das nicht sehen, unsere Berichterstatter sind von der Obrigkeit, pressegefördert, peinlichst darüber informiert, worüber und in welchem Wortlaut zu berichten ist!
:-o

Re: "Länder mit Menschenrechtsverletzungen"

Wenn ich die Wahl habe, zwischen dem verlogenen Westen und der Achse Janukowitsch/Putin, dann entscheide ich mich doch noch für das erstere, weil kleinere Übel.

Natürlich,

insbesondere, weil jene Seite nicht weniger verlogen ist. Lediglich fällt es mir schwer, mich hinter nur eine der beiden Seiten zu stellen und die andere zu verurteilen.
Janukowitsch ist kein Strahlemann, Lukaschenko und Putin sind es ebensowenig, aber auch Timoschenko und Juschtschenko sind nicht gerade die Paradedemokraten.

2 1

das kleinere Übel

Man muß sehen, was vorher gewesen ist: die Orange Revolution war ziemlich mies, auch der Kommunismus, bei uns war es vor dem EU Theater gar nicht so übel.

Gast: Hermann vom Gipfel
02.05.2012 08:08
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Verschieben ist die einzige vernünftige Möglichkeit

Schliesslich geht es ja nicht um die Selbstdarstellung der Ukraine zu Propagandazwecken. Es geht um den internationalen Austausch und da kommt niemand mehr.

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Re: Verschieben ist die einzige vernünftige Möglichkeit

Bloß nicht. Meine ganze Sommerplanung ist EM-orientiert organisiert und aufgebaut ;)

EM woanders austragen

es gibt einen Notfallplan - die EM sollte in Polen und einige Spiele in Tschechien oder Deutschland ausgetragen werden.

Die Ukraine ist zu Weißrussland II geworden - in so einem Land darf so ein sportliches Großereignis nicht stattfinden!

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Re: EM woanders austragen

Genau, so überstürzt, was ist mit der Sicherheit??? Auch in der Ukraine sehr schwierig, zugegeben.
Die EU wollte ein Signal setzten, wie damals in Griechenland mit den Olympischen Spiele. Hat alles viel gebracht.

Gast: Gost
02.05.2012 07:34
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Die EU und ihre Handlanger,

als Verbünderter befreit von allen kriminellen Handlungen,
für mich noch immer ganz oben,
der Organhändlerpate.
Eine Schande...

Sport und Mord

Viele Sportfumktionäre haben kein Rückgrat gegenüber Menschenrechtsverletzungen und unterstützen damit die Machthaber - nach dem Motto: "Brot und Spiele".

 
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