Wenn die Équipe Tricolore morgen gegen Schwedens Eliteauswahl den Aufstieg in das Viertelfinale schafft, sorgt das nicht nur in Frankreich für reichlich Gesprächsstoff. Auch in Algerien, Senegal, Marokko oder etwa Mali werden dann hitzige Diskussionen geführt werden. Denn kein anderes Team bei dieser Euro ist international so verwurzelt wie das französische.
Teamchef Laurent Blanc könnte eine ganze Elf mit Migrationshintergrund, angeführt von Leistungsträgern wie Samir Nasri und Karim Benzema (beide Algerien), auf den Rasen schicken, ohne den Vergleich scheuen zu müssen. Der Trend hin zur internationalen Mixtur ist kein französisches Phänomen. Es ist historisch gewachsen, durch Einwanderer aus den Kolonien. Auch die Niederlande zählen acht Kaderspieler, die keine „waschechten“ Oranje sind.
Diese Weiterentwicklung ist keine Überraschung. Für Aufsehen sorgte hingegen ein Tscheche, Theodor Gebre Selassie. Sein Vater ist Äthiopier, kam 1982 nach Tschechien und Theodor wurde in Trebitsch (Třebíč) geboren. Er ist der erste Schwarzafrikaner in Tschechiens Nationalteam. Auch seine Schwester ist im tschechischen Sport übrigens ein Begriff, sie spielt im Damenhandballteam. Die Familie wird nun als „Musterbeispiel“ für Integration und Identität gefeiert.
Zwei Pässe, aber nur eine Chance
In Deutschland sind sieben Spieler zum Teil unterschiedlichster Herkunft, das Thema ist allgegenwärtig und birgt Brisanz in sich. Mesut Özil ist so ein Fall, an dem sich die deutsch-türkischen Geister lange Zeit geschieden haben. Als Sohn türkischer Eltern wurde der heutige Spielmacher des DFB-Teams in Gelsenkirchen geboren. Vater Mustafa war bereits im Alter von zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Özil lebte oder spielte nie in der Türkei, besaß bis vor Kurzem aber zwei Staatsbürgerschaften. Die Türkei unternahm in Özils Jugend mehrmals Abwerbungsversuche. Sogar Hamit und Halil Altintop wurden beauftragt, den Verband in dieser Causa zu unterstützen und Özil von einem Engagement zu überzeugen. Der Techniker entschied sich aber für sein Heimat – und gegen sein Herkunftsland. Für manche Türken gilt er seither als „Verräter“.
Säße Özil an einem Tisch mit Miroslav Josef Klose und Lukasz Józef Podolski, gäbe es genügend Gesprächsstoff. Auch die „Polen“ im Team der Deutschen kennen diese Problematik. Geboren in Opole und Gliwice übersiedelten sie in ihrer Kindheit in die Bundesrepublik, um sich Jahre später mit Anfeindungen konfrontiert zu sehen. Heute tragen beide stolz den Bundesadler auf der Brust. Die verlorenen Söhne werden sportlich nie mehr heimkehren. Wer einmal ein Spiel für die A-Nationalmannschaft eines Landes bestritten hat, darf nur noch für diese auflaufen. Die polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ schätzt, dass sich 2000 Talente mit polnischen Wurzeln auf deutschen Fußballplätzen tummeln: „Noch einen Podolski oder Klose dürfen wir nicht verlieren.“
Aus Pfiffen wurde Applaus
Mario Barwuah, bekannt als Mario Balotelli, hatte ebenfalls die Qual der Wahl. Seine Eltern stammen aus Ghana, geboren und aufgewachsen ist „Super-Mario“ aber in Italien. Wenige Monate vor der WM 2010 in Südafrika unterbreitete ihm Ghanas Verband das Angebot, an der Endrunde teilzunehmen. Der damals 19-Jährige winkte ab, er trage lieber das Trikot der Squadra Azzurra.
Balotelli ist nicht Ghanas einziger Verlust. England feiert einen gewissen Daniel Nii Tackie Mensah Welbeck. Er machte mit der Schattenseite der Doppelstaatsbürgerschaft besonders unliebsame Bekanntschaft. Am 29. März 2011 gab er sein Debüt für die „Three Lions“. Seiner Einwechslung folgte ein langes, gellendes Pfeifkonzert. Das haben die „Fans“ aber längst vergessen. Seit seinem „Fersler“ zum 3:2 gegen Schweden ist der 21-jährige Danny Welbeck der neue Nationalheld auf der Insel.
Russland war bei dieser Euro das einzige Team, das keine Spieler mit Migrationshintergrund stellte.
In ÖsterreichsFußball sind Kräfte mit ausländischen Wurzeln gänzlich unverzichtbar geworden.
So sind zum Beispiel György Garics (Ungarn), Aleksandar Dragovic, Marko Arnautovic (beide Serbien), Zlatko Junuzovic (Bosnien-Herzegowina/Serbien), Yasin Pehlivan, Veli Kavlak (beide Türkei), David Alaba (Nigeria/Philippinen) und Martin Harnik (Deutschland) keine „waschechten Österreicher“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

