„Profi-Fußball ist komplett verdorben“

Spitzen-Fußball, ein friedliches Fest? Alles Lüge. Doping, Korruption, Gewalt und Profitgier prägen das Business, behauptet zumindest der französische Kultursoziologe Jérôme Segal bei einem Vortrag in Wien.

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(c) AP (Eduardo Di Baia)

Wien (jule). Der Mittwochabend war für den französischen Historiker Jérôme Segal ein Kampf gegen Windmühlen. 40.500 Zuschauer verfolgten das Freundschaftsspiel Österreich gegen Holland im Stadion, mehr als eine Million vor dem Fernsehschirm. Gerade vier Interessierte waren an die Volkshochschule Floridsdorf zu Segals Vortrag „Fußball, die emotionelle Seuche“ gekommen. So polemisch wie der Titel waren dann auch die Ausführungen Segals, der derzeit am Interdisciplinary Centre for Comparative Research lehrt und davor an WU und Uni Wien unterrichtet hat.

„Fußball“, sagt er in Anspielung auf Karl Marx, „ist das Opium des Volkes“. Der historische Beleg laut Segal: Vor dem Zweiten Weltkrieg sei Fußball nicht sehr populär gewesen. Erst mit dem Kapitalismus habe sich die Frage gestellt, wie man die Arbeiter von ihrer misslichen Lage ablenken könne. Die Lösung, wie schon im alten Rom: Brot und Spiele. Der Franzose scheut keine drastischen Vergleiche: Auch Diktatoren wie Franco und Hitler hätten gleich nach ihrer Machtergreifung neue Stadien gebaut.


„Merkmale von Diktaturen“

Auch sonst will Segal viele Merkmale von Diktaturen beim Profi-Fußball entdeckt haben:
Idealisierung: Die Spieler würden als Helden dargestellt, denen folglich auch alles verziehen werden muss. Als der Argentinier Diego Maradona in den Neunzigern wegen Dopings gesperrt wurde, wurde der Weltfußballverband Fifa von Fans und Medien angefeindet. Seitdem halte er sich bei Dopingfällen mit Strafen zurück; es werde argumentiert, dass die Technik sowieso wichtiger sei als die Kondition. Auch dass dem Italiener Fabio Cannavaro Doping nachgewiesen wurde, verhinderte nicht dessen Wahl zum Weltfußballer 2006, schildert Segal erbost.
Verschleierung:Korruption im Profi-Fußball sei weltweit Thema, werde aber selten geahndet (etwa der Schmiergeld-Skandal rund um den Bau der Münchner Allianz Arena). It's the money, stupid! Geld scheint dann mehr wert als die Moral. Während den Jungen in Südamerika oder Afrika die Profikicker-Karriere als Weg aus der Armut verkauft werde, betrieben die Talent-Scouts nichts anderes als moderne Sklaverei. Um die Zukunftshoffnungen nach Europa zu bringen, würden sie dieselben Netzwerke nutzen, die Frauenhandel betreiben. Hätten die Clubs die Jungen erst (auf deren Kosten) nach Europa eingeflogen, würden etwa bei Paris St. Germain gerade einmal 2,43 Prozent der Talente tatsächlich dort Fußball spielen dürfen. „Der Rest wird obdachlos.“
Gewalt: Hooligans seien ein Phänomen, das es nur im Fußball gebe, beharrt der Forscher. Den Zuschauern werde nämlich vermittelt, sie seien dabei, wie Geschichte geschrieben werde, „obwohl bloß 22 Männer hinter einem Ball herjagen“. Die wohl erhoffte Empörung bleibt (mangels Zuschauern) aus.

Diese vermeintliche Wichtigkeit eines Spiels erzeuge starke Emotionen, die sich in Gewalt entladen könnten. Bei einem der bisher schlimmsten Zusammenstöße, 1985 im Heysel-Stadion (Brüssel), gab es 39 Tote und 600 Verletzte. Aktueller ist der Fall des Gendarmen Daniel Nivel, der bei der WM 1998 in Frankreich von Hooligans fast totgeprügelt wurde.

Dazu käme, dass Nationalismus, Rassismus und Homophobie nicht unterbunden würden. Aber es gibt doch Initiativen wie „Football Against Racism“? In der Praxis, bringt Segal ein Beispiel aus Frankreich, greife der Schiedsrichter aber nicht einmal ein, wenn einem schwarzen Spieler 45 Minuten zugerufen werde „Affe, geh zurück auf deinen Baum“. Sein Fazit: „Profi-Fußball ist komplett verdorben.“

ZUR SACHE

An den Wiener Volkshochschulen (VHS) halten seit 1999 unter dem Titel University meets Public Universitätslehrende Vorträge. Pro Semester finden etwa 200 Vorträge aus den verschiedensten Bereichen (Physik, Medizin,) statt.

Jérôme Segal wiederholt seinen Vortrag am 8.4.2007 um 18 Uhr an der VHS Hernals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2008)

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