BERLIN. Schon bei ihrer Ankunft verbreiten sie Angst und Schrecken. Wie eine Dampfwalze schiebt sich die Masse vor – scheinbar bereit, alles, was sich ihr in den Weg stellt, kurz und klein zu schlagen. Kahlköpfig, stiernackig, grölend und aggressionsgeladen sind die Schwarz-Gelben, die Fans des früheren DDR-Traditionsklubs Dynamo Dresden, neulich in Berlin dem Zug entstiegen. So, als würden sie Randale suchen.
Es sind Szenen wie diese, die die Polizei unter allen Umständen bei der EM verhindern will. Euro-Koordinator Heinz Palme sagte jüngst in Berlin: „Wir spielen Doppelpass mit Deutschland. Das Sicherheitskonzept haben wir 1:1 übernommen.“ Was war im Vorfeld der WM nicht die Rede von Straßenschlachten zwischen Fangruppen und No-Go-Areas für Schwarze im Osten Deutschlands? Und dann erlebte die Welt das friedlichste und fröhlichste Fußball-Spektakel seit langem. Nur beim im Vorfeld zum Fankrieg hochgeschriebenen Match Deutschland gegen Polen kam es zu kleineren Ausschreitungen.
„Wir haben 8000 bekannte Gewalttäter in unseren Dateien gespeichert“, erklärt Andreas Piatkowski vom „Landesamt für zentrale behördliche Dienste“ in Neuss. In der dem Innenministerium Nordrhein-Westfalen unterstellten Behörde laufen alle Informationen über die Aktivitäten radikaler Fangruppen zusammen.
Schwieriger als bei einer WM
„Wir werden diese Fans zu Hause ansprechen.“ Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Im Extremfall setzt die Polizei Verdächtige fest oder nimmt ihnen den Pass weg. „Die Maßnahmen sollen Rädelsführer und auch Mitläufer verunsichern“. Für sie gibt es Meldeauflagen für den Spieltag. Erscheinen sie nicht, drohen Geld- oder Haftstrafen.
Um das Problem zu entschärfen, haben Länder, Deutscher Fußballbund (DFB) und Klubs „Fanprojekte“ geschaffen und „Fan-Koordinatoren“ eingesetzt. Für die Euro zeigt sich Piatkowski zuversichtlich. Deutschland entsendet szenekundige Polizisten. Er weiß aber: „Das Problem wächst nach. Es ist ein Katz- und Maus-Spiel: Manche nehmen einen Umweg über ein Drittland in Kauf, um doch noch zum Match zu kommen. Wir wissen, dass wir nicht alle kriegen.“ Vier Wochen vor EM-Beginn sei es noch zu früh, genaue Erkenntnisse zu gewinnen.
Helmut Spahn, DFB-Sicherheitsexperte: „Bei einer EM herrscht eine sensiblere Sicherheitslage als bei einer WM. Die Fans entscheiden sich oft ganz kurzfristig, ob sie anreisen.“ Der harte Kern der deutschen Hooligan-Szene hatte zuletzt nur die vergleichsweise saloppen Sicherheitsvorkehrungen bei den Freundschaftsspielen des deutschen Nationalteams auswärts in Slowenien und der Slowakei zu Tumulten genutzt. Für Spahn sind Hooligans ein „Auslaufmodell“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)
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