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„Stars sind wichtig: Geld schießt Tore“

20.05.2008 | 19:09 |  GERHARD MÉSZÁROS (Die Presse)

Superstars sind wichtig für die Leistung, Verteidiger sind wichtiger als Stürmer, Ergebnisse beeinflussen den Aktienkurs von Sponsoren. Und Schiedsrichter sind unparteiisch – aber nur vor leeren Stadien.

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Die Presse: Welche Fragen verbinden die Wirtschaftswissenschaften mit Fußball?

Matthias Sutter: Es gibt zum einen die klassischen, eher makroökonomisch orientierten Zugänge, die etwa nach regionalwirtschaftlichen Auswirkungen fragen. Zum anderen gibt es eher neuere, verhaltenswissenschaftlich orientierte Ansätze, die auf einer Mikro-Ebene das individuelle Entscheidungsverhalten untersuchen. Der Fußball bietet den Vorteil, dass es einen riesigen Datenfundus gibt, sämtliche Ergebnisse, Schiedsrichterentscheidungen usw. sind dokumentiert.

Es gibt eine Studie, die sich zunutze macht, dass in Italien wegen gewalttätiger Ausschreitungen einige Stadien einige Zeit lang für Fans gesperrt wurden. Was war das Ergebnis?

Sutter: Die Entscheidungen der Schiedsrichter waren vor leeren Stadien fairer. Damit wird bestätigt, dass Schiedsrichter die Heimmannschaft systematisch bevorzugen. Das passiert nicht absichtlich, sondern unbewusst, etwa über die Lautstärke der Publikumsreaktionen. Ich habe gemeinsam mit Martin Kocher diese Verzerrung an zwei Indikatoren festgemacht: Zum einen wird systematisch länger nachgespielt, wenn die Heimmannschaft im Rückstand ist, zum anderen bekommt die Heimmannschaft deutlich öfter einen Elfmeter zugesprochen. Das ist für die Wirtschaft insofern interessant, als es hier oft ähnliche Situationen gibt: dass eine Person neutral entscheiden sollte, aber diversen Einflüssen ausgesetzt ist.

Sind daraus praktische Konsequenzen für die Schiedsrichterausbildung gezogen worden?

Sutter: Meines Wissens nach nicht, obwohl man aus psychologischen Tests weiß, dass man die Unabhängigkeit gegenüber derartigen Einflüssen trainieren kann.

Was kann der Fußball von seiner wirtschaftswissenschaftlichen Durchleuchtung lernen?

Sutter: Studien haben gezeigt, dass man bei einer knappen Führung vor Schluss nicht plötzlich eine defensive Strategie fahren sollte. Wechselt man bei einem 1:0 in der 80. Minute einen Verteidiger für einen Stürmer ein, so verschlechtert das tendenziell das Ergebnis. Die Forschung widerlegt auch manche Mythen: So haben wir herausgefunden, dass es bei einem Elferschießen irrelevant ist, welche Mannschaft beginnt. Ebenfalls irrelevant ist die Trikotfarbe.

Ist der Halbzeit-Effekt ebenfalls ein Mythos?

Sutter: Nein, wenn Tore zu einem wichtigen Zeitpunkt, etwa kurz vor der Pause, geschossen werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass diese Mannschaft gewinnt. Diese Tore wirken euphorisierend auf das Team bzw. stellen einen psychologischen Tiefschlag für die Gegner dar.

 

In Unternehmen erwartet man sich von einem neuen CEO oft Wundertaten, bei Fußballmannschaften gilt dasselbe. Was bringt der Trainerwechsel tatsächlich?

Sutter: Auch in diesem Fall findet man im Fußball bessere Daten als in der Wirtschaft. Forscher haben sich die niederländische Liga über 20 Jahre lang angeschaut und rund 250 Trainerwechsel analysiert. Das Ergebnis: Neue Besen kehren weder besser noch schlechter, der Trend der Leistung einer Mannschaft bleibt im Grunde gleich.

Eine Forschungsarbeit trägt den Titel: „How to Win the Premiership“. Wie geht das nun?

Sutter: Die Frage war, ob teure Transfers tatsächlich bessere Resultate bringen. Die Antwort lautet: Ja, Stars sind wichtig, Geld schießt also doch Tore. Allerdings ist die Komposition der Spieler im Team wichtig, man braucht mehrere gute Spieler. Sonst könnte eventuell Neid entstehen. Einige Forscher arbeiten an der optimalen Gehaltsstruktur in einer Mannschaft. Interessant ist, dass eine Investition in gute Verteidiger mehr Sinn macht als in gute Stürmer – auch wenn das weniger populär ist.

Nachdem sich England für die Euro 08 nicht qualifiziert hat, ist der Aktienkurs des Trikotsponsors eingebrochen. War das ein Zufall?

Sutter: Nein, es gibt einen klaren Zusammenhang: Wenn eine prominente Mannschaft gewinnt, dann steigt der Aktienkurs des Sponsors, wenn sie verliert, dann verliert auch die Aktie. Man kann sich einige Kanäle zusammenreimen, über die das funktioniert, so hätten bei einer Teilnahme von England vielleicht mehr Trikots verkauft werden können. Ich habe aber den Verdacht, dass die Aktienhändler schlicht ein irrationales Verhalten an den Tag legen.

Welche Fragen wären es wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden?

Sutter: Eine interessante Frage ist, wann der Schiedsrichter disziplinäre Maßnahmen setzen soll. Bei dem Spiel Niederlande gegen Portugal bei der EM 2004 gab es eine Menge an roten und gelben Karten. Die Hypothese lautete: Das ist passiert, weil der Schiedsrichter zu Beginn des Spiels zu wenig getan hat. Das ist auch organisationsökonomisch interessant: Wann sollte ein Vorgesetzter Maßnahmen ergreifen, um Missstände zu verhindern, aber ohne dabei die Motivation der Mitarbeiter zu zerstören?

PORTRÄT

Matthias Sutter (39) ist seit Oktober 2006 Professor für Experimentelle Ökonomie an der Universität Innsbruck.
Er studierte in Innsbruck „Public Economics“, leitete zwei Jahre eine Forschungsgruppe am Max Planck Institut für Wirtschaft in Jena und war bzw. ist auch an den Unis Köln und Göteborg tätig. Sutter untersucht unter anderem am Beispiel des Fußballs verhaltensökonomische Zusammenhänge.

Am 29. und 30. Mai findet an der Uni Innsbruck die Konferenz „Economics and Psychology of Football“ statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2008)

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2 Kommentare
Gast: UniMa
03.06.2011 22:37
0 0

Schießt Geld Tore

anbei eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema:
http://www.grin.com/e-book/164945/schiesst-geld-wirklich-tore

Gast: mcbroesel
23.05.2008 13:18
0 0

es sollte mehr..

...solche professoren wie ihn geben! gut vorbereitete, spannende vorlesungen! großes lob! obwohl man über die farbe seiner sakkos streiten kann! ;-)