Er werde Nationaltrainer bleiben, "sofern nichts Unvorhergesehenes passiert", sagte Hickersberger im Anschluss an die Pressekonferenz und ergänzte, sein voraussichtlicher Verbleib beim ÖFB und sein Verzicht auf eine neuerliche Tätigkeit im arabischen Raum sei "eigentlich eine Entscheidung für die Familie, für die Enkelkinder". Außerdem sei er noch jung genug für den Job. "Natürlich könnte ich in Pension gehen, aber so alt fühle ich mich wieder auch nicht."
"Verpflichtung der Mannschaft gegenüber"
Das Teamchef-Amt bei der Heim-EM auszuüben, war für Hickersberger nach eigenen Angaben die größte Herausforderung in seiner Karriere. "Jetzt gibt es diese Motivation nicht mehr, aber dafür die Verpflichtung der Mannschaft gegenüber, weiterzumachen", erklärte der Niederösterreicher, für dessen Vertragsverlängerung sich die Spieler deutlich ausgesprochen hatten. Deshalb liege der Anteil der Spieler an seiner Entscheidung, zu bleiben, auch bei "100 Prozent".
"Hicke" will den zuletzt sichtbaren Aufwärtstrend mit seiner Mannschaft weiter fortsetzen. "Die Entwicklung macht mich zuversichtlich, weil sie in den letzten Wochen rasant gewesen ist und ich das Gefühl bekommen habe, dass wir gegen Teams mit viel mehr Qualität mithalten und sie mit etwas Glück auch besiegen können", sagte der Coach, dessen Bilanz in seiner zweiten Amtszeit bei 5 Siegen, 9 Remis und 13 Niederlagen (Torverhältnis 29:39) steht.
In den zweieinhalb Jahren seit Beginn seiner Tätigkeit sei ein Vertrauensverhältnis zu den Spielern entstanden, "und auf dieser Vertrauensbasis kann man ganz gut aufbauen und weitermachen", meinte Hickersberger, der noch genau weiß, wie heftig sein Trainerstuhl im Oktober 2006 und im Oktober 2007 gewackelt hat. "Jeder kann sich erinnern, dass mir ein paar Leute einige Male am liebsten das Kamel vor die Tür gestellt hätten, damit ich in die Wüste reite."
"Hicke" wohl bis 2009
Nun aber deutet alles darauf hin, dass der 60-Jährige zumindest bis Herbst 2009 im ÖFB-Sattel sitzt, auch wenn er seinen Verbleib an gewisse Bedingungen knüpft. Vor allem die geplante Reduzierung der finanziellen Aufwendungen für den Betreuerstab will Hickersberger nicht hinnehmen. "Es geht darum, in welcher Art und Weise jetzt verkleinert wird."
Der Teamchef möchte auf die Mitarbeit des (teuren) ÖFB-Conditioning-Coaches Roger Spry nicht verzichten, auf der anderen Seite will ÖFB-Präsident Friedrich Stickler Sparmaßnahmen setzen. "Wir müssen trotz aller sportlichen Ziele auch auf das Geld schauen", betonte Stickler, sagte kurz darauf aber auch: "Wir werden nicht das, von dem wir überzeugt sind, weglassen."
Der ÖFB-Chef zeigte sich voll des Lobes für die Arbeit von Spry ("Er hat die Mannschaft auf ein hohes Niveau gebracht"), erwägt aber offensichtlich dennoch eine abgespeckte Kooperation mit dem Briten. "Einen Spry in dieser Intensität werden wir uns nicht mehr leisten können, aber wir werden andere Möglichkeiten finden, mit ihm zusammenzuarbeiten."
Entscheidung "in zwei, drei Wochen"
Neben der Problematik um die weitere Zusammensetzung von Hickersbergers Mitarbeiterstab, der laut Stickler "in zwei, drei Wochen" stehen soll, fehlt für eine Vertrags-Verlängerung auch noch die Zustimmung des ÖFB-Präsidiums. In diesem Zusammenhang ortet der ÖFB-Präsident allerdings keine Probleme. "Hickersberger genießt bei mir und bei meinen Präsidiums-Kollegen große Zustimmung und Anerkennung. Er hat eine ganz besondere Art, mit jungen Spielen zu arbeiten. Er hat auch noch andere Vorzüge, aber das ist einer seiner größten", lautete die von Stickler vorgenommene Teamchef-Einsetzung.
Sticklers Bereitschaft einer weiteren Zusammenarbeit mit "Hicke" wurde vom vorzeitigen Scheitern bei der Heim-EM nicht beeinflusst. "Natürlich muss man sich hohe Ziele setzen, aber es hängt auch davon ab, wie man scheitert, und da müssen wir uns nicht schämen", betonte der 59-Jährige und gab als Parole aus: "Wir stehen wieder auf und kämpfen weiter."
Die großen Erfolge blieben zwar in diesem EM-Turnier aus, sollen nun aber in der bevorstehenden WM-Quali eingefahren werden, auf die Hickersberger schon einen Ausblick wagte. "Die Chancen, die Qualifikation zu schaffen, kann ich mir ausrechnen, die sind wahrscheinlich geringer, als bei der EM das Viertelfinale zu erreichen", meinte "Hicke", zeigte sich jedoch schon jetzt für die erste Partie am 6. September in Wien gegen Frankreich optimistisch, weil beim Vize-Weltmeister nach der EM wohl ein Umbruch bevorstehe. "Und das haben wir beim Erstellen des Turnierplans einkalkuliert."
Scharner vor Comeback?
Ob der 38-Jährige Ivica Vastic weiterhin ein Thema für die ÖFB-Auswahl sein könnte, wollte Hickersberger nicht bestätigen. "Es wird einige Spieler geben, die in der WM-Qualifikation nicht mehr dabei sind. Aber was Vastic betrifft, kann man das jetzt noch nicht sagen." Während der Austro-Kroate sein letztes Länderspiel möglicherweise schon hinter sich hat, könnte mit Paul Scharner ein alter Bekannter zurückkehren. "Jetzt beginnt ein neues Kapitel. Ich gehe davon aus, dass er auch in der WM-Qualifikation wieder für Österreich spielen will."
Zu möglichen Fehlern in seiner zweiten Amtszeit wollte sich der Coach nicht explizit äußern. "Niemand macht alles richtig im Leben. Aber im Großen und Ganzen habe ich mir keine Gedanken in diese Richtung gemacht. Ich habe mir jede Entscheidung sehr genau überlegt", betonte "Hicke".
Zwiespältige Bilanz
Die sportliche Bilanz fiel am Tag nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland und dem damit verbundenen EM-Ausscheiden zwiespältig aus. Das hochgesteckte Ziel Viertelfinale habe man wohl verpasst, die durch das Turnier weiter beschleunigte Entwicklung der Mannschaft gebe aber Anlass zur Hoffnung, erklärte der ÖFB-Trainer.
"Chancen nicht richtig genützt"
"Wir haben uns ein ähnliches Spiel erwartet, und dass Deutschland dominiert", meinte Hickersberger. "Wir haben uns erhofft, dass wir mit unseren schnellen Spitzen den deutschen Verteidigern bei Gegenangriffen Probleme bereiten können. Das ist uns aber nicht gelungen, weil wir die wenigen Chancen nicht richtig genützt haben."
Ivica Vastic, der mit seinem Elfmetertor im Polen-Spiel Österreich bis zuletzt im Viertelfinal-Rennen gehalten hatte, sei für Hickersberger angesichts der Lage keine Wechsel-Alternative gewesen. "Wir hatten die Probleme ganz vorne, uns fehlte da die Durchschlagskraft. Vastic kommt aus der zweiten Reihe, es war uns da nicht mehr möglich zu kombinieren, weil Deutschland in der Verteidigung sehr kompakt gestanden ist. Das ist aber seine Stärke. Daher konnte er uns nicht so gut helfen", begründete der Niederösterreicher, der Vastic aber nochmals für seinen Einsatz dankte.
"Wir haben uns das große Ziel gesteckt, das Viertelfinale zu erreichen", erinnerte Hickersberger, der vermutete, dass man sich auf sportlichem Wege nicht für die EM qualifizieren hätte können. "Wenn man sich große Ziele steckt, ist es normal, diese nicht immer zu erreichen. Das Erreichen des Viertelfinales wäre für uns so gewesen, wie der Europameistertitel für Deutschland."
"Respekt gewonnen"
Die Perspektiven seien aber durchaus gut: "Die Mannschaft hat sich in den letzten Monaten sehr gut entwickelt. Sie hat Respekt gewonnen und Turniererfahrung." Das sei "das Wichtigste in einem österreichischem Fußballerleben. Ich war als Spieler und Trainer bei Weltmeisterschaften, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Aber ein EM ist von der Klasse des Turniers her noch darüberzustellen."
"Wir haben in unseren ersten beiden Spielen die Punkte, die wir uns erhofft haben, leider nicht erreicht. Aus vier Punkten ist ein Pünktchen geworden. Gegen Polen hätte es ein Sieg sein müssen", stellte der Niederösterreicher trocken fest. "Hicke" fand aber auch Worte des Lobes: "Wir haben da in den ersten 30 Minuten sensationell gespielt, diese Leistung hätte ich der Mannschaft nicht zugetraut. Genauso wie ich es ihr nicht zugetraut hatte, dass sie Kroatien konditionell gegen Ende des Spiels dominiert. Wir haben uns sehr gut vorbereitet, waren seit 8. Mai, länger als jede andere Nationalmannschaft, zusammen. Es hat alles gepasst, sonst wären die Spieler nicht so fit gewesen."
Daher habe er sich am Dienstag bei seinen Spielern für die Leistung, den Einsatz und die Leidenschaft bedankt. "Ich denke, dass das in Österreich gut angekommen ist. Die Mannschaft hat in den vergangenen zwei Jahren sehr viel mitgemacht, wurde verspottet und verhöhnt und ist gewachsen."
Hausaufgaben für die Spieler
Er habe den Spielern erklärt, "dass der Unterschied zu anderen Turnierteilnehmern, zu einem Qualifikations-Gruppensieger wie Polen, nicht so groß ist, wie wir ihn erwartet haben, und dass wir daran arbeiten müssen, ihn kleiner zu machen." Das sei aber nur möglich, "wenn jeder individuell im Verein mehr an sich arbeitet. Das geht nicht bei der Nationalmannschaft, da haben wir zu wenig Zeit."
Schiedsrichter Manuel Mejuto-Gonzalez , aber besonders dem vierten Unparteiischen, Damir Skomina, sprach "Hicke", der wie DFB-Coach Jogi Löw in der 40. Minute auf die Tribüne verbannt worden war ("Wir wissen nicht warum"), seine besondere "Wertschätzung" aus: "Das war eine besondere Leistung. Er ist in die Geschichte eingegangen. Es war schön auf der Ehrentribüne zu sitzen, und ich wäre sonst nicht in den Genuss gekommen, Angela Merkel zum Sieg zu gratulieren." Hickersberger kam entgegen den anderslautenden Vorschriften ("Ich glaubte, mich verhört zu haben") in der Halbzeit zwar in die Kabine, musste diese schließlich aber wieder verlassen.
"Euro noch nicht vorbei"
Insgesamt sei es aber "unglaublich" gewesen, die im Lande vorhandene Euphorie zu spüren. Im übrigen sei die "Euro noch nicht vorbei. Für alle Österreicher geht es erst richtig los. Wir werden Fußballfeste feiern. Das wird auch mir Spaß machen, der Spaßfaktor ist bei mir bisher etwas zu kurz gekommen", sagte Hickersberger. Er werde alle weiteren Spiele in Wien besuchen und "die Fußballbegeisterung der ausländischen Gäste teilen".
(APA)
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