Eine echte Halbfinalüberraschung fehlt diesmal bei der Fußballeuropameisterschaft. 2008 sorgte Russland für Furore, 2004 der spätere Europameister Griechenland. In diesem Jahr sind die großen Nationen unter sich. Gewonnen haben die vermeintlich Kleinen wie die beiden Gastgeber abseits des Rasens, denn in puncto Organisation verblüfften Polen und die Ukraine.
„Total positives“ Fazit
„Unser Fazit: total positiv. Die Organisation und die Stadien sind klasse“, lobte etwa der deutsche Verbandspräsident Wolfgang Niersbach die Veranstalterländer. Der DFB-Chef nannte auch die Gastfreundschaft in beiden Ländern überwältigend und betonte: „Ich finde, dass diese erste Großveranstaltung in Osteuropa im Fußball ein Erfolg ist.“
Ein Erfolg, der in jahrelangen Vorbereitungen hart erkämpft werden musste und der nach all den Berichten im Vorfeld über polnische Hooligans oder ukrainische Rechtsradikale nicht zu erwarten war. Schwere Krawalle blieben mit Ausnahme des politisch heiklen Duells zwischen Polen und Russland aus. Grobe Pannen oder Peinlichkeiten haben sich die Ausrichternationen nicht geleistet.
So durften kurz vor Beginn der letzten EM-Woche auch Polens Sportministerin Joanna Mucha und Turnierdirektor Martin Kallen aufatmen. „Wir sind stolz und glücklich“, sagte Kallen am Wochenende. Der Termin mit den Medien in der polnischen Hauptstadt trug den Charakter einer Bilanz-Pressekonferenz eines expandierenden Weltunternehmens. „Wir haben alle offenen Punkte zu einem erfolgreichen Ergebnis gebracht und können jetzt das Turnier genießen“, betonte Mucha.
Genießen ja, aber leider ohne die eigene Mannschaft. In die Phalanx der Großen konnten weder die Gastgeber noch andere Außenseiter eindringen. In ihrem Schicksal stehen Polen und Ukrainer nicht alleine da. Die Russen wollten so überraschen wie vor vier Jahren. Ergebnis: Aus in der der Gruppenphase. Österreichs WM-Quali-Gegner Irland sammelte Punkte hauptsächlich für seine begeisterungsfähigen Fans. Die unbekümmerten Dänen spielten erfrischend gut mit, mussten am Ende aber doch Deutschland und Portugal den Vortritt lassen.
Im Viertelfinale bekamen die Zuschauer in ungleichen Duellen zwischen den Deutschen und den spielerisch limitierten Griechen (4:2) ebenso einen Klassenunterschied präsentiert wie zwischen Cristiano Ronaldos Portugiesen und den harmlosen Tschechen (1:0). Anders als 2008 in Österreich und der Schweiz mit Russland und der Türkei oder 2004 mit dem späteren Europameister Griechenland bleibt die Runde der letzten vier in diesem Jahr eine geschlossene Gesellschaft.
„Spiel gewinnst du auf dem Platz“
Für den Uefa-Präsidenten ist dies kein Problem. „Eines ist mir wichtig: Ganz allgemein haben wir bewiesen, dass es möglich ist, als schwierig geltenden Ländern solch ein Ereignis zuzutrauen“, erklärte Michel Platini. „Was das Sportliche betrifft, wiederhole ich mich gerne: Ich respektiere immer das Ergebnis auf dem Platz. Wenn jemand ausscheidet, heißt es, dass andere besser waren. Das Spiel gewinnst du auf dem Platz.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
Hier wird gespieltAcht EM-Stadien für über zwei Milliarden Euro
