[Kiew/wien] Nach 120 torlosen Minuten zwischen Italien und England musste das Elfmeterschießen über Deutschlands Halbfinalgegner entscheiden. Als dritter Schütze der Italiener legte sich Andrea Pirlo den Ball zurecht. Vor ihm hatte Rooney souverän getroffen und die Engländer in Führung gebracht, weil Montolivo seinen Elfer zuvor neben das Tor gesetzt hatte. Ein enormer Druck lastete auf Pirlo. Doch der 33-Jährige lupfte den Ball locker lässig im „Panenka-Stil" in die Mitte des Tores.
„Das war ganz spontan. Ich habe gesehen, dass Hart sehr angespannt war und sich zu früh bewegte", erklärte Pirlo sein Kunststück, das Italien zurück auf die Siegerstraße brachte. Denn anschließend scheiterte Young, der den Ball mit brachialer Gewalt an die Latte knallte, und Buffon hielt den Elfer von Cole. Zum sechsten Mal scheiterten die Engländer bei einer Endrunde vom Elferpunkt, da half auch das Üben im Vorfeld nichts. „Die Coolness, die Pirlo an den Tag gelegt hat, hast du als Spieler einfach oder nicht", sagte England-Coach Roy Hodgson: „Das kann man nicht trainieren."
Pirlo ist momentan so etwas wie Italiens Lebensversicherung. Beim Blick in sein Gesicht vermutet man weit mehr als 33 Lebensjahre, doch der Mittelfeldspieler zeigt sich trotz 53 absolvierter Saisonspiele bei diesem Turnier so frisch wie nie. In den drei Vorrundenpartien ging Italien dreimal in Führung, jedes Mal hatte Pirlo seine Füße im Spiel. Gegen Spanien spielte er den genialen Pass auf Di Natale, gegen Kroatien traf er per Freistoß und Cassanos Treffer gegen Irland leitete er per Ecke ein. „Pirlo ist mehr als die halbe Nationalelf", adelte ihn die italienischen Zeitung „Gazzetta dello Sport".
Auch gegen England drückte Pirlo dem italienischen Spiel seinen Stempel auf. Er legte mit 15,2 Kilometern die drittgrößte Distanz aller 22 Akteure zurück, spielte mit 117 die meisten Pässe, 31 davon ins Angriffsdrittel. „Es gibt kein Geheimnis hinter meiner Art zu spielen. Es geht nur darum, einfach zu spielen und schnell zu passen, damit sich Lücken auftun", analysiert Pirlo seinen Stil nüchtern.
Ein Spielmacher der alten Schule
Pirlo ist kein Mann großer Worte, er glänzt auf dem Platz - mit perfekter Ballkontrolle und schneller Auffassung. Sie verleihen ihm jene Ruhe, die die Präzision seiner Pässe ausmacht. Den dafür nötigen Raum gibt ihm die tief liegende Position vor der Abwehr. Von dort aus überblickt „l'architetto", der Architekt, das Spiel, um im entscheidenden Moment mit dem richtigen Pass den Angriff aufzubauen.
Erst nach drei Saisonen wusste Pirlos Trainer beim AC Milan, Carlo Ancelotti, den damals 25-Jährigen richtig einzusetzen und dessen Potenzial voll abzurufen. Zwischendurch war Pirlo schon als „ewiges Talent" abgeschrieben worden. Nach dem Serie-A-Debüt mit 16, fand er sich nach seinem Wechsel zu Inter Mailand zwei Jahre später zumeist auf der Bank wieder. Bei Leihspielen in Reggina und bei seinem Stammklub Brescia überzeugte er, der Durchbruch bei Inter wollte dennoch nicht gelingen. 2001 wechselte Pirlo für 18 Millionen Euro zum Stadtrivalen Milan. Noch heute bezeichnet Inter-Boss Moratti dies als seinen „schlimmsten Fehler". Nachdem er bei Milan seine Position gefunden hatte, brachte er es in zehn Jahren auf 284 Einsätze, zwei Meistertitel, einen Cup-Erfolg und zwei Champions-League-Siege. Umso überraschender fiel sein Abschied von den „Rossoneri" im vergangenen Sommer aus. Juventus ließ sich die Chance nicht entgehen und verpflichtete Pirlo ablösefrei. Ein Glücksgriff, denn der 33-Jährige trug maßgeblich zum Titelgewinn der Turiner bei.
Seinen zweiten Frühling setzt Pirlo bei der EM nahtlos fort. Am Donnerstag trifft er mit seinem Team auf Deutschland. Bei ihrem WM-Sieg 2006 beendeten die Italiener im Halbfinale das deutsche Sommermärchen. Beinahe selbstredend war es Pirlo, der Grosso beim Führungstreffer ideal bediente. Auch diesmal soll ein weiteres Glanzstück des Architekten Italiens Weg Richtung Titel ebnen.
Pressestimmen: ''Italien, jetzt rechnen wir ab''
Entscheidung vom Elferpunkt: Italien behält die Nerven
Hier wird gespieltAcht EM-Stadien für über zwei Milliarden Euro
