Er trägt Armani-Anzüge, gelt trotz seiner 54 Jahre täglich seine Haare und mimt mit seinem breiten, freundlichen Lächeln den italienischen Signore von nebenan. Cesare Prandelli, Teamchef der Squadra Azzurra, ist derzeit in seiner Heimat der Mann der Stunde. Ihm trauen es die Tifosi zu, am Donnerstag im EM-Viertelfinale Deutschland nicht nur sportlich zu schlagen, sondern auch das Modeduell mit Joachim Löw für sich zu entscheiden. La dolce vita endet für Italiener eben nicht nur an der Seitenlinie des Fußballplatzes.
Prandelli wirkt dennoch mitunter konservativ. Der Lombarde preist Begriffe wie Familie, Zusammenhalt und steht offen zu seinem katholischen Glauben. Er hat es verstanden, Italiens Fußball ein neues Gesicht zu geben. Er sagt: „Geht lachend auf den Platz, habt Spaß, keine Angst, greift an, seid mutig.“ Der Erfolg gibt ihm recht. Einfallsloser Catenaccio war gestern, offensiver Calcio ist heute. „Italien spielt wie vom anderen Planeten“, stellte „Corriere dello Sport“ fest und die „Gazzetta“ ortet eine „Kulturrevolution“. „Prandelli hat den Mut, unitalienisch zu spielen“, sagt der ehemalige italienische Teamspieler Gianfranco Zola.
Den Caposquadra der Italiener zeichnet nicht nur Akribie beim Video- und Taktikstudium aus, Prandelli zeigt auch menschliche Größe. Er hielt trotz der homophoben Aussagen von Antonio Cassano an seiner Nummer zehn fest. Auch ließ er Torhüter Gianluigi Buffon nicht fallen, als er vor der EM mit dubiosen Überweisungen an einen Wettbürobesitzer mit dem Wettskandal in Verbindung gebracht wurde. Der Aufschrei war laut, Prandelli, der in Italien zweimal zum Trainer des Jahres gewählt wurde, aber blieb seiner Linie treu.
Damit erleben vier Italiener ein deutsches Déjà-vu: Sechs Jahre nach der WM in Deutschland treffen Buffon, Andrea Pirlo, Daniele de Rossi und Andrea Barzagli bei der EM erneut auf die DFB-Elf. Wie schon 2006 ist es wieder ein Halbfinale. Damals verlor Deutschland mit 0:2 nach Verlängerung (Tore: Grosso, Del Piero).
Italien, die „andere Hausnummer“
Es war der Höhepunkt einer Negativserie, die Deutschland gegen Italien bei WM- und EM-Endrunden seit 1962 plagt. Sieben Mal spielte Deutschland bei großen Turnieren gegen Italien – und konnte noch nie gewinnen. Besonders schmerzlich in deutscher Erinnerung geblieben sind bis heute die Niederlage im WM-Finale 1982 (1:3, Tore: Rossi, Tardelli, Altobelli) und das geplatzte Sommermärchen bei der WM 2006.
Joachim Löw jedenfalls ist auf das erneute Aufeinandertreffen mit Italien vorbereitet. Er wird seine Startformation verändern. „Die eine oder andere Veränderung gibt es zum Griechenland-Spiel“, sagte er. „Griechenland darf aber nicht der Maßstab sein für unser Spiel. Italien ist doch eine ganz andere Hausnummer.“ Die Niederlage von 2006 hat Löw übrigens längst abgehakt: „Die Vergangenheit spielt für mich keine Rolle.“ Das sah auch sein Pendant Prandelli so, zudem sei Deutschland Favorit. „Warum? Sie hatten zwei Tage länger Zeit, sich zu regenerieren.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)
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