Donezk/Wien. Portugal hatte eine Plan. Einen wohl durchdachten. Die Seleção wollte sich nicht alleine darauf verlassen, dass Cristiano Ronaldo in 90 oder mehr Minuten ein entscheidender Geniestreich einfällt. Auf spanischen „Tiki-Taka“-Fußball hatte der Außenseiter so gar keine Lust. Seit vier Jahren dominiert Spanien mit seinem nahe der Perfektion inszenierten Kurzpassspiel den Weltfußball. Ewig lange Ballstafetten hatten schon bei der EM 2008 und der WM 2010 zum Erfolg geführt. „Wir werden unser Spiel nicht ändern. Auch nicht gegen Portugal“, hörte man vor dem Halbfinalschlager aus dem spanischen Lager.
Portugals Teamchef Paulo Bento dürfte das Spiel des Gegners im Vorfeld ausführlich studiert haben. Er schickte seine Mannschaft mit einem taktisch ausgereiften Konzept auf den Rasen der EM-Arena in Donezk. Der ballführende Spanier wurde frühest möglich attackiert, Räume wurden effizient zugestellt, mögliche Pässe konsequent unterbunden. Die Portugiesen standen hoch, oftmals zählte man fünf, manchmal sogar sechs der Herren in den weißen Trikots in der Hälfte der „Furia Roja“, der roten Furie, wie Spaniens Team auch genannt wird. Portugal verhinderte es mit seiner Spielausrichtung, das Schicksal mit den Franzosen zu teilen. Diese liefen im Viertelfinale Ball und Gegner konsequent hinterher, wurden vom spanischen Ballbesitz regelrecht erdrückt.
„Nur“ 56 Prozent Ballbesitz
So boten sich dem Zuschauer fast ungewohnte Szenen. Spanien kam nicht in den Genuss, sich das Leder im Zuge eines Angriffs gefühlte 100 Mal zuzuspielen und auf die sich öffnende Lücke in der gegnerischen Abwehr zu warten. Torchancen waren Mangelware. In Halbzeit eins versuchten sich Arbeloa (9.) und Iniesta (29.). Sie trafen aber genauso wenig wie Ronaldo (31.). Nach 45 Minuten konnte Spanien auf verhältnismäßige geringe 56 Prozent Ballbesitz verweisen. Von der Dominanz vergangener Spiele war man weit entfernt. Bezeichnend: Xavi hatte bei seiner Auswechslung kurz vor Ende der regulären Spielzeit 74 Ballberührungen vorzuweisen. In den vorangegangenen Spielen brachte er es im Schnitt auf 125.
Fàbregas erlöst Spanien
Portugal blieb seinem aggressiven Stil auch in Hälfte zwei treu, beschäftigte die Spanier, wenngleich die Kräfte mit Fortdauer der Partie schwanden. Der Titelverteidiger gewann an Spielanteilen, ohne Überlegenheit auszustrahlen. Als bereits jeder eine Verlängerung erwartete, bot sich Ronaldo in einem Konter die Last-Minute-Möglichkeit zum Goldtor (90.). In der Verlängerung drängte Spanien, Iniesta hatte die Entscheidung in der 104. Minute auf dem Fuß. Im Elfmeterschießen wurde der eingewechselte Fàbregas zum viel umjubelten Helden der Spanier. Ronaldo kam nicht einmal mehr zum Schuss.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)
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