[DONEZK/WIEN] Die Spanier bleiben auf Rekordkurs, die Mission Impossible ist einen Schritt weiter, wobei die Aufgaben immer schwieriger werden. Noch nie konnte ein Europameister seinen Titel erfolgreich verteidigen, noch nie konnte eine Fußballnationalmannschaft drei große Titel in Serie gewinnen. Aber die Mannschaft von Vicente del Bosque wird nicht müde, immer weitere Erfolgskapitel zu schreiben. Seit neun K.-o.-Spielen bei Europa- und Weltmeisterschaften haben die Spanier kein Tor mehr kassiert.
Die letzte Niederlage bei einem Turnier haben sie bei der WM 2006 in Deutschland hinnehmen müssen – 1:3 im Achtelfinale gegen Frankreich. Auch drei Verlängerungen hat España ohne Gegentor überstanden. Bei der Euro 2008 gegen Italien, bei der WM 2010 im Finale gegen die Niederländer. Und nun hat man in Donezk die Portugiesen nach torlosen 120 Minuten im Elfmeterschießen auf die Heimreise geschickt. Torhüter Iker Casillas ist in K.-o.-Spielen seit 900 Minuten unbezwungen.
Die letzte Mannschaft, die derlei historische Glanzleistungen zustande gebracht hat, war die Bundesrepublik Deutschland. Gerd Müller, Franz Beckenbauer und Co. sind in den 1970er-Jahren in den Endspielen der EM 1972, WM 1974 und EM 1976 gestanden. Drei Erfolge in drei Endspielen haben sie allerdings nicht geschafft. Schuld daran war die Tschechoslowakei, vor allem Antonin Panenka, der spätere Rapid-Legionär.
Innere Stärke
„Ein Schritt vor der Krönung“, jubelte „El Pais“ nach dem glücklichen Elferschießen gegen Portugal. „Spanien ist dabei, Fußballgeschichte zu schrieben.“ Wobei die spanischen Gazetten nicht unerwähnt ließen, dass sich der Titelverteidiger ganz schön plagen musste. „Spanien konnte nicht sein Spiel entfalten, das sonst so sehr an den FC Barcelona erinnert. Aber die Elf bewies eine innere Stärke und verstand es zu kämpfen“, urteilte „El Periodico“.
Die Real-Madrid-Postille „As“ zog da schon mehr mit den spanischen Helden ins Gericht. „In den ersten 90 Minuten ist nicht viel passiert. Spanien spielte nicht besser als Portugal, aber auch nicht schlechter. Erst in der Verlängerung war das zu sehen, was das Publikum verlangt: bedingungslose Offensive und Flügelspiel.“ Da wurden dann auch lange Bälle vorgetragen – allerdings war Fernando Torres nur Zuschauer. In seinen Augen konnte man die Enttäuschung darüber einwandfrei erkennen. Auch ohne Monokel und Superzeitlupe.
90 Minuten lang gelang es Portugal, den Titelverteidiger nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Der Favorit war zwar wie schon gegen Italien (1:1) und Kroatien (1:0) auch diesmal kurz davor, entzaubert zu werden und seine langjährige Vorherrschaft im internationalen Fußball zu verlieren. Doch dank Routine und Nervenstärke ging auch dieser Kelch vorüber.
„Diese Eigenschaften unserer Spieler werden uns die nächsten Triumphe bringen“, sagte Trainer Vicente del Bosque, der am Donnerstagabend in Ruhe verfolgen konnte, mit wem man es am Sonntag in Kiew zu tun bekommt. „Das Finale wird ein großartiges Spiel. Uns kümmert aber gar nicht, wer der Gegner sein wird!“
Harte Arbeit der Künstler
Spanien legte nach den Einwechslungen von Fabregas, Pedro und Navas in der Verlängerung zu, in der Entscheidung vom Elfmeterpunkt habe aber das Glück entschieden, meinte Del Bosque: „Gratulationen an Portugal. Wir waren dieses Mal einfach glücklicher.“ Gleich beim ersten Versuch war Xabi Alonso noch am portugiesischen Torhüter Rui Patricio gescheitert. Doch anschließend zeichnete sich Iker Casillas gegen Joao Moutinho aus, ehe Bruno Alves verschoss.
„Es war harte Arbeit. Aber wir sind wieder im Finale, das ist eine riesige Belohnung. Was auch immer passiert, wir können stolz sein. Aber nun wollen wir den Pokal auch mit nach Hause nehmen“, sagte Xabi Alonso. „Es war nicht unser bestes Spiel, weil es die Portugiesen uns sehr schwer gemacht haben“, sagte Verteidiger Sergio Ramos, der seinen Elfer fast in Pirlo-Manier verwandelt hatte.
Torhüter und Kapitän Casillas gab offen zu, 120 Minuten „gelitten“ zu haben. „Aber diese Mannschaft ist durch harte Arbeit und unsere Kritiker zusammengerückt. Für uns zählt nur, dass wir im Finale stehen. Egal, gegen wen!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)
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