Tifosi feiern "Wahnsinns-Balotelli", Löw in der Kritik

Italien hofft nach dem Sieg im EM-Halbfinale über Deutschland nicht nur auf den Titel, sondern auch auf den wirtschaftlichen Neustart. Die enttäuschte DFB-Mannschaft leckt ihre Wunden.

FussballEM Magische Nacht Italiens
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FussballEM Magische Nacht Italiens
(c) AP (Vadim Ghirda)

Während der italienische Premier Mario Monti beim historischen EU-Gipfeltreffen in Brüssel mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel über das Wachstumspaket und rasche Finanzhilfen für die schuldengeplagten Italiener zäh pokerte, gelang den Azzurri in Warschau, was die Tifosi nur noch zu träumen gehofft hatten. Die Squadra besiegte dank zwei Toren des Exzentrikers Mario Balotelli Deutschland mit 2:1 und schaffte so den Einzug ins Finale der Fußball-EM gegen Titelverteidiger Spanien.

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Für die von einer schweren Rezession und einer dramatischen Schuldenkrise belasteten Italiener ist der Sieg gegen Deutschland weit mehr als nur ein sportlicher Erfolg. Für die Fans im krisengeschüttelten Stiefelstaat ist der Triumph im Duell mit der Wirtschaftsmacht Deutschland ein gutes Omen und ein Zeichen, dass sich "Bella Italia" aus der Misere retten und politisch und wirtschaftlich wieder auferstehen kann.

"Italien ist nicht am Ende. Der Sieg gegen die Deutschen bezeugt, dass wir sportlich und wirtschaftlich wieder auferstehen können", sagte Antonio De Riccardi, ein Fan der Azzurri, der das Match in Rom verfolgt hatte. "Wir sind ein starkes Land mit viel Potenzial und Talent. Das werden wir nicht nur im Fußball beweisen. Italien kann sich retten", kommentierte im Fernsehen eine Frau aus der Kleinstadt Mirandola in der Emilia Romagna, die beim schweren Erdbeben im Mai ihre Wohnung verloren hatte. In der Erdbebenregion verfolgten in Sporthallen und Zeltlagern tausende Obdachlose die Spiele der eigenen Mannschaft.

Auch von Mailand bis Palermo feierten die begeisterten Fans den erträumten Einzug ins Finale. Zehntausende liefen nach dem Abpfiff auf die Straßen, hupten und feierten wild. "Das Spiel war wie ein Befreiungsschlag. Endlich haben wir gezeigt, was wir können", meinte ein Tifoso mit dem Italia-Trikot von Balotelli.

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Während des Spiels gegen die Deutschen, das wieder auf zahlreichen Großleinwänden und in Bars und Cafes übertragen wurde, waren die Restaurants in Rom wie leer gefegt - ein ungewöhnliches Bild. Mit den Farben der italienischen Fahne geschminkte Gruppen zogen jubelnd durch die Innenstadt. Die Stimmung war so begeistert, dass Beobachter sich nur vage vorstellen können, was in Italien im Fall eines Finalsieges passieren würde. "Das ist nur die Generalprobe für das Endspiel am Sonntag", berichtet Paolo Di Nicola, ein 23-jähriger Fan, der mit einer Gruppe von Freunden auf den Leinwänden der Piazza del Popolo in Rom das spannende Match verfolgt hatte.

Auf der Piazza Venezia, im Herzen der Ewigen Stadt, waren nach Spielende Autokorsos nicht aufzuhalten. Die Gemeinde hatte bereits damit gerechnet, dass es in Rom zu einer langen Nacht kommen würde. Schon kurz nach Ende des Spiels hatten sich überall Verkehrspolizisten in Stellung gebracht, um das Chaos auf den Straßen und Piazzas zu regeln. "Balotelli! Balotelli", riefen die römischen Fans. Touristen fotografierten das Spektakel.

Deutschland packt früh zusammen

Deutsche Gäste in Rom konnten ihre Enttäuschung nicht verbergen. Einige Fans mit deutschem Trikot, die das Match auf Großbildschirmen gesehen hatten, rollten schon nach Balotellis zweitem Tor die deutsche Fahne zusammen. Der deutsche Botschafter in Rom, Michael Gerdts, der das Spiel mit Roms Bürgermeister Gianni Alemanno auf einer Leinwand im Herzen der Stadt verfolgt hatte, gratulierte den Siegern.

Auch Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano stellte sich als Gratulant ein und meinte. "Dieser Sieg ist eine einmalige Leistung. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie toll diese Mannschaft ist", gratulierte Napolitano den Azzurri in einem Telefonat mit Coach Cesare Prandelli und Kapitän Gianluigi Buffon.

Auch die Medien sparen nicht mit Lob für die Prandelli-Truppe. "Deutschland ist wieder einmal besiegt worden. Ganz Italien feiert mit SuperMario Balotelli. Deutschland kapituliert vor der Stärke der Azzurri. Deutschland hat diesmal die Niederlage voll verdient", so die "Gazzetta dello Sport".

Italien feiert "Wahnsinns-Balotelli"

Besonderes Lob gab es für den Doppeltorschützen Mario Balotelli: "Super Balotelli. Ein Stern ist aufgegangen", titelte die "Gazzetta dello Sport", und der "Corriere dello Sport" feierte den "Wahnsinns-Balotelli". Noch vor kurzer Zeit war der Stürmer nicht nur in seiner Heimat weniger gut angeschrieben. Er zerlegte Sportwagen, warf Dartpfeile auf Jugendspieler, verpasste seinem Gegenspieler einen Stollenabdruck im Gesicht, prügelte sich mit einem Mitspieler um einen Freistoß und warf den Fans seines früheren Klubs Inter Mailand sein Trikot vor die Füße.

Teamchef Cesare Prandelli hielt dennoch an seinem "Bad Boy" fest - und ausgerechnet in dem Moment, als sich diese Vorgehensweise bezahlt machte, verzichtete der Coach auf Lobeshymnen. "Mario ist brillant, aber der Sieg gegen Deutschland ist auf eine großartige Mannschaftsleistung zurückzuführen. Seine Karriere hat gerade erst begonnen", betonte Prandelli.In der 37. Minute des Fußball-EM-Semifinales zwischen Italien und Deutschland riss es die 56.000 Zuschauer im Warschauer Nationalstadion aus ihren Sitzen, nur einer verharrte regungslos: Mario Balotelli stand mit nacktem Oberkörper auf dem Rasen, präsentierte seine Muskeln wie ein Bodybuilder und wartete mit grimmiger Miene auf die jubelnden Mitspieler, die ihm nach dem soeben erzielten 2:0 entgegenrannten.

Das vor ihm liegende Trikot hatte sich der Stürmer in der ersten Begeisterung über seinen Doppelpack vom Leib gerissen, was ihm die Gelbe Karte einbrachte. Kritik an seinem Torjubel ließ Balotelli nicht zu. "Wahrscheinlich sind ein paar Leute nur neidisch, weil sie meinen Körper gesehen haben", vermutete der 21-Jährige.

Balotelli: "Vielleicht schieße ich vier Tore"

Der Exzentriker sprach nach seiner Gala-Vorstellung vom "schönsten Abend meines Lebens" und widmete den persönlichen Triumph seiner Pflegemutter Sylvia, die im Stadion saß. "Diese Tore sind für sie, ich wollte sie einfach nur glücklich machen." Zum Finale am Sonntag in Kiew gegen Spanien wird nun auch Balotellis Pflegevater erwartet. "Vielleicht schieße ich dann sogar vier Tore", spekulierte der Angreifer von Manchester City.

Mit drei Toren führt Balotelli die EM-Schützenliste gemeinsam mit den bereits ausgeschiedenen Mario Gomez, Alan Dsagojew, Cristiano Ronaldo und Mario Mandzukic an. Die Torjägerkrone interessiert den Italiener nach eigenen Angaben aber nicht. "Wenn ich gegen Spanien nicht treffe und schlecht spiele, ist es auch egal, so lange wir den Titel holen."

Für das Endspiel gegen den Titelverteidiger und regierenden Weltmeister rechnet sich der wohl schillerndste Spieler der EM einiges aus. "Wir dürfen uns nicht vom Spiel auf Ballbesitz der Spanier frustrieren lassen. Immerhin sind wir die einzige Mannschaft im Turnier, die ihnen ein Tor geschossen hat (Anm.: beim 1:1 in der Gruppenphase). Wir haben bewiesen, dass wir auf einem Level mit ihnen sind", erklärte Balotelli.

Berauscht vom Triumph prognostizierte der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo für das Finale am Sonntag in Kiew: "Die Chancen stehen 51:49 - für uns."

Löw verzockt sich

Bei den Deutschen war der Aufprall für "Überflieger" Joachim Löw hart. Für sein goldenes Händchen war der deutsche Teamchef nach den vier EM-Siegen gelobt worden, doch gegen Italien verzockte sich der Taktik-Tüftler. Das abrupte Ende seiner Titelmission setzte dem 52-Jährigen mehr zu, als er in seinen ersten Kommentaren nach dem 1:2 am Donnerstag im Semifinale gegen Italien zugeben mochte.

"Im Nachhinein hätten wir dieses oder jenes machen können", antwortete Löw auf die Frage, ob er mit seinen Umstellungen bei der letzten Hürde vor dem Finale womöglich ein bisschen zu viel gewollt hatte. Miroslav Klose, Marco Reus, Andre Schürrle raus, dafür der fehlgeschlagene Überraschungsplan mit Toni Kroos. "Man kann die Taktik vorschieben, aber am Ende stehen wir auf dem Platz und müssen das regeln", sagte Gomez. Kein Spieler äußerte öffentlich Kritik am Matchplan.

DFB-Präsident stärkt Löw den Rücken

Bei den vier Siegen zuvor hatte Löw alles richtig gemacht, stets die richtige Taktik gefunden und das richtige Personal ausgewählt. Gegen die cleveren Italiener aber lag der Stratege daneben - die Korrekturen zur Pause halfen nicht mehr. Was blieb, war ein positives Gesamt-Resümee. "Es gibt keinen Grund, etwas anzuzweifeln. Wir hatten die jüngste Mannschaft, wir haben trotz allem ein starkes Turnier gespielt", lautete sein Fazit. Unterstützung kam von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: "Jogi, du hast einen Klasse-Job gemacht. Wir sind unheimlich froh, dich als Bundestrainer zu haben."

Mit durchschnittlich 2,22 Punkten pro Match bleibt Löw der beste aller zehn Bundestrainer - zur Unsterblichkeit aber gehört ein Titelgewinn. "Man hat natürlich ein bisschen umgestellt", sagte Teammanager Oliver Bierhoff und gab zu, dass Löws Plan diesmal nicht aufgegangen war. "Ja, es ist bitter, auch ärgerlich. Man plant so etwas zwei Jahre, denkt sich tausend Dinge aus, man plant das Detail - und dann erscheint es in so einem Moment nutzlos. Deutschland hat immer den Anspruch, zu gewinnen."

Zweimal war für Löw und sein junges Team Spanien die Endstation, im Finale der EM 2008 und im Halbfinale der WM 2010. Jetzt kam das Stoppschild wieder vor dem letzten Schritt. Löw bat um Geduld und Realitätssinn: "Man kann den Titel jetzt nicht immer herbeireden", sagte er, nachdem auch intern monatelang nur davon gesprochen worden war. "Spanien hat lange darauf gewartet", sagte er mit Blick auf die lange Durststrecke des Welt- und Europameisters, der am Sonntag im Finale gegen Italien seine Regentschaft verlängern kann.

"Bei den letzten vier Mannschaften ist die Luft ganz dünn", betonte Löw. Auch ihm, der den fast 6000 Meter hohen Kilimandscharo erklommen hat, fehlte in Polen und der Ukraine noch die letzte Titelreife. "Grundsätzlich haben wir eine gute Entwicklung, das dürfen wir nicht vergessen", warnte Löw vor Aktionismus: "Wir haben viele Nationen eingeholt in den vergangenen Jahren."

Der frühere Austria- und Tirol-Betreuer wird vorerst Ruhe suchen, sich vom Turnierstress erholen, die Enttäuschung verarbeiten und dann auch selbstkritisch das eigene Tun analysieren. Dann kommen in der WM-Qualifikation unter anderem gegen Österreich neue Ziele, auch wenn Löw noch nicht an die nächste Titelchance denken wollte: "Brasilien ist ein ganzes Stück weg."

(APA/dpa)

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