Balotelli: „Im Endspiel schieße ich dann vier Tore“

Der als „Bad Boy“ verschriene Mario Balotelli präsentierte sich gegen Deutschland als Teamplayer. Der 21-Jährige bewegt sich immer zwischen Genie und Wahnsinn.

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Reuters

Warschau. Mario Balotelli machte seinem Ruf als Paradiesvogel alle Ehre. Er riss sich das Trikot vom Leib, verharrte mit nacktem Oberkörper und stellte dabei seine Muskeln wie ein Bodybuilder zur Schau. Das Bild vom ungewöhnlichen Torjubel des Angreifers zierte am Tag nach dem 2:1 im EM-Halbfinale über Deutschland das Titelbild fast jeder italienischen Zeitung. Mit ähnlichem Überschwang kommentierte Trainer Cesare Prandelli die famose Vorstellung des Matchwinners: „Balotelli ist ein einzigartiger Spieler – und seine Karriere beginnt erst jetzt.“

Der lange Zeit kritisch beäugte „Bad Boy“ hat es geschafft, nicht nur aufgrund seiner Hahnenkamm-Frisur zu einem der schillerndsten Profis dieser EM zu werden. „Das war der schönste Abend meines Lebens“, jubelte Balotelli. Mit seinen beiden Treffern innerhalb von nur 16 Minuten entzauberte er die zuvor hochgelobte DFB-Elf fast im Alleingang.

 

„Auf meinen Körper neidisch“

„Super Balotelli. Ein Stern ist aufgegangen“, titelte die „Gazzetta dello Sport“, und der „Corriere dello Sport“ feierte den „Wahnsinns-Balotelli“. Die Gelbe Karte für seinen „Striptease“ nahm Italiens Held gelassen. „Wer darüber wütend ist, ist nur neidisch auf meinen Körper“, tönte er.

Die Auswechslung des von Muskelkrämpfen geplagten Profis in der 70. Minute wurde vom stürmischen Applaus der Tifosi begleitet. „Ich habe gesehen, dass er sehr schwer kämpfen musste und wollte mit Blick auf das Finale kein Risiko eingehen“, sagte Prandelli.

Gut möglich, dass der erst 21-jährige Stürmer vom englischen Meister Manchester City auch für Welt- und Europameister Spanien im Endspiel am Sonntag zum Schreckgespenst wird. Wie schon im Viertelfinale gegen England avancierte er neben dem famosen Taktgeber Andrea Pirlo auch gegen Deutschland zum besten Spieler seiner Mannschaft. „Ich habe heute ein bisschen gelitten“, gestand Balotelli mit Bezug auf seine Muskelkrämpfe, „aber das Wichtigste war der Sieg der Mannschaft.“

Sein zweifelhafter Ruf kommt nicht von ungefähr: Er zerlegte Sportwagen, warf Dartpfeile auf Jugendspieler, verpasste seinem Gegenspieler im Ligaspiel gegen Tottenham einen Stollenabdruck im Gesicht, prügelte sich mit einem Mitspieler um einen Freistoß und warf den Fans seines früheren Clubs Inter Mailand sein Trikot vor die Füße. Allen Warnungen zum Trotz hielt Prandelli an dem Exzentriker fest. Nach Eskapaden nahm er ihn mit väterlicher Nachsicht in Schutz, reagierte aber streng bei Fehlern auf dem Platz.

Die Geduld machte sich bezahlt. Mittlerweile preist der Fußball-Lehrer seinen Problemschüler als echten Teamplayer: „Er ist physisch sehr stark, kann sich für die Mannschaft aufopfern und ist immer anspielbar. Er hat geholfen, unsere Strategie umzusetzen.“

Anders als vor drei Jahren im Halbfinale der U21-EM konnte auch Manuel Neuer nichts gegen die Schussgewalt und Kopfballstärke des Matchwinners ausrichten. Damals ebnete der Schlussmann dem deutschen Nachwuchs mit zahlreichen Paraden gegen Balotelli den Weg ins Finale und zum Titel. Diesmal nimmt der Italiener den Turniersieg ins Visier und hat mit drei Treffern auch beste Aussichten auf den Titel des Torschützenkönigs.

Nachdem Balotelli seine Adoptivmutter auf der Tribüne umarmt hatte, erklärte er: „Diese zwei Tore waren für meine Mutter. Zum Finale wird auch mein Vater da sein – da mache ich vier!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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