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EM-Finale: Wer zwei Löwen mit bloßen Händen erwürgt

29.06.2012 | 18:44 |   (Die Presse)

Im EM-Finale stehen sich zwei Zeitalter des Fußballs gegenüber, Spaniens digitales „Tiki Taka“ gegen Italiens männlichen, effizienten Calcio.

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Mario Balotelli stand mit nacktem Oberkörper vor dem Tor der Deutschen, seine Haltung signalisierte: Ich habe jetzt zwei Löwen mit bloßen Händen erwürgt, schickt mir endlich einen ernst zu nehmenden Gegner in die Arena. Auf der deutschen Bank kaute Jogi Löw seit einer halben Stunde Fingernägel. Es muss wehgetan haben. Das Finale der EM 2012 am Sonntag bestreiten Spanien und Italien.

Wie es aussieht, hat Jogi Löw, der deutsche Teamchef mit dem ach so goldenen Händchen, das Spiel gegen die Italiener (1:2) verpfuscht.

 

Zu viele Entschleuniger

Fred wiegt nachdenklich sein Haupt. Mich erstaunt, sagt er, dass die Deutschen ihre grenzenlose Aggressivität verloren haben. Wenn ihnen das Wasser zum Hals gestanden ist, haben sie früher den Gegner niedergekämpft. Wenn freilich der Übergang zum Spinnenfußball noch nicht ganz vollzogen ist, Löw in seinen taktischen Plan einen Schnitzer eingebaut und er auf das bayerische Muster gesetzt hat, schleppt die deutsche Mannschaft zu viele Entschleuniger mit sich herum.

Ich kann nicht anders, als Fred zustimmen, denn jeder hat gesehen, wie müde Mesut Özil und die Bayern waren und wie verwundet Bastian Schweinsteiger.

Er hätte das sehen müssen, sagt Fred, und er hat es wahrscheinlich auch gesehen. Wahrscheinlich hat er es nicht wahrhaben wollen.

Fred muss mir mehr geben als die Müdigkeit. Mario Gomez und Lukas Podolski hatten im Viertelfinale gegen die Griechen (4:2) nicht von Beginn an mitgewirkt, diesmal stellte Joachim Löw sie wieder auf. Außerdem zog er dem offensiven rechten Mittelfeldspieler Thomas Müller den zentralen Akteur Toni Kroos vor. Der sollte die Kreise des italienischen Genies Andrea Pirlo einengen. Deutschlands Bundestrainer Löw kappte also die Eigeninitiative und reagierte auf den Gegner, statt ihm sein Spiel aufzuzwingen.

Ich behaupte, sagt Fred, dass das nicht der alleinige Grund für das Versagen ist. Vielleicht liegt es auch an ihm. Jogi Löw hat zwar die Deutschen in die Moderne geführt, aber er gewinnt keine Turniere. Einschließlich der WM 2006 im eigenen Land, als er hinter Jürgen Klinsmann Vize-Teamchef war, hat er es viermal probiert und ist jedes Mal gescheitert. Er steht knapp vor dem Gipfel und die Luft geht ihm aus. Vielleicht sollte er mit Reinhold Messner reden. Ich lasse ihn mit den Deutschen in Ruhe, das Finale ist zu besprechen. Das wird eine Auseinandersetzung der Verteidigungsstrategien, behaupte ich.

Es zieht sich eine Linie durch die Euro, sagt Fred, die Italiener haben im ersten Gruppenspiel gegen die Spanier (1:1) vorgezeigt, wie es gehen könnte: hoch verteidigen, das Netz der Spanier weit vor dem eigenen Strafraum zerreißen. Die Kroaten und Franzosen haben es nachgemacht und sind an den Spaniern zerbrochen. Die Portugiesen sind mit Schiff und Kapitän untergegangen. Sie haben zwar das Spiel offen gehalten, aber die Spanier haben Ronaldo abgeschirmt und so haben den Portugiesen Mittel und Wege gefehlt, um ein Tor zu erzielen. Die Italiener sind das erste Team, das alle Instrumente in der Hand hält, um das Werk zu vollenden. Sie haben ein Defensivkonzept, sie haben einen Denker (Pirlo) und drei effiziente Stürmer (Balotelli, di Natale, Cassano). Den Spanier hingegen fehlt immer noch Plan B.

 

Die praktische Vernunft

Ich erkläre die Italiener zum Favoriten, bevor Fred es aussprechen kann.

Er lächelt. Das Erbe von Rehakles mit dem EM-Titel 2004 der Griechen ist als Episode entlarvt. Die Postmoderne kündigt sich an, mit einer überraschenden Stilvielfalt. Das „Tiki Taka“ der Spanier ist kein Dogma mehr, bloß eine praktische Vernunft unter vielen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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14 Kommentare

"Italiens männlicher Calcio" - was für ein vorgestriges Pathos

Spanien spielt seit Jahren exzellenten und sehr modernen Fussball, offenbar tun sich viele schwer, das anzuerkennen. Die Spanier sind halt derzeit ersatzgeschwächt (Villa, Puyol) - und trotzdem unbesiegt, bisher nur ein Gegentor im Turnier.
Von mir aus können sie gerne am Sonntag Abend das Finale gewinnen - alleine wegen der plötzlich wieder wach gewordenen österreichischen Azzurri, die sich zu Beginn der Euro noch nicht trauten, das Italien-Leiberl auszupacken;-)
Außerdem gibts im spanischen Team keine Unsympathler mit "Rechtsdrall" - ein Thema, das österreichische Medien aufgrund fussball-italophiler Befangenheit offenbar lieber meiden...

Antworten Gast: Max Merkel
30.06.2012 11:19
0 0

Re: "Italiens männlicher Calcio" - was für ein vorgestriges Pathos

He, ich hab mein Leiberl der Squadra Azzurra schon vorm ersten Spiel gegen Spanien wieder rausgekramt!

Von wegen Gloryhunting und Deutschland-Bashing: ich mag die italienische Nationalmannschaft halt, die dauernd in der Vorrunde auszuscheiden droht und oft am Ende doch mit italienischen Momenten sehr weit kommt.

Schade, dass unsere Nationalmannschaft seit dem Wunderteam keine "österreichischen" Momente mit Charm, einer gewissen Hinterfotzigkeit und Witz mehr hat, sondern immer kläglich als Schland-Billigsdorfer-Raschkopie scheitert.

Vielleicht findet gerade ein Schweizer wieder so etwas wie eine eigene Spielidentität - die Marcel Koller ja tatsächlich sucht.

Sie Ausnahme;-)


max merkel ist keine ausnahme

ich war selbstverständlich bei den italien-partien mit dem blauen leiberl unterwegs.

ich seh das immer etwas langfristig, und da ist man als fan der squadra azzura eigentlich immer gut dabei. genau so halte ich es als milan - fan. natürlich kann man nicht immer gewinnen, aber deshalb braucht man in schlechteren phasen nicht gleich die flinte ins korn werfen, es geht meistens relativ schnell, bis sich die siege wieder einstellen

Also "Gloryhunter" mit langem Atem

und der Statistik seit 1934 im Kopf;-)


Antworten Gast: FairPlayStation
30.06.2012 05:18
2 0

Re: "Italiens männlicher Calcio" - was für ein vorgestriges Pathos

Richtig, die Spanier spielen recht guten Fussball. Ebenso wie die Italiener. Deutschland hingegen fault recht gerne (wie im Spiel gegen Italien zu sehen war) und kennt auch kein Fair-Play.

Daher ist es auch für die Fans europaweit gut, dass die deutsche Mannschaft endlich ausgeschieden wurde.

Die Spanier spielen "recht guten Fussball"

Gratuliere zum Understatement des Tages - eine ersatzgeschwächte Mannschaft, die immer noch überragend ist. Und das ohne Topstürmer (Villa verletzt, Torres noch nicht in Form) und ohne Abwehrchef Puyol.
Italien spielt wie Deutschland 2006 oder 2010;-)

komische argumentation

naja, dass ein spieler nicht in form ist, ist ja ein absurdes argument. beim fussball gehts ja gerade darum, ob ein spieler gut oder schlecht ist, und zwar zum entscheidenden zeitpunkt.

ein verletzter spieler kann bei dem riesigen potential einer spanischen auswahl auch keine ausrede sein

puyol geht sowieso nicht ab, da sind die derzeitigen spanischen verteidiger schon viel besser. der hat auch bei barca in den entscheidenden partien versagt, weil er mittlerweile zu langsam ist

Antworten Antworten Antworten Gast: rsaeuble@baggenstos.ch
30.06.2012 18:52
0 1

Re: Die Spanier spielen "recht guten Fussball"

Absolut unsachlierer Komentar.
Ialtien bekam 4 gelbe Karten, die Deutschen 1
Wohl ein Deutschland hasser.

Deutschland-Hasser? Wer - ich?

Macht Ihnen die Hitze zu schaffen?
Ich habe mich nirgends auf Deutschland bezogen, bitte genauer lesen. Danke und Aufwiederschauen.

Gast: brotlosekunst
30.06.2012 01:20
0 0

brotlos

Schön spielen ist das Eine - doch wird es brotlose Kunst bleiben?

„Tiki Taka“

Das spanische Alphabet kennt den Buchstaben k nur in Fremdwörtern.
Deshalb heißt es auch "tiqui taca"!

Antworten Gast: Georg Auer
30.06.2012 11:31
0 0

Re: „Tiki Taka“

Fremdwörter werden aber manchmal auch "eingedeutscht" (-;

"eingedeutscht"

Kann schon sein. Gemma auf a Pitsa!