Mario Balotelli stand mit nacktem Oberkörper vor dem Tor der Deutschen, seine Haltung signalisierte: Ich habe jetzt zwei Löwen mit bloßen Händen erwürgt, schickt mir endlich einen ernst zu nehmenden Gegner in die Arena. Auf der deutschen Bank kaute Jogi Löw seit einer halben Stunde Fingernägel. Es muss wehgetan haben. Das Finale der EM 2012 am Sonntag bestreiten Spanien und Italien.
Wie es aussieht, hat Jogi Löw, der deutsche Teamchef mit dem ach so goldenen Händchen, das Spiel gegen die Italiener (1:2) verpfuscht.
Zu viele Entschleuniger
Fred wiegt nachdenklich sein Haupt. Mich erstaunt, sagt er, dass die Deutschen ihre grenzenlose Aggressivität verloren haben. Wenn ihnen das Wasser zum Hals gestanden ist, haben sie früher den Gegner niedergekämpft. Wenn freilich der Übergang zum Spinnenfußball noch nicht ganz vollzogen ist, Löw in seinen taktischen Plan einen Schnitzer eingebaut und er auf das bayerische Muster gesetzt hat, schleppt die deutsche Mannschaft zu viele Entschleuniger mit sich herum.
Ich kann nicht anders, als Fred zustimmen, denn jeder hat gesehen, wie müde Mesut Özil und die Bayern waren und wie verwundet Bastian Schweinsteiger.
Er hätte das sehen müssen, sagt Fred, und er hat es wahrscheinlich auch gesehen. Wahrscheinlich hat er es nicht wahrhaben wollen.
Fred muss mir mehr geben als die Müdigkeit. Mario Gomez und Lukas Podolski hatten im Viertelfinale gegen die Griechen (4:2) nicht von Beginn an mitgewirkt, diesmal stellte Joachim Löw sie wieder auf. Außerdem zog er dem offensiven rechten Mittelfeldspieler Thomas Müller den zentralen Akteur Toni Kroos vor. Der sollte die Kreise des italienischen Genies Andrea Pirlo einengen. Deutschlands Bundestrainer Löw kappte also die Eigeninitiative und reagierte auf den Gegner, statt ihm sein Spiel aufzuzwingen.
Ich behaupte, sagt Fred, dass das nicht der alleinige Grund für das Versagen ist. Vielleicht liegt es auch an ihm. Jogi Löw hat zwar die Deutschen in die Moderne geführt, aber er gewinnt keine Turniere. Einschließlich der WM 2006 im eigenen Land, als er hinter Jürgen Klinsmann Vize-Teamchef war, hat er es viermal probiert und ist jedes Mal gescheitert. Er steht knapp vor dem Gipfel und die Luft geht ihm aus. Vielleicht sollte er mit Reinhold Messner reden. Ich lasse ihn mit den Deutschen in Ruhe, das Finale ist zu besprechen. Das wird eine Auseinandersetzung der Verteidigungsstrategien, behaupte ich.
Es zieht sich eine Linie durch die Euro, sagt Fred, die Italiener haben im ersten Gruppenspiel gegen die Spanier (1:1) vorgezeigt, wie es gehen könnte: hoch verteidigen, das Netz der Spanier weit vor dem eigenen Strafraum zerreißen. Die Kroaten und Franzosen haben es nachgemacht und sind an den Spaniern zerbrochen. Die Portugiesen sind mit Schiff und Kapitän untergegangen. Sie haben zwar das Spiel offen gehalten, aber die Spanier haben Ronaldo abgeschirmt und so haben den Portugiesen Mittel und Wege gefehlt, um ein Tor zu erzielen. Die Italiener sind das erste Team, das alle Instrumente in der Hand hält, um das Werk zu vollenden. Sie haben ein Defensivkonzept, sie haben einen Denker (Pirlo) und drei effiziente Stürmer (Balotelli, di Natale, Cassano). Den Spanier hingegen fehlt immer noch Plan B.
Die praktische Vernunft
Ich erkläre die Italiener zum Favoriten, bevor Fred es aussprechen kann.
Er lächelt. Das Erbe von Rehakles mit dem EM-Titel 2004 der Griechen ist als Episode entlarvt. Die Postmoderne kündigt sich an, mit einer überraschenden Stilvielfalt. Das „Tiki Taka“ der Spanier ist kein Dogma mehr, bloß eine praktische Vernunft unter vielen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)
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