Spaniens Erfolgsweg durch Weltfußball geht immer weiter. Nach der EM 2008 in Österreich und der Schweiz und der WM 2010 in Südafrika setzte "La Roja" ihren Erfolgslauf auch bei der EM in Polen und der Ukraine fort. Im Finale packten die Iberer ihre beste Turnierleistung aus und kamen so zu einem völlig verdienten 4:0-Erfolg in Kiew gegen Italien. "Das ist eine außergewöhnliche Nacht. Wir haben etwas Historisches geschafft", sagte Spaniens Erfolgscoach Vicente del Bosque nach dem dritten großen Titelgewinn in Folge.
Del Bosque bringt Kritiker zum Schweigen
Der 61-Jährige hat jene, die ihn wegen des oftmaligen Verzichts eines gelernten Stürmer in der Startformation im Turnierverlauf kritisiert hatten, eines Besseren belehrt. Del Bosque betonte allerdings, den Fußball jetzt durch diese Taktik nicht revolutioniert zu haben. "Es gibt nicht nur eine Art Fußball zu spielen", erinnerte der Teamchef.
Das Wichtigste sei jedenfalls immer, Tore zu erzielen. Und dass ist den Spaniern auch mit Ausnahme des torlosen Halbfinales gegen Portugal auch in jeder Turnierpartie gelungen. "Wir haben gute Stürmer, uns aber entschieden auf Fabregas zu setzen, der besser zu unserer Spielweise passt", erklärte Del Bosque.
Der zumeist an vorderster Front aufgebotene Mittelfeldspieler bedankte sich für das Vertrauen mit zwei Treffern und auch dem mustergültigen Assist zum 1:0 von David Silva im Endspiel. "Es ist eine außergewöhnliche Generation. Die Spieler wissen genau, wie sie zusammenspielen müssen, sind sehr intelligent und haben das nötige Selbstvertrauen und die nötige Sicherheit", lobte Del Bosque seine Truppe. "Wir haben ein großes Turnier gespielt."
So deutlich wie das Ergebnis war der Klasse-Unterschied der beiden Teams aber nicht. Die Dominanz der Spanier in der Schlussphase kam vor allem durch die numerische Unterlegenheit der Italiener in der letzten halben Stunde - der kurz vorher eingewechselte Motta schied verletzungsbedingt aus, das Austauschkontingent der Italiener war aber bereits erschöpft - zustande. "Sie waren ein starker Gegner, hatten aber kein Glück. Aufgrund des Ausfalls von Motta war es leicht für uns, das Finale zu gewinnen", resümierte Del Bosque.
100. Sieg für Casillas
Dank der Tore von David Silva (14.), Jordi Alba (41.), Fernando Torres (84.) und Juan Mata (88.) feierte Spaniens Elf als erstes Team nach Argentinien (drei Siege bei der damals noch jährlich ausgetragenen Copa America von 1945 bis 1947) zum dritten Mal in Serie einen großen Titel. Acht Minuten vor Mitternacht Ortszeit streckte Kapitän Iker Casillas nach dem bisher höchsten Sieg in einem EM- oder WM-Finale den Siegespokal in die Höhe. Der Stargoalie hatte mehrere Gründe zu feiern, überstand er doch auch das zehnte K.o.-Spiel in Serie ohne Gegentor und durfte sich über seinen 100. Länderspielsieg freuen.
Der Titel wurde auch mit einem Feuerwerk und Konfettiregen gefeiert. Casillas, EM-Torschützenkönig Fernando Torres, die überragenden Mittelfeldstrategen Xavi und der zum besten Spieler des Turniers gewählte Andres Iniesta und Co. ließen sich von ihren Fans bejubeln. Die Kinder der Starkicker durften am Rasen mitfeiern und schließlich genauso wie die Eltern und Ehefrauen in den Innenraum des Olympiastadions. Die Fotografen kamen im spanischen Feierrausch kaum hinterher mit Aufnahmen für das Familienalbum.
Und der Erfolgshunger des nun Rekord-Europameisters (gemeinsam mit Deutschland) ist noch immer nicht gestillt. Auch bei der WM 2014 werden die Iberer aller Voraussicht nach als großer Favorit ins Rennen gehen. Im Herbst werden sie wohl mit einer kaum veränderten Mannschaft in die Qualifikation für die WM in Brasilien starten, in der Frankreich, Weißrussland, Georgien und Finnland die Gegner sind. 2013 kommt es zwischendurch zum prestigeträchtigen Antreten beim Confed-Cup.
Nach der EM ist vor der WM
"Auf uns warten schon die nächsten Herausforderungen, wir wollen uns für die WM qualifizieren und Europa beim Confed Cup gut vertreten", blickte Spaniens Teamchef, der 2008 nach dem EM-Titel die Nachfolge von Luis Aragones angetreten hatte, bereits in die Zukunft. Mit einem weiteren Titel könnte sich Del Bosque "unsterblich" machen, schon jetzt ist er einer von nur zwei Trainern, die eine EM und WM gewonnen haben - neben dem Deutschen Helmut Schön (1972 und 1974).
Italien zollt Tribut
Italiens unerwarteter Aufstieg vom Außenseiter zum Europameister fand indes ein jähes Ende. Vom Titelverteidiger entzaubert, musste die Squadra nach der 0:4-Packung den jubelnden Spaniern Tribut zollen. Nicht nur Trainer Cesare Prandelli zog nach der Partie den Hut vor der iberischen Übermacht - Vorwürfe an die Verlierer gab es auch vonseiten der italienischen Presse nicht.
"Sie haben Geschichte geschrieben und das zurecht. Selbst ohne einen echten Stürmer haben sie uns große Probleme bereitet. Sie haben diesen Abend komplett für sich gestaltet. Uns bleibt nur, einer großen Mannschaft zu gratulieren", sagte Prandelli nach dem spanischen Triumph. "Wenn Spanien so spielt, wie sie heute gespielt haben, dann kann man sie nicht schlagen", sagte Mittelfeldspieler Riccardo Montolivo. Und Kapitän und Torhüter Gianluigi Buffon deutete das Ergebnis als "logischen Konsequenz" der Chronologie dieses Finales.
Italien haderte nach der Partie nicht nur mit dem einen Tag weniger Regeneration, sondern auch mit den Verletzungen von Giorgio Chiellini und Thiago Motta. Letzterer musste bereit wenige Minuten nach seiner Einwechslung wieder vom Platz. Da Italien bereits dreimal getauscht hatte, waren die Azzurri zu zehnt gegen die kombinationsstarken Spanier endgültig auf verlorenem Posten.
Ausgerechnet jenes Team, das zuvor alle überrascht hatte mit seinem forschen und selbstsicheren Spiel, kassierte am Ende die höchste Niederlage, die es je in einem EM-Finale gab. "Italien, das Ende eines Traums", schrieb der "Corriere dello Sport". Unsanfter als die Azzurri kann man aus einem Traum nicht aufwachen. So flossen nach Schlusspfiff Tränen.
Pirlos Tränen bei der Pokalübergabe
Selbst Routinier Andrea Pirlo bemühte sich um Fassung. Als Italiens Spielmacher aber mitansehen musste, wie Uefa-Präsident Michel Platini den Spaniern den Pokal überreichte, fing selbst jener Mann an zu weinen, der sonst noch nicht einmal nach wichtigen Siegen wie im Halbfinale gegen Deutschland seine Emotionen zeigt. Der 33-Jährige war auch im Finale ein Spiegelbild des italienischen Teams.
Zwar hatte der große Stratege die Überraschungsmannschaft mit seinen Ideen und präzisen Pässen überhaupt erst hineingeführt in dieses Spiel. Dort schleppte sich Pirlo dann aber wie alle anderen Italiener über den Platz. "Einige von uns konnten gar nicht richtig laufen", meinte Chiellini. "Wir waren einfach nicht fit und nicht frisch", haderte auch Trainer Prandelli. "Wenn es etwas zu bedauern gibt, dann die Tatsache, dass wir nicht genug Zeit hatten, um uns auf dieses Endspiel vorzubereiten."
Einen bitteren Abend erlebte auch Italiens Mario Balotelli. Von Gerard Pique und Sergio Ramos hart in die Mangel genommen, rieb sich der exzentrische Stürmer in der Defensive der Spanier auf. Nach Schlusspfiff flüchtete er aufgebracht in die Kabine, dann saß er bei Spaniens Siegerehrung doch mit finsterer Miene auf dem Rasen. Wie ein Vater tröstete Cesare Prandelli seinen erst 21-jährigen EM-Star, der für seine im Stadion anwesenden Eltern vier Tore versprochen hatte.
Davon war Italien jedoch weit entfernt. Es hätte alles stimmen müssen für den vierfachen Weltmeister, um die schöne Geschichte, die sie in der Ukraine und in Polen geschrieben haben, zu einem Happy-End zu bringen. Trotzdem haben die so brutal zu Ende gegangenen Wochen in Polen und der Ukraine dem italienischen Fußball wahrscheinlich mehr Sympathien eingebracht als jeder einzelne seiner WM-Titel.
Ein Team, das immer für seine Zerstörungskunst berüchtigt war, spielte auf einmal mutig. Und eine Mannschaft, die noch unmittelbar vor der EM in einen Manipulationsskandal verstrickt war, zeigte Fairplay. "Wir fahren erhobenen Hauptes heim. Ihr seid trotzdem Champions", titelte deshalb "Tuttosport". Staatspräsident Giorgio Napolitano hatte die Mannschaft für Montag ohnedies völlig unabhängig vom Ausgang des Endspiels in den Quirinalpalast in Rom eingeladen.
(APA/Reuters)
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