Wie stark wurden nicht die Italiener eingeschätzt, nachdem sie die Deutschen im Halbfinale aus dem Turnier geschossen hatten. Dann trafen sie im Finale auf eine spanische Mannschaft, und am Ende hatte Andrea Pirlo, das Genie der Squadra Azzurra, einen Blick in den Augen, als wäre er einem Geist begegnet. Im Fußball ist das Ergebnis die Wahrheit, sagt man, aber das 4:0 erzählt noch lange nicht alles über die Kräfte, die da am Werk waren?
Fred, der unpräzis formulierte Fragen antizipiert wie ein Spanier den Ball, schließt die Augen. Die Frage, murmelt er, muss lauten: Wozu sollen sich die Spanier um einen Plan B sorgen, wenn sie mit ihrem Plan A unbesiegbar sind?
Zugegeben, wende ich ein, aber haben wir nicht eine Euro lang räsoniert und eine alternative Methode Spaniens eingefordert?
Fred nickt. Diese Mannschaft hat keinen prägenden Spieler, weil sie nämlich keinen braucht. Anderslautende Beschreibungen sind bloß mediale Erzählfiguren. Spaniens Mannschaft verwirklicht die egalitäre Theorie der Arbeit, dass ein Kollektiv, also das Zusammenwirken verschiedener Kräfte, sich gleichsam zu einem Individuum verdichtet.
Ich kenne meinen Freund, er weicht nicht gern auf das unsichere Terrain der medialen Stilkritik aus. Daher drängt sich ein Rückpass in die Tiefe des taktischen Raumes auf. Die personalisierte Rollenbeschreibung mit Bezeichnungen wie „Stürmer“ oder „Verteidiger“ ist demnach in der spanischen Mannschaft aufgehoben?
Gute Frage. Würde ein Einziger abfallen, sagt Fred, er würde wie ein Nackter unter Bekleideten herausstechen. Das sind elf in feinsten Zwirn gekleidete Künstler, die keinen Plan B benötigen. Eine demokratische, ausgewogene, unprätentiöse Mannschaft, Trainer Vincente del Bosque ist ein Denkmal der Bescheidenheit. Er arbeitet nicht wie der italienische Coach Cesare Prandelli an der Linie. Weil es nämlich nicht notwendig ist, er weiß, dass seine Mannschaft stärker ist.
Aber was, lieber Fred, kann den Spaniern gefährlich werden?
Die eigenen Kritiker, sagt Fred, und es klingt fast nach einem Seitenhieb in meine Richtung. Sie fordern Dinge wie Plan B ein, die das Team nicht spielen will, weil es sie nicht zu spielen braucht. Es ist zu gut. Wenn du ein All-Star-Team der Euro aufstelltest: Welchen Spanier würdest du weglassen?
Mir fällt keiner ein, räume ich ein. Ich vermute, diese Mannschaft hat bloß einen einzigen Gegner: die biologische Uhr. Aber dank der exzellenten Nachwuchsarbeit könnte 2014 der vierte Titel in Serie herauskommen.
Und das noch dazu im Haus des fünffachen Weltmeisters Brasilien, setzt Fred fort. Dann wäre die große Fußballerzählung zu Ende geschrieben und der Rest eine bloße Fußnote.
Ich merke, dass Freds Analysegeist nach drei anstrengenden Wochen langsam in den Ruhemodus schaltet. Also noch eine letzte Frage: Wie beschreibst du das spanische Spiel?
Als Gegenentwurf zur theoretischen Physik, sagt Fred, die es nicht schafft, die wirkliche Welt und deren vier Grundkräfte, starke und schwache Kernkraft, elektromagnetische Kraft und Gravitationskraft, in eine einheitliche Erklärung zu fassen. Im Unterschied zu ihr hat Spaniens Mannschaft das Zusammenwirken der vier Grundkräfte des Fußballs – Kondition, Technik, Taktik, Kreativität – enträtselt.
Er hält inne und schlägt das Buch der Euro zu. Sie unterwerfen die Kräfte der Welt ihrem Willen. Freilich ohne einen Verrat am Innersten unseres Kosmos zu begehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2012)
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