Fußball: Die kickenden Lesben von Kiew

02.06.2012 | 17:35 |  von cigdem akyol (Die Presse)

In der Ukraine, neben Polen Austragungsland der Fußball-EM, werden Homosexuelle verachtet. In Kiew gibt es indes ein einschlägiges Frauenfußballteam – das sich freilich nicht zu outen wagt.

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An einem Abend vor zehn Jahren sorgte der Drall einer Flasche dafür, dass die Ukrainerin Alla Oliynik erstmals für einen Moment so leben durfte, wie sie wollte. In einer Kneipe spielte sie mit anderen Studentinnen Flaschendrehen, und da der Hals der Flasche auf sie zeigte, musste sie eine Aufgabe erfüllen.

„Ich will, dass du sie küsst“, sagte die Bekannte, die an der Reihe war, und wies auf eine Mitspielerin im Kreis. Diese war genau die junge Frau, in die Alla Oliynik verliebt war, die sie aber nie anzusprechen gewagt hätte in einem Land, in dem die Mehrheit Schwule und Lesben verachtet. Ein kurzes Zusammenzucken, heftige Freude, aber auch Angst überkamen sie. Eine Frau küssen? Hier? Sie nahm den Kopf der anderen in ihre Hände, die wehrte sich nicht, dann küssten sie sich. „Es war ein ganz kurzer Augenblick für die anderen ein Spiel. Für mich war es der Moment der Offenbarung. Endlich verstand ich, wer ich war und was ich wollte.“

Ganz unten in der Gesellschaft. Alla Oliynik, 29, grüne Augen, schulterlange braune Haare, spricht offen über ihre Liebe zu Frauen. Das ist außergewöhnlich, denn in ihrer Heimat, der Ukraine, wo nächstes Wochenende gemeinsam mit Polen die Fußball-EM beginnt, stehen Schwule und Lesben ganz unten in der Gesellschaft. „Es ist für viele hier kein Unterschied, ob man ein Mörder, Vergewaltiger oder Homosexueller ist“, sagt sie.

In Kiew gibt es nur eine Hand voll Schwulenkneipen, für Lesben aber keinen einzigen offiziellen Treffpunkt. Events für Lesben werden heimlich und kurzfristig organisiert. Weil Oliynik das nicht reichte, gründete sie mit Freundinnen einen Fußballverein für Frauen. Ihr Gebot seitdem: Keiner soll wissen, dass sie fast alle lesbisch sind. „Denn dann würde man uns bespucken, wir könnten keine Hallen oder Trainingsplätze mehr bekommen.“ Die 40 Mitglieder präsentieren sich also als Verein, der nur Frauen aufnimmt und keine sonstige Absichten hat. Sie wollen niemanden brüskieren, nur einfach sie selbst sein und Fußball spielen.

Offen lebende Homosexuelle sind in der Ukraine rar. Kein Wunder, sie werden stigmatisiert und diskriminiert: Ein US-Meinungsforschungsinstitut ermittelte 2007, dass nur 19 Prozent der Ukrainer gleichgeschlechtliche Liebe für akzeptabel hielten, 69 Prozent diese aber ablehnten. Dabei zieht sich der Hass auf Homosexuelle durch alle Schichten, Altersklassen und Kreise.

Anders als Oliynik will Anna Dovgobol Aufsehen erregen. Sie sitzt auf der Bühne, als in Kiew am 19.Mai der „Christopher Street Day“, eine Party-Demo für die Rechte Homosexueller und Transgender, eröffnet wird. Sie ist 33, hat kurze rote Haare, ist Mitarbeiterin bei „Amnesty International“ und hat in Kirgisien die erste Organisation für die Rechte Homosexueller gegründet. Sie mag nichts richtig Schlechtes, aber auch nichts Gutes über den Fußballklub von Oliynik sagen – aber sie sieht verärgert aus, als sie sagt: „Mit solch einer Einstellung wird sich in unserem Land nie etwas ändern.“

Sie findet es richtig, sich nicht zu verstecken. Daher hatte sie den Christopher Street Day in Kiew mitorganisiert – zu dem die Fußballerin Oliynik indes nicht ging. Nicht zur Eröffnungszeremonie, nicht zum Straßenfest. „Ich will nicht von Homophoben verprügelt werden, und die Polizei schaut dabei zu“, sagte sie zuvor.

Tatsächlich kam es zu Auseinandersetzungen. Noch während der Eröffnung in einem Hotel am Stadtrand zerstörte ein Mob die Ausstellung einer lesbischen Fotografin. Der Umzug musste aus Sorge um die Sicherheit der 200 Teilnehmer abgesagt werden. Die Polizei habe sich geweigert, die genehmigte Demo zu sichern, sagten die Veranstalter, niemand wollte sie vor den 1500 Gegendemonstranten schützen.


Kirche als Hass-Schürer. Woher kommt diese massive Homophobie? Zum einen wohl noch aus der Sowjetzeit, als Homosexualität unter Strafe stand. Heute wiederum schürt besonders die ukrainisch-orthodoxe Kirche Hass gegen Homosexuelle. Als etwa 2007 der schwule Sänger Elton John in Kiew auftrat, riefen Strenggläubige zum Boykott des Konzerts auf. „Die Schwulen sind schuld an der Ausbreitung des Aids-Virus“, sagte damals Svyatoslav Domalevsky von der „Union of Orthodox Citizens of Ukraine“.

Nach Allas erstem Kuss vor zehn Jahren war alles anders. „Ich ging nach Hause und stand starr vor Glück an der Wand gelehnt“, sagt sie. „Endlich wusste ich über mich Bescheid, wusste, warum ich es nie lange mit einem Burschen aushielt.“ Die Freude wich rasch der Angst. Wie sollte sie es ihren Eltern sagen? Gibt es andere Frauen, die fühlen wie sie? Mutter und Schwester reagierten nicht erfreut, akzeptierten ihre Leidenschaft aber stillschweigend. Ihrem Vater hat sie bis heute nichts gesagt. Natürlich wundert es ihn, dass seine Tochter noch nicht verheiratet ist, aber sie antwortet auf Fragen einfach, sie wolle Karriere machen. Ihre Freundin, mit der sie seit sieben Jahren zusammen ist, muss ihre Orientierung vor ihrer Familie verheimlichen.

Heimlichkeit ist alles. Für die Frauen in ihrem Verein ist Fußball ein kurzer Moment in einer Welt, in der sie sich nicht rechtfertigen müssen und es selbstverständlich ist, eine Frau zu begehren. Einmal im Jahr, meist im Sommer, organisieren sie ein Turnier für Gay-Clubs aus Osteuropa. Es wird heimlich veranstaltet, Daten und Treffpunkte werden nur online untereinander verteilt.

Wäre die EM, das große öffentliche Turnier, für die homosexuellen Sportler nicht eine Chance, die Welt auf ihre Lage aufmerksam zu machen? „Ja, das wäre es“, sagt Alla. „Aber was ist nachher? Was ist, wenn wir nicht mehr wahrgenommen werden?“, fragt sie und schiebt die Antwort hinterher: „Die meisten von uns würden ihre Jobs verlieren und wären geächtet.“

Alla Oliynik (29) ist die Gründerin des
Lesben-Fußballklubs von Kiew. Die rund 40 Mitglieder wagen aber nicht, sich offen zu ihrer Neigung zu bekennen: Der Hass auf sexuelle „Abweichler“ ist in der Ukraine nämlich enorm, die Fußballerinnen fürchten Platzverbote und tätliche Übergriffe.
Akyol

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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5 Kommentare

Unser tägliches Ukraine bashing gib´ uns heute....


Re: Unser tägliches Ukraine bashing gib´ uns heute....

Dieser Artikel sollte wie Filme, Theaterstücke, Zeitungen und Zeitgeistmagazine, Bücher etc. den Boden aufbereiten helfen, abnormes Sexualverhalten als normal und damit als gesellschaftsfähig anzusehen.
Übrigens, auch angeblich konservative Medien promoten sehr freudig und oft die gleichgeschlechtliche Sexualität, wie man an der "Presse" sieht, die mein Posting genau aus diesem Grund nicht erscheinen wird lassen. Wie so viele davor.
Ich lasse mir aber trotzdem nicht den Begriff "normal" von Gesellschaftsgruppierungen, die von allen guten und "normalen" Geistern verlassen sind, abgewöhnen.

Antworten Antworten Gast: toro
04.06.2012 16:19
1

Re: Re: Unser tägliches Ukraine bashing gib´ uns heute....

Sie müssen ja nicht.
Tröstlich: ihre bizarre Meinung stirbt weitgehend mit ihrer Generation...also bald...

Gast: pausenclown
02.06.2012 18:50
3

1:1 abgeschrieben von taz?

wer von wem? oder dpa vorverdautes? Das ist schon peinlich in Zeiten wie diesen.....

http://www.taz.de/Lesbische-Fussballerinnen-in-der-Ukraine/!94042/" target="_blank">http://www.taz.de/Lesbische-Fussballerinnen-in-der-Ukraine/!94042/

Also, Lesbenfussball hätt in Österreich wahrscheinlich mehr Zuseher als der Frauenfussball,

die Idee hat schon was!

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