Andrzej Szarmach: "Wünsche mir viele Rooneys"

09.06.2012 | 18:00 |  von Wolfgang Wiederstein (Warschau) (Die Presse)

Die polnische Fußball-Legende Andrzej Szarmach kritisiert im Interview mit der "Presse am Sonntag" den Trend zur Defensive und fordert mehr Spektakel auf dem Rasen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

In Polen ist das Euro-Fieber ausgebrochen, die Fußball-Begeisterung scheint trotz 1:1 zum Auftakt grenzenlos zu sein. Was trauen Sie dieser Mannschaft zu?

Andrzej Szarmach: Dieses Turnier ist das absolute Highlight für uns. Wir haben so viel Zeit und Geld in diese EM investiert, wir erleben die erste wirklich große Veranstaltung. Ich hoffe, dass alles bis zum Finale gut verläuft, dass die Fans und Sportler mit uns zufrieden sind. Unserer Mannschaft traue ich grundsätzlich alles zu – am liebsten wäre mir, sie schafft den Einzug ins Finale. Und spielt dann in Kiew gegen die Ukraine. Aber die Euro wird meine Wünsche nicht erfüllen ...

 

Der Druck wächst, die Erwartungen der polnischen Fans sind extrem hoch. Kann die Mannschaft das aushalten?

Ich hoffe schon. Unser Ziel ist es, schönen, attraktiven Fußball zu zeigen. Wir wollen die ganze Fußballwelt überraschen. Die jüngere Generation spricht von einem Hype. Das hat natürlich auch mit den Dortmund-Legionären Lewandowski, Piszczek, Kuba zu tun. Von den 80 Toren, die Dortmund erzielt hat, war bei 53 mindestens ein polnischer Spieler direkt beteiligt. Manche haben sogar von Polonia Dortmund gesprochen, habe ich gelesen. Aber wir haben schon noch mehr ausgezeichnete Spieler. Und die wollen History schreiben.

 

Polen hat als WM-Dritter 1974 und 1982 schon Fußball-Geschichte geschrieben. Ist die heutige Mannschaft mit jener der 70er-Jahre zu vergleichen?

Ich hätte auch gerne eine EM im eigenen Land bestritten. Aber wir waren damals noch nicht so weit. Das war eine komplett andere Zeit. Leider durften wir nicht so früh ins Ausland wie die Jungs heute. Wer weiß, was aus uns geworden wäre. Ich durfte erst mit 30 nach Frankreich zu Auxerre. Im Ausland wären wir vielleicht noch schneller besser geworden. Von den Verdienstmöglichkeiten heute will ich gar nicht reden. Aber ich bin niemandem etwas neidig.

Die Fans wollen viele Tore sehen, aber viele Teams praktizieren eher Rückzugsgefechte. Ist Europas Fußball auf dem Holzweg?

Fußball muss ein Spektakel sein. Und ich rede davon, was sich auf dem Rasen abspielt, nicht vom Rahmenprogramm, das auch dazu gehört. Die Tendenz geht leider dahin, dass man zuerst einmal alles versucht, um Gegentore zu verhindern. Alle wollen immer nur abblocken. Auch im Finale der Champions League war das so. Das ist legitim, aber keiner will es sehen. Die Taktik ist das Geheimnis jedes Trainers, wenn er die Spieler dazu hat, dann alles Gute. Aber wie gesagt: Fußball muss spektakulär sein.

 

Glauben Sie, dass bei dieser Euro ein neuer Star geboren wird?

Ich hoffe es. Erinnern wir uns an 2004, als Wayne Rooney bei der Euro in Portugal aus allen Rohren geschossen hat. Ich wünsche mir, dass es viele Rooneys gibt. Vielleicht ist ja auch ein junger Pole darunter. Ich denke da eventuell an Rafal Wolski von Legia Warschau. Oder es wird ein Youngster sein, dessen Namen die Fans noch gar nicht kennen.

 

Sie waren einer der Entdeckungen 1974. Konnten Sie die Erfolge überhaupt versilbern? Oder hat Vater Staat die Hand drüber und aufgehalten?

Wir hatten als Nationalspieler ein gutes Leben. Sie haben mich „Teufel“ genannt, weil ich so viele Tore geschossen habe. Ich war Schützenkönig in Polen, in Frankreich war ich dreimal hintereinander zweitbester Torjäger. Heute würde ich auf jeden Fall ein bisserl mehr verdienen (lacht).

Erinnern Sie sich an Ihr schönstes Tor? Oder schönstes Spiel?

Die drei WM-Endrunden (Deutschland 1974, Argentinien 1978, Spanien 1982; Anm.), die waren schon sehr schön. Besonders lebhaft in Erinnerung ist mir das Olympia-Finale 1976 in Montreal. Leider haben wir damals gegen die DDR verloren. Da hat es auch nichts geholfen, dass ich der erfolgreichste Schütze des olympischen Turniers war. Aber ich schwelge nicht in Nostalgie. Blicken wir in die Zukunft, freuen wir uns auf wunderbare Euro-2012-Spiele.

 

Wer ist für Sie der ganz große Favorit auf den Titel?

Muss ich das sagen? Es gibt keinen ganz großen Favoriten. Das ist das Spannende an einer EM. Es gibt nur einen Favoritenkreis. Und der ist sehr groß. Da gehören auf jeden Fall Deutschland – mit Kloses Vater habe ich gemeinsam in Frankreich gespielt –, Spanien und Niederlande oder Italien dazu. Aber für mich gehören auch die Franzosen dazu.

 

Das sagen Sie jetzt nur, weil Sie in Frankreich, genauer gesagt in der Nähe von Bordeaux, leben, oder?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Frankreich hat bei der WM in Südafrika für einige Eklats gesorgt. Die Mannschaft hat einiges gutzumachen. Sie ist zum Erfolg verdammt. Wenn Frankreich wieder so schlecht abschneidet, dann ist der Teufel los. Die müssen einfach gewinnen!

 

Warum arbeiten Sie nicht mehr als Trainer?

Das ist ein schwieriger Job. Eine ganz andere Sache, die Mentalität der Spieler hat sich geändert. Und so viele Manager hat es früher auch nicht gegeben. Jetzt bin ich eben gemeinsam mit Boniek Euro-Botschafter. Wobei ich zugebe, dass es natürlich der Traum von jedem Trainer ist, dass er einmal Teamchef wird. Aber im Moment würde ich nicht mit Franciszek Smuda tauschen wollen. Der Druck und der Stress, das ist schon alles eine wahnsinnige Belastung. Für alle. Auch für Lato, den Präsidenten. Aber wir Polen werden das schon schaffen. Feiern wir ein Fest – ich lade alle dazu ein.

1950
Andrzej Szarmach wurde am 3.Oktober 1950 in Danzig geboren. Als Spieler erwarb er sich den Spitznamen „Teufel“.

3 WM-Endrunden
Szarmach spielte bei Arka Gdynia, Gornik Zabrze, Stal Mielec, dann in Frankreich bei Auxerre, Guingamp und Clerment Foot.

Er nahm an drei Weltmeisterschaften teil, bestritt das Olympia-Finale 1976 in Montreal gegen die DDR.

Er erzielte in der polnischen Liga insgesamt 109 Tore, in der französischen in 148 Erstligaspielen 94 Treffer.

61 Länderspiele für Polen, 32 Treffer. WM-Dritter 1974 und 1982.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare
Gast: Zuschauer
10.06.2012 10:01
0

"den Trend zur Defensive"

Ist nicht zu übersehen - siehe die Gewinner der CL der letzten Jahre.
Mit Ausn. von Barca haben die Gewinner immer betoniert.

Es sollten neben den Toren auch andere Faktoren für den Sieg in einem Spiel herangezogen werden (Ballbesitz, Torschüsse,...).

Somit gibt's keine Unentschieden mehr und die Betonkickerei hört auf.

AnmeldenAnmelden