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Oleg blochin: "Tanze ich auf dem Tisch?"

16.06.2012 | 17:55 |  von Wolfgang Wiederstein (Die Presse)

Die Ukraine kam gegen Frankreich vom Regen in die Traufe. Teamchef Oleg Blochin zog über seine Mannschaft und über die eigenen Fans her.

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Die Ukrainer kamen diesmal so richtig vom Regen in die Traufe. Dem Erfolg zum Auftakt gegen die Schweden folgte eine Niederlage gegen die Franzosen, das Viertelfinale ist damit wieder ein wenig in die Ferne gerückt. Am Ende des Spiels waren im Stadion von Donezk sogar ein paar Pfiffe von den Rängen zu vernehmen. Verzweifelt schlug Oleg Blochin, der Teamchef, die Hände vor dem Gesicht zusammen. So, als ob er gar nicht länger hätte zusehen wollen. Dann erhob er sich, verschwand in den Katakomben. Getrocknet erschien er zur Pressekonferenz, er nahm Platz, setzte die bekannt mürrische Miene auf. Wenn Blicke töten könnten, dann wären so manche Journalisten, die kritische Fragen stellten, tot.

„Einige Spieler haben nicht das gemacht, was sie machen hätten sollen“, schimpfte er. „Wozu machen wir etwas aus, wenn sich keiner daran hält?“ Selten zuvor hat bei dieser EM ein Teamchef so über die eigene Mannschaft gesprochen, sie dermaßen in der Öffentlichkeit zerrissen. „Wenn einige von uns geglaubt haben, wir seien schon im Viertelfinale, dann war das ein großer Fehler.“ Zwischenfragen gestalteten sich schwierig, Blochin war in seinem Stolz und in seiner Ehre verletzt. „Was wollen Sie? Natürlich bin ich nicht glücklich. Oder sehen Sie mich hier auf einem der Tische tanzen?“

Die eigene Mannschaft, die schlich zum Mannschaftsbus, ihr Fett bekamen aber auch noch die ukrainischen Fußballfans ab. „Wenn wir gewinnen, dann schreien alle. Hurra, hurra. Aber wehe, wir verlieren. Dann kommt gleich so etwas, dann pfeifen sie uns aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Von mir aus sollen sie mich auspfeifen – aber nicht die Spieler.“

Da war er also wieder, der alte Blochin, so wie man ihn eben kennt. Er ist geprägt von der Lobanowski-Ära, vom eisernen Regiment, das bei Dynamo Kiew herrschte. Mit Kritik kann er nicht umgehen, damit hat er auch keine Erfahrung. Und Pfiffe von den Rängen, die hat es in den 1970er- oder 1980er-Jahren nicht gegeben. Wobei die Ukraine noch immer im Rennen um den Aufstieg liegt. Gewinnt sie allerdings das dritte Gruppenspiel gegen England (erstmals mit Wayne Rooney) nicht, dann ist sie ausgeschieden. „Dann müssen wir eben voll auf Sieg spielen“, appelliert Bayerns Timoschtschuk. Auch er wird sich allerdings steigern müssen, gegen Ribéry hat er sich nicht immer durchgesetzt. Einmal hat er ein entscheidendes Laufduell gegen seinen Vereinskollegen verloren. Daraus resultierte dann das 0:1.

„Wir werden eine ernsthafte Diskussion führen müssen“, führte Blochin weiter aus. „Es kann nicht sein, dass wir so auftreten.“ Lediglich Altstar Andrej Schewtschenko, der schon gegen Schweden mit einem Doppelpack brilliert hatte, strahlte bei zwei Chancen so etwas wie Torgefahr aus. „Wir müssen akzeptieren, dass Frankreich in der zweiten Hälfte besser gespielt hat“, meinte Schewtschenko fast schon ein wenig resignierend.

Für die Franzosen hatte der Sieg fast schon eine historische Dimension. Das 2:0 war der erste Erfolg bei einem Großereignis seit 2006. In Donezk überzeugte vor allem Torschütze Jeremy Menez von Paris St. Germain. Aber auch die Topstars Karim Benzema, der beide Tore vorbereitete, und Franck Ribéry mit mehreren gefährlichen Vorstößen bewiesen ihre Klasse.

Die größere Überraschung aber war, dass der Rasen, der übrigens aus Österreich kommt, nach einer 57-minütigen Unterbrechung überhaupt bespielbar war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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