Es ist kein Zufall, dass die englischen Topvereine in den vergangenen Jahren mit Vorliebe vor allem auf einer Position auf ausländische Kräfte zurückgegriffen haben. Und großteils auch noch immer tun. Zu schrecklich waren die Erinnerungen an fatale Fehlgriffe, an unvergessliche Hoppalas, die fast schon traurige Tradition zu werden schienen. Das Elferschießen, das haben die Engländer bei Großereignissen bekanntlich nicht erfunden, blendende Torhüter haben sie in den vergangenen zwanzig Jahren auch keinen hervorgebracht. Die „Three Lions“ waren immer nur so stark wie das schwächste Glied – und die trug oft die Nummer 1. Nur selten spielte einer Tormann, der auch einen echten Rückhalt bieten konnte. „Die Engländer hatten immer eine Mannschaft, aber nie einen Goalkeeper – oder umgekehrt“, äzte einmal der „Guardian“. Ein Urteil, das neuerdings revidiert werden muss. Nicht erst seit dem packenden und dramatischen 3:2-Sieg in Donezk gegen die Schweden. Die Engländer sind wieder stolz auf ihr Team, freuen sich nun auf den Einstieg von Wayne Rooney in das Turnier, feiern auch ihre Nummer 1. Das Tre-Kronor-Team mit Superstar Ibrahimovic hingegen muss sich auf die vorzeitige Heimreise vorbereiten.
Der Mann, der die Engländer noch weit tragen könnte, weil er die Mannschaft wirklich im Turnier halten kann, ist Joe Hart. Wäre sein Name nicht so typisch britisch, man könnte glauben, es handle sich gar nicht um einen Tormann, der tatsächlich von der Insel kommt. Zum Auftakt gegen die Franzosen war noch die eine oder andere kleine Verunsicherung bei ihm zu bemerken, gegen die Schweden aber faustete er in Bestform. Und auch wieder in einem normalen Tormanntrikot. Nicht mehr in einer Montur, die eher an einen Flanellpyjama von Palmers erinnerte.
Manchester City hat die Klasse von Joe Hunt erkannt. Er hat die Lücke zwischen den Pfosten derart gut geschlossen, dass es letztlich auch für Manchester United oder Chelsea nichts zu holen gab. Die Konkurrenz setzt im Tor auf Legionäre. Die Truppe von Alex Ferguson verließ sich in glorreichen Zeiten auf den Dänen Peter Schmeichel, der Abramowitsch-Klub ist fix liiert mit Petr Cech. Auch an ihm ist es gelegen, dass sich Chelsea in der Champions League auf solide Defensive verlassen und letztlich sogar mit dieser Taktik triumphieren konnte. Auch sonst tummeln sich in der Premier League etliche ausländische Torhüter, Arsenal hat auf dieser Position gleich zwei Polen unter Vertrag.
Das Leiden der Engländer könnte also bei der Euro 2012 ein Ende haben. Jahrzehntelang haben sie einem Gordon Banks nachgeweint, später einem Peter Shilton – weil die Handschuhe für die Nachfolger stets um mindestens eine Nummer zu groß waren. Diese Erfahrung musste sogar David Seaman machen. Er machte sich zum Gespött der Fans, als er bei der WM 2002 in Südkorea und Japan gegen Brasilien dermaßen ins Leere fuhr, dass die Boulevard-Medien sogar daran zweifelten, ob er überhaupt ein Goalkeeper ist. Ronaldo war es übrigens, der Seaman bloßstellte. Der Österreicher Alexander Manninger, bei Arsenal sein Ersatz, spricht jedoch noch heute ehrfürchtig über seinen Lehrmeister. „Ich habe viel von ihm gelernt.“ Vor allem, was die Körpersprache betrifft. Aber sie grenzte an Arroganz. Dabei ist jede Nummer 1 verwundbar. Nicht nur Seaman, der in seinem letzten Länderspiel gegen Mazedonien nach einem direkten Eckball bezwungen wurde, musste das schmerzlich zur Kenntnis nehmen.
Im Team gaben sich die Torhüter fortan die Klinke in die Hand. Egal, ob Scott Carson, Robert Green, Paul Robinson oder David James, sie alle wurden irgendwann verteufelt und aus der Nationalmannschaft verjagt. Ebenso David James, der sich einst von Andreas Ivanschitz fürchterlich düpieren ließ. „Slapstick“, musste er anderntags lesen. Und noch viel Schlimmeres.
Joe Hart ist von solchen Demütigungen bisher verschont geblieben. Wobei ihn schon einige Gazetten für verrückt erklärt haben. Es gibt Videos auf YouTube von ihm, die seine ganze Ausgelassenheit (Joe Hart dance) zeigen, der 25-Jährige passt so gesehen perfekt in das Klischee, das Torhüter aber auch pflegen. Feldspieler sind sich weltweit, womöglich seit hunderten von Jahren, nämlich darüber einig: Torhüter und Linksaußen, die sind nicht ganz dicht. Oder wie es Andreas Ogris einmal formuliert hat: „Was willst von einem, der bei 40 Grad Handschuhe trägt...“
Hart wird von vielen Experten eine große Zukunft vorhergesagt. „Er ist etwas Besonderes“, sagt Peter Schmeichel. „Für mich gehört er zu den zehn besten Torhütern der Welt. Wenn du als englischer Keeper einen Fehler machst, dann hauen sie auf dich drauf. Das ist allen passiert. Aber diesmal hat England kein Tormannproblem!“ Bei Manchester City hat er in den vergangenen zwei Saisonen die wenigsten Gegentreffer in der Premier League kassiert. Das gab Selbstvertrauen, Hart hatte ja bis vor einer Woche auch keine Turniererfahrung. Ein Vorteil, sagen viele – so blieben ihm wenigstens negative Erinnerungen erspart. „Die EM“, sagt er, „ist richtig aufregend.“ Das sollte man allerdings auch erst nach dem letzten parierten Schuss sagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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