Belgrad/Zagreb. Wenn Kroatiens Karoträger Trauer tragen. Ob Zagreb, Dubrovnik, Rijeka oder Osijek: Im ganzen Land hatten hunderttausende Fans vor den Großleinwänden auf den Marktplätzen der Großstädte die „Feurigen“ auf ihrer schwierigen EM-Mission gegen Weltmeister Spanien in Danzig erwartungsfroh angefeuert. Doch wie die laufstarken Anstrengungen ihrer Hoffnungsträger im fernen Danzig sahen auch die Fans in den gewürfelten Kutten ihren lautstarken Einsatz am Ende des Rasenschachs nicht belohnt. Zu den Tränen der Enttäuschung gesellte sich im bosnischen Mostar gar das Tränengas: Ihrem Ärger über das frühe EM-Aus machten 200 kroatische Randalierer in der geteilten Stadt in der Nacht mit eingeschlagenen Fensterscheiben, Steinwürfen und heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei Luft.
Ihrer Verbitterung über den ausbleibenden Elfmeterpfiff des deutschen Schiedsrichters Wolfgang Stark ließ auch Kroatiens Presse freien Lauf. Doch der Stolz über die EM-Auftritte der vor dem Turnier noch harsch kritisierten Bilić-Boys linderte die Trauer über den als ungerecht empfundenen EM-Abschied. „Bravo Jungs“, titelte die Zagreber Zeitung „Vecernji List“. „Alle Ehre den Slawen, alle Ehre Kroatien!“, textete stolz das Internetportal „index“.
Doch trotz des positiven Eindrucks, den die Mannen um Kapitän Srna in den Stadien von Posen und Danzig hinterließen, könnte die EM für Kroatiens Fußballverband HNS noch ein schmerzhaftes Nachspiel haben. Schon im ersten Spiel gegen Irland hatten sich kroatische Hooligans Schlägereien mit ihren polnischen Gesinnungsgenossen von Lech Poznan geliefert. Keine Sympathiepunkte bei den Ausrichtern sammelte der kroatische Anhang auch im Spiel gegen Italien, als wieder Rauchbomben auf das Spielfeld segelten und der farbige Azzurri-Stürmer Mario Balotelli mit Affenlauten und Bananenwürfen begrüßt wurde. Beim Gastspiel gegen Spanien lieferten sich die berüchtigten Schläger der „Bad Blue Boys“ aus Zagreb in der Danziger Innenstadt erneut heftige Gefechte mit lokalen Hooligans des polnischen Erstligisten Lech Gdańsk.
Europacup-Sperre angedroht
Wie Nationalcoach Slaven Bilić hat auch der Verband HNS die Uefa gebeten, das kroatische Team nicht für die Untaten einzelner Hooligans zu bestrafen. Auf die Nachsicht der Uefa wird der in der Vergangenheit bereits mehrfach verwarnte HNS aber wohl nicht mehr rechnen können.
Von „Arschlöchern in den Stadien“ soll zu Wochenbeginn gar der ungehaltene Uefa-Chef Michel Platini gesprochen haben. Der Franzose erinnerte in Warschau daran, dass er schon im letzten Jahr bei seiner Visite in Zagreb Kroatiens Staatschef Ivo Josipović und den Verband aufgefordert habe, endlich entschlossener das Hooligan-Problem anzugehen. Doch seine damalige Empfehlung, die Fußball-Schläger schneller zu bestrafen, sie an Auslandsreisen zu hindern und besser mit ausländischen Polizeibehörden zusammenzuarbeiten, haben bei der EM nur wenig Früchte getragen.
Außer den üblichen Geldstrafen könnten dem HNS nun noch schwerere Sanktionen drohen: Platini hatte schon im letzten Jahr den Vereinen und der Nationalelf des Adria-Staats eine zeitweilige Sperre für alle europäischen Wettbewerbe angedroht.
Hier wird gespieltAcht EM-Stadien für über zwei Milliarden Euro
