Nicht gegebenes Tor erhitzt die ukrainischen Gemüter

20.06.2012 | 12:30 |   (DiePresse.com)

Ukraines Teamchef Oleg Blochin war nach der 0:1-Niederlage gegen England außer sich: "Uns wurde ein Tor gestohlen". Wieder einmal versagten die Torrichter und heizen die Debatte um technische Hilfsmittel an.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Der ukrainische Teamchef Oleg Blochin tobte an der Seitenlinie und schrie wild gestikulierend auf den vierten Offiziellen ein. Superstar Andrij Schewtschenko rannte nach dem Schlusspfiff wutentbrannt auf den ungarischen Torrichter und anschließend auf Schiedsrichter Viktor Kassai zu. "Wir waren besser, wir hatten die besseren Chancen", schimpfte Blochin. "Die Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen, das war ein klarer Treffer."

Mehr zum Thema:

Nach den Polen schied damit auch der zweite Gastgeber der ersten Fußball-Europameisterschaft im ehemaligen Ostblock schon nach der Gruppenphase aus. Was die Gemüter der Ukrainer so erregte, war eine Szene nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit und eine fatale Fehlentscheidung der zuvor noch so gepriesenen Torrichters.

Es lief die 62. Minute in der Donbass Arena in Donezk. Ein Schuss des ukrainischen Angreifers Marko Devic senkte sich über Englands Schlussmann Joe Hart hinweg Richtung Tor. Der Ball überquerte anschließend knapp, aber doch deutlich für alle Fernsehkameras sichtbar mit vollem Umfang die Linie, bevor ihn Englands Routinier John Terry wieder zurück ins Feld schoss.

TV-Bilder zeigten klar: Ball hinter der Linie

Was die TV-Bilder einfingen, was alle Menschen im Stadion später zu sehen bekamen und was als DIE Fehlentscheidung dieser EM in die Rückblicke eingehen wird, hatte der Torrichter nicht erkannt, obwohl er die Linie perfekt im Blick gehabt hatte. "Das ist eine Tatsachenentscheidung", meinte der sichtlich erleichterte Hart lapidar. Das Spiel lief weiter, die Ukraine war um den verdienten Ausgleich gebracht - und musste sich am Ende nach dem 0:1 durch das Tor von Wayne Rooney von der Heim-EM verabschieden.

Für die Turnierstimmung ist dieses Ausscheiden ein herber Verlust, für die Uefa ein schwerer Rückschlag. Bis zum letzten Spieltag der Gruppenphase hatten sie in der Uefa von Schiedsrichterchef Pierluigi Collina bis zu Präsident Michel Platini noch alle das erstmals bei einer großen Veranstaltung getestete System mit den sogenannten "additional assistant referees" gepriesen.

"Das ist das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen bisher", hatte Platini noch am Montag in seiner Zwischenbilanz gesagt und seine Kritik an der von der FIFA favorisierten Torlinientechnologie erneuert. "Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball", hatte der Franzose betont und gesagt, dass das legendäre nicht-gegebene Tor von Frank Lampard im Spiel gegen Deutschland bei der WM 2010 in Südafrika mit einem Torrichter auf alle Fälle erkannt worden wäre. "Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist", bekräftigte Platini.

Frage nach der Sinnhaftigkeit der Torrichter

Nur einen Tag später sollte ihn diese Aussage einholen. Denn beim nicht gegebenen Tor der Ukraine tauchte wieder die Frage auf, warum es bei der EURO Torrichter gibt, wenn diese trotz bester Sicht auf das Geschehen - wie schon in mehreren Europacup-Matches zuvor - in kritischen Momenten versagen.

So wie übrigens auch der deutsche Torrichter beim ausgebliebenen Elfmeterpfiff nach dem Foul von Sergio Ramos an Mario Mandzukic im Spiel Spanien gegen Kroatien. "Der Treffer hätte das Spiel verändert", klagte Ukraines Superstar Schewtschenko nach dem folgenschweren Fehler der Unparteiischen in Donezk, "ich denke nicht, dass es Diebstahl war, aber ich verstehe nicht, warum wir keine Technologie benutzen."

Ob Zufall oder nicht - am Dienstagabend um 23.17 Uhr, also gut eine Stunde nach Spielschluss in Donezk, sagten die polnischen Organisatoren eine für Mittwoch um 10.00 Uhr morgens geplante Pressekonferenz ab. Teilnehmer hätten sein sollen: Turnierdirektor Martin Kallen und UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino. Doch aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben, irgendwann wird sich die UEFA zu dieser Fehlentscheidung offiziell äußern müssen.

(Ag.)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

  • Aberkanntes Tor: Müssen technische Hilfsmittel her?

    Beim Stand von 0:1 wehrte der Engländer John Terry einen Schuss des Ukrainers Devic erst hinter der Linie ab. Referee Viktor Kassai gab den Treffer aber nicht. Auch der Torrichter reagierte nicht, obwohl er eigentlich perfekt gestanden war. Muss die Uefa jetzt Torkameras oder den Chip im Ball einführen?

  • Rooney und Wembley sorgen für Englands Sieg

    Wayne Roone / Bild: AP Gruppe D: Gegen aufopferungsvoll kämpfende Ukrainer hatten die „Three Lions“ dank des Rückkehrers und einer großen Portion Glück das bessere Ende für sich. Frankreich folgt den Engländern trotz Niederlage ins Viertelfinale.

  • Nach Torskandal: Ärger bei der Ukraine

    Ukrainische Fans / Bild: rca Enttäuschung und noch mehr Ärger herrschen in der Ukraine. Weniger auf die eigenen Kicker, dafür umso mehr auf den Torrichter, der beim Stand von 1:0 für England ein reguläres Tor nicht anerkannt hat.

  • Rooney trifft: Die Ukraine ist draußen

    Rooney trifft / England zieht als Gruppensieger in die nächste Runde ein. Die Franzosen folgen ihnen trotz einer Niederlage gegen Schweden.

  • England und Frankreich im Viertelfinale

    Bild: (c) REUTERS (DARREN STAPLES) Rooney schießt die Ukraine aus dem Turnier und England in die nächste Runde. Frankreich verliert gegen Schweden, steigt aber auch auf.

  • Mehr

Mehr aus dem Web

47 Kommentare
 
12
0 0

Jede strittige Entscheidung...

muss nachprüfbar gemacht werden.

Die Technik ist vorhanden und es ist schlicht lächerlich, wenn Millionen Zuschauer sehen können, dass es sich zum Beispiel in einer bestimmten Situation klar um Abseits handelt, nur einer, nämlich der Schiedsrichter, nicht. Und genau diese eine (unwissende) Person dann falsch entscheidet.

Sollte ja zum Beispiel nicht so schwer sein, dass der Feldschiedsrichter mit einem Kollegen vor der Kamera in Funkverbindung steht...

0 1

Gerechtigkeit für Timoschenko:-)


Gast: gert3344
20.06.2012 15:09
1 0

sicherlich ist das ungünstig

was da passiert ist, nur der torrichter hat den bruchteil von einer sekunde zeit zu entscheiden "war der ball mit vollem umfang über der torlinie" das ist unmöglich, der torrichter hat nun mal keine zeitlupe und mehrere kameraeinstellungen

ohne technische hilfsmittel mittels kamera wird man so etwas nie ausschließen können

Antworten Gast: mrfies
20.06.2012 16:19
0 0

Re: sicherlich ist das ungünstig

In diesem Fall hatte der Torrichter aber einen entscheidenden Vorteil: der Ball kam in einem schönen Bogen relativ langsam angeflogen (wenn wir die Aktion mal mit einem > 100 km/h-Fernschuss vergleichen...). Zudem kam auch Terry von Weitem dahergerannt. Ergo: eine solch strittige Situation war schon vorherzusehen, der Torrichter hätte sich also darauf einstellen und voll konzentrieren können.

Gast: Fan
20.06.2012 14:49
3 3

Alle Zeitungen schreiben davon, ...

dass der Ukraine ein Tor "gestohlen" wurde. Keine Zeitung schreibt davon, dass - wäre dieses Tor gegeben worden - die Engländer erneut auf Grund einer falschen Schiedrichterentscheidung massiv benachteiligt wären.

Ungeachtet des Fehlers, der auch offensichtlich ist und der auch die Diskussion neu entfachen wird: man muss sich die gesamte Spielszene ansehen. Man wird wahrnehmen, dass bereits der Linienrichter einen Fehler gemacht hat, da er das Abseits des ukrainischen Spielers nicht erkannt/angezeigt hat. Somit ist es für mich eine Art ausgleichende Gerechtigtkeit.

Dieses ausgleichende Gerechtigkeit darf aber auch nicht dazu führen, dass sich Fehler gegenseitig aufheben. Die Fehler müssen sicherlich angesprochen und abgestellt werden. Bis zur Leistung vom Schiedsrichter Stark (Spanien-Kroatien) finde ich dennoch, dass es eine äußerst gut Leistung der Schiedrichter beim Turnir gegeben hat.

Gast: lola
20.06.2012 14:21
1 0

Abseits war eine andere Situation und die andere Situation steht für sich alleine

Wennn ich hier höre...ja das war sowiso Abseits. Was hat es mit der anderen Fehl- Entscheidung zutun...Der Ball wurde freigegeben . Punkt. Die andere Situation.. Das man davor steht..sonst keine Aufgabe hat, außer zu gucken ob er drinn ist oder nicht..dann nix oder nix sehen will und das Tor nicht gibt...ist vom Prinzip her eine falsche Sache..man sollte das ganze gedöns abschaffen.

Übrigens; das nicht gesehenen Abseit und dann das nicht gesehene Tor...alles in kürzerster Zeit..macht es für mich noch zu einem GRÖSSEREN SKANADAL. als das tor alleine. also von wegen,dass wäre doch sowiso abseits..blabla bla..allein so eine Assage lässt mir es kalt den Rücken runter...

Antworten Gast: ido
20.06.2012 15:34
1 0

Re: Abseits war eine andere Situation und die andere Situation steht für sich alleine

das waren 2 Fehlentscheidungen - so etwas sollte nicht sein, und man muss ganz sicher darüber reden, wie so etwas verhindert werden kann, aber es ist ganz bestimmt kein "SKANADAL"

Das Traurige dabei ist, das die Technologie um zumindest Torentscheidungen zu verdeutlichen schon lange in den Schubladen liegt, aber die Saurierriege in der FIFA sich vehement dagegen wehren.

Gast: advo
20.06.2012 14:17
1 0

Mit Blindheit geschlagen

Ein Spieler schlägt hinter der Torlinie den Ball weg und der wenige Meter vom Tor befindliche zusätzliche Torschiedsrichter will nicht gesehen haben, dass dieser eine volle Umdrehung darüber war.
Wozu dieses Theater mit den zusätzlichen Torrichtern wenn diese schlafen oder fehlsichtig sind oder sein wollen!
Dieser Vorfall sieht eher bereits nach einer absichtlichen Benachteiligung der Ukraine aus.

Gast: weldi
20.06.2012 13:11
2 0

Das grenzt schon an Zensur!

Lesen Sie sich den Spielbericht der UEFA durch... einfach nur lächerlich.... Eine Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns wird nicht einmal erwähnt!

http://de.uefa.com/uefaeuro/season=2012/matches/round=15172/match=2003342/postmatch/report/index.html#rooney+schießt+ukraine+turnier

Antworten Gast: ido
20.06.2012 15:36
0 0

Re: Das grenzt schon an Zensur!

ich habe den Bericht nicht gelesen, aber egal was da (nicht) drin steht, um Zensur handelt es sich nie und nimmer; mit dem Wort sollte man etwas vorsichtiger umgehen, besonders hier im Forum wird es sehr inflationär verwendet...

Gast: Gast: Leser
20.06.2012 13:10
3 0

aon.914910282@aon.at

Um die Sache etwas zu relativieren: auch mit einem Unentschieden wären die Ukrainer ausgeschieden. Allerdings hätte ein 1:1 in den letzten Minuten vielleicht noch ungeahnte Kräfte zum Sieg aufgerufen

Gast: mijuu
20.06.2012 12:59
5 2

Abseits

Es war ohnehin Abseits, das Tor anzuerkennen wäre also eine eklatante Fehlentscheidung gewesen.

Antworten Gast: sid
20.06.2012 14:24
2 0

Re: Abseits

Sie haben recht, es war Abseits, aber wenn ich schon keine Technik verwende, dann erwarte ich mir, dass man zu seinen Fehlern steht, und nicht den Einen durch einen Anderen kompensiert.

Das ist keine Lösung für Fehlentscheidungen. Ich steh zu meinen Fehlern, oder ich verwende Technik (allerdings wird es dadurch schwer, ein Spiel zu "lenken", und das haben die Wettbüros nicht gerne)

Re: Abseits

Stimmt. Aber ich bezweifel doch, dass der Schiri da gedacht hat: "Hm, das war jetzt wahrscheinlich falsch, na dann geben ma einfach das Tor ned, dann gleicht si alles wieder aus."

Antworten Antworten Gast: Dereinerfraudieabseitsregelerklärende
20.06.2012 14:30
0 2

Re: Re: Abseits

weiblich??

Antworten Gast: Schiri
20.06.2012 13:34
2 1

Re: Abseits

Aber da steht ein Enländer doch fast hinter der Torlinie, wie soll das Tor eine Abseitstor gewesen sein? Der ist doch sicher nicht schneller als der Ball dort hingelaufen.

Antworten Antworten Gast: sid
20.06.2012 14:29
2 0

Re: Re: Abseits

..der Pass in die Tiefe war Abseits. Aber wenn ich jetzt anfange nach dem Motto "ausgleichende Ungerechtigkeit" zu pfeifen, werden die Schiri's bald Fehlentscheidungstabellen mitnehmen müssen. Und WENN der Schiri wusste, dass es bereits Abseits war- wieso pfeift er's nicht gleich?

Re: Re: Abseits

Abseits hat mit dem Zeitpunkt der Ballabgabe zu tun. Und zu diesem Zeitpunkt stand ein Ukrainer im Abseits! Also: Tor hätte eh nicht gegeben werden dürfen!

Antworten Antworten Antworten Gast: yoshi1
20.06.2012 14:15
3 0

Re: Re: Re: Abseits

Unrecht + Unrecht = Recht ?

Interessant.

Re: Re: Re: Re: Abseits

Im Endeffekt wurde ein irreguläres Tor nicht gegeben. Ich sehe da kein Problem.

Gast: Geh kommts!
20.06.2012 12:58
2 2

Quenn Mum

Der war aber auch klar im Abseits. Insofern war der Treffer irregulär, auch wenn der Ball über der Linie war. ungerecht * ungerecht = gerecht

Gast: austria wien
20.06.2012 12:55
3 0

torrichter

es wird zeit, dass uns die uefa mit diesen typen verschont. wenn einer 5 meter mit klarer sicht zum ball nichts sieht, kann es nur 2 möglichkeiten geben - 1) wettskandal, 2) blind.
das gehabe von diesen clowns ist mehr als peinlich. springen um, wie das rumpelstilzchen und schauen dümmlich aus ihrer schiridress.

Antworten Gast: ido
20.06.2012 15:41
0 0

Re: torrichter

Ich bin zwar selbst kein Freund der Torrichter, aber die Aussage von dir ist kompletter Schwachsinn. Gerade in diesem Spiel, wo es gerademal im Fernsehen per Standbild eindeutig ersichtlich war, dass der Ball über der Linie war, ist ein Fehler sehr verständlich.

Dein Nick passt zu deiner Aussage!

Gast: Hansi0815
20.06.2012 12:54
1 0

Abseits

War doch vorher schon längst Abseits!

Es wird endlich Zeit

, dass der Videobeweis von der FIFA/UEFA anerkannt wird, denn wird sind im 21. Jhd angekommen. Außerdem sind die Torrichter, wie es sich gestern nicht besser zeigen konnte, absolut nutzlos und im besten fall Arbeitsplätze für Griechen ^^!

Gast: FCB
20.06.2012 12:42
6 0

Wann endlich

gibt's elektronische Hilfen im Fußball?!?!?!

Da steht der Torraumschiri daneben und gibt das Tor nicht einfach unfassbar!
Die Konten dieses Herrn gehören jedenfalls auf fragwürdige Zahlungen abgeklopft und, dass er internat. nicht mehr eingesetzt werden darf, versteht sich (hoffentlich) von selbst.


 
12
AnmeldenAnmelden