Danzig/Wien. Wenn die Griechen etwas beherrschen, dann ist es die Kunst, im Fußball immer dann zuzuschlagen, wenn es entscheidend ist. Oder zumindest dann aufzutrumpfen, wenn man nicht unbedingt damit rechnet. Das ist eine Gabe, die auch Teamchef Fernando Santos schätzen gelernt hat. Die Wehrhaftigkeit der Mannschaft ist bemerkenswert, die Griechen sind bei dieser EM zu einer Art Trutzburg geworden. Dass die Auswahl im Vorfeld nicht wirklich ernst genommen wurde, das hat die stolzen Griechen weniger verletzt, sondern vielmehr angestachelt. Der Underdog hat seine Muskeln in der Vorrunde schon spielen lassen, das Viertelfinale gegen Deutschland ist die erste Zugabe. „Wir werden kämpfen, kämpfen, kämpfen“, sagt Kyriakos Papadopoulos, der für Schalke 04 spielt. „Wir sind in einer komfortablen Situation – wir haben unser Ziel schon erreicht, haben nichts mehr zu verlieren. Auf in den Kampf.“
Einer für alle, alle für einen
Wer die Griechen in die Mangel nehmen will, der muss sich auf ein hartes Stück Arbeit gefasst machen. Auch die Russen sind an den Hellenen verzweifelt. Gegen die Löw-Truppe fehlt allerdings Routinier Giorgios Karagounis, Kapitän, Motor und Mitorganisator des gesamten Abwehrblocks, der mitunter bis zu zehn Mann umfassen kann. „Gegen Deutschland werden 22 Krieger in der Kabine sitzen“, kündigte Dimitrios Salpingidis an. „So einfach wird man uns nicht in die Knie zwingen können.“ Wobei die Elf als echtes Kollektiv besticht. Ohne große Stärken, aber auch ohne große Schwächen. Wer eine Lücke finden will, der muss schon raffiniert und schnell genug sein. „Bei uns opfert sich einer für den anderen auf“, erklärt Kostas Katsouranis. Einer für alle, alle für einen. Von elf Freunden spricht der Europameister von 2004 lieber nicht. Das überlässt er lieber dem Gegner.
„Bringt uns jetzt die Merkel“, schrieb das Sportblatt „Goal-News“ schon zu einem Zeitpunkt, als der Viertelfinalgegner noch gar nicht festgestanden ist. Der Wunsch der Griechen geht heute in der Arena Gdansk in Erfüllung. Wobei auch die Griechen wissen, wie es um die Rollenverteilung bestellt ist. David gegen Goliath heißt das altbekannte Spiel. „Und anstatt der davidschen Steinschleuder verfügen die Griechen über rehhagelsche Defensivkünste.“ Otto Rehhagel ist und bleibt der Lieblingsdeutsche, er ist als Rehhakles in die griechische Fußballgeschichte eingegangen. „Unterschätzt meine Griechen nicht“, warnte er in der „Bild“. Er selbst werde das heutige Duell als Zerrissener erleben. Was die Leidenschaft betrifft, so erkennt er jedenfalls Parallelen zum Jahr 2004.
Die griechischen Spieler haben vor wenigen Tagen noch offen über die Situation in der Heimat gesprochen, neuerdings aber hat man das Kapitel zumindest offiziell geschlossen. Die Nationalmannschaft verbittet sich Fragen zur politischen Situation. Weil sie die Diskussionen um die Finanzkrise nicht mehr hören können. „Bitte Fragen zum Spiel“, predigte Pressesprecher Michael Tsapidis unermüdlich. „Und zwar ausschließlich Fragen zum Spiel. Wir sind hier, um Fußball zu spielen . . .“
„Spielen für alle Griechen“
Die Griechen werden auch in Warschau oder heute in Danzig von der Krise eingeholt. Fernhalten kann das auch der Teamchef oder der Pressesprecher nicht. „Wir spielen nicht nur für uns, sondern für alle Griechen“, sagt Teamstürmer Samaras. „Die Leute warten schon lange auf einen Grund zum Lächeln. Und den haben wir ihnen gegeben. Vielleicht gelingt es uns ein weiteres Mal.“
Hier wird gespieltAcht EM-Stadien für über zwei Milliarden Euro
