Donezk. Kein einziges der bisherigen sechs Pflichtspielduelle gegen Frankreich konnte Spanien für sich entscheiden. Die Misere nahm im EM-Endspiel 1984 ihren Anfang und schrieb im WM-Achtelfinale 2006 das bis dahin letzte Kapitel. Dennoch reiste die spanische Mannschaft als Favorit zum Viertelfinale nach Donezk an.
Vielleicht hatte der Titelverteidiger in der Vorrunde nicht die absolute Dominanz vergangener Turniere ausgestrahlt, dennoch beendete er sie mit dem besten Torverhältnis (6:1) aller Teams. Das größte Lob kam ausgerechnet aus den Reihen von Viertelfinalgegner Frankreich. »Ich erlaube mir nicht, das spanische Spiel zu kritisieren. Für einen echten Fußball-Liebhaber ist es eine Freude, ein Geschenk«, sagte Teamchef Laurent Blanc vor der Partie. Seine Mannschaft hatte im letzten Gruppenspiel einen Dämpfer erhalten. Gegen die bereits ausgeschiedenen Schweden setzte es nach 23 Spielen die erste Niederlage.
Gegen Spanien schickte Blanc eine an vier Positionen veränderte Elf aufs Feld. Ein defensiv angehauchtes Fünf-Mann-Mittelfeld sollte die spanischen Ballstafetten unterbinden, dafür musste sogar Spielmacher Nasri auf der Bank Platz nehmen. Auf der Gegenseite verzichtete Spaniens Trainer Vicente Del Bosque wieder auf eine klassische Sturmspitze und vertraute stattdessen dem Trio Silva, Fabregas und Iniesta an vorderster Front.
Erster Torschuss sitzt. Spanien zeigte in der Donbass Arena von Beginn weg das gewohnte Spiel und ließ Ball und Gegner laufen. Doch „La Furia Roja“ bewies auch eine Qualität, die ihr von Kritikern oftmals abgesprochen wird: Effizienz. Mit dem ersten gefährlichen Angriff ging das Team von Del Bosque in Führung. Iniesta bediente Alba auf der linken Seite, dessen Flanke landete genau auf dem Kopf von Xabi Alonso, der in seinem 100. Länderspiel Frankreichs Torhüter Lloris keine Chance ließ (19.). Ebenso bemerkenswert, dass der Treffer nicht das Resultat des typischen Kurzpassspiels, sondern einer hohen Hereingabe war.
Die Franzosen waren nun gefordert, fanden jedoch kaum statt. Ihre einzige Chance in der ersten Halbzeit war ein gut getretener Freistoß von Cabaye. Casillas wurde in den letzten vier Jahren allerdings nicht umsonst zum Welttorhüter gewählt und fischte den Ball aus dem Kreuzeck (32.). Ansonsten hatte Frankreich den Spaniern nichts entgegen zu setzten, die ihrerseits unbeirrt die Zahl der Pässe nach oben drehten, aber auch nicht mehr gefährlich vors Tor kamen.
Nach der Pause zeigte sich ein ähnliches Bild. Bei den Franzosen war Ribery auf sich allein gestellt, die Spanier ließen den Nachdruck vermissen. Einmal musste Lloris eingreifen, als Xavi den Lochpass auf Fabregas versuchte (62.). Danach hatten beide Trainer genug gesehen und brachten neue Kräfte für die Offensive. Doch es war Ribery, der Casillas mit einem Schuss aus spitzem Winkel prüfte (70.). Insgesamt war Frankreich zu selten im Ballbesitz, um überhaupt Akzente nach vorne setzen zu können. Stattdessen bekam Spanien noch den zweiten Treffer serviert. Reveillere brachte im Strafraum Pedro zu Fall. Xabi Alonso krönte seine starke Leistung und verwandelte den Elfmeter souverän (91.). Spanien feierte den ersten Sieg in einem Pflichtspiel gegen Frankreich und trifft am Mittwoch im Halbfinale auf Portugal.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
Glanzloser Sieg: Spanien wirft Angstgegner Frankreich aus EM-Turnier
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