Der Gentlemanfußballer mit gewissen Schwächen

24.02.2013 | 18:50 |  PATRICK DENNER (Die Presse)

Bobby Moore. Am 24. Februar jährte sich der Todestag von „the greatest captain England ever had“ zum 20. Mal.

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Auch in der Stunde seines größten sportlichen Triumphs erwies sich Bobby Moore als wahrer Sportsmann. Nach dem Finale der Fußballweltmeisterschaft 1966 im Londoner Wembley-Stadion betrat der Kapitän des englischen Nationalteams die deutsche Kabine, um in seiner typischen Art dem unterlegenen Gegner seinen Respekt zu zollen: „Natürlich sind wir glücklich, gewonnen zu haben, aber ihr wart großartig, stark genug, um auch Weltmeister zu werden.“ Kein Wunder, dass der am 12. April 1941 in Barking, Essex, geborene Robert Frederick Chelsea Moore bis zum heutigen Tag als Inbegriff des britischen Fairplay gilt.

Der Sohn eines Fabrikarbeiters schloss sich 1956 West Ham United an. Schnell reifte Moore zum technisch versiertesten Abwehrspieler Englands. Dank überragenden Stellungsspiels und Timings im Zweikampf kam er ohne Foulspiel aus – Grätschen waren seine Sache nicht. Brasiliens Fußballlegende Pelé nannte ihn den fairsten Verteidiger, gegen den er in seiner Karriere gespielt habe. Da Moore zudem die Gabe besaß, gegnerische Offensivaktionen zu antizipieren, geriet ihm seine mangelnde Antrittsschnelligkeit nur selten zum Nachteil.

 

Das Ansehen eines Großen

Sein erstes Länderspiel für England bestritt er im Mai 1962. Zwar schieden die „Three Lions“ bei der kurz darauf in Chile stattfindenden WM im Viertelfinale aus, aber der blonde Innenverteidiger überzeugte in sämtlichen Spielen. 1964 gewann Moore mit West Ham den FA-Cup und im folgenden Jahr den Europapokal der Pokalsieger. Doch der Höhepunkt seiner Karriere stand Englands Kapitän erst noch bevor. Bei der WM 1966 im eigenen Land führte er im Finale sein Team zu einem 4:2-Sieg gegen Deutschland. Im Stil eines Gentleman wischte sich Moore erst seine schmutzigen Hände am Trikot ab, ehe er aus den Händen der Königin den „Jules-Rimet-Pokal“ in Empfang nahm. Noch Jahre später schwärmte Alf Ramsey, der englische Weltmeistertrainer von 1966: „Moore war Herz und Seele des Teams. Er war der beste Profi, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Ohne ihn hätte England die Weltmeisterschaft niemals gewonnen.“ Und auch bei den bis heute andauernden Diskussionen über das sogenannte „Wembley-Tor“ zum 3:2 für England wurde Moore seinem Ruf als großer Sportsmann gerecht: „Da wurde als Tor anerkannt, was nie ein Tor gewesen ist.“

Doch selbst der Gentlemanfußballer war nicht frei von Lastern. So durchzechte er 1971 die Nacht vor der Partie im FA-Cup gegen den FC Blackpool. Prompt verlor West Ham die Begegnung mit 0:4, worauf Moore mit einer Geldstrafe in Höhe eines Wochengehalts belegt wurde. Gelegentlich sah man das englische Fußballidol am eigentlich trainingsfreien Sonntagmorgen auf dem Trainingsplatz, um laufend und schwitzend den konsumierten Alkohol aus der vorangegangenen Nacht abzubauen.

Auch für das Rauchen hatte er eine Schwäche. Aber eine Schwäche mit Stil: Beim Trainingslager von West Ham Mitte der 60er-Jahre in der deutschen Sportschule Hennef ließ er sogar Aschenbecher zum Trainingsplatz bringen. In Mexiko nahm Moore 1970 zum dritten Mal an einer Weltmeisterschaft teil, doch England unterlag Deutschland im Viertelfinale mit 2:3. Da sich die englische Mannschaft nicht für die WM 1974 qualifizieren konnte, ging der Kapitän von Bord: Am 14. November 1973 beendete er nach seinem 108. Länderspiel (damals Weltrekord) seine Teamkarriere. 1978 hängte er die Fußballschuhe endgültig an den Nagel.

 

Erinnerungen an „the greatest“

Die Zeit nach dem aktiven Sport erwies sich für Bobby Moore als sehr schwierig. Seine Laufbahn als Trainer (Oxford City, Southend United) verlief ebenso erfolglos wie seine geschäftlichen Aktivitäten als Besitzer einer Sportartikelfirma und eines Pubs. Zudem zerbrach seine Ehe. 1991 erkrankte Moore an Darmkrebs. Zwei Jahre kämpfte er gegen die Krankheit, ehe er am 24. Februar 1993 in London starb.

Franz Beckenbauer sprach für viele, als er sagte: „Bobby war mein Idol. Ich schaute zu ihm auf. Ich bin so stolz, gegen ihn gespielt zu haben.“ Und Pelé, selbst eine Legende, ergänzte: „Die Welt hat einen ihrer größten Fußballspieler und einen großartigen Gentleman verloren.“ Seit Mai 2007 erinnert vor dem neuen Wembley-Stadion eine Statue an Bobby Moore. Auf der Insel bleibt er wohl für alle Zeiten „the greatest captain England ever had“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2013)

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