Dortmund: Wenn ein gewiefter Trainer nachtritt

Seit dem Anschlag auf den BVB-Spielerbus trüben Differenzen zwischen Geschäftsführer Watzke und Trainer Tuchel das Fußballspiel - sie dürften Dortmunds Coach den Job kosten.

 Thomas Tuchel will nicht mehr hinsehen, der Dortmund-Trainer steht vor dem Aus.
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 Thomas Tuchel will nicht mehr hinsehen, der Dortmund-Trainer steht vor dem Aus.
Thomas Tuchel will nicht mehr hinsehen, der Dortmund-Trainer steht vor dem Aus. – (c) APA/AFP/SASCHA SCHUERMANN

Dortmund. Der Anschlag auf Dortmunds Spielerbus am 11. April veränderte das Spiel des BVB. Während sich aber die Mannschaft erholt hat, im Cupfinale steht, um den Champions-League-Platz spielt, die Genesung des verletzten Spaniers Marc Bartra fortgeschritten ist und der vermutliche Täter ausgeforscht scheint, herrscht seit der Neuansetzung des Champions-League-Spiels eine Kluft zwischen BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel. Der Betreuer hatte kritisiert, dass die abgesagte Partie gegen AS Monaco nur einen Tag später nachgeholt wurde.

Während Tuchel, 43, damals sowohl für seinen Umgang mit dem Anschlag als auch der offenen Reaktion auf die (vermeintlich unmenschliche) Neuansetzung gelobt wurde, stand Watzke prompt in einem anderen Licht. Der CEO wehrte sich erst Tage später, dennoch für manche zu einem komplett falschen Zeitpunkt: am Spieltag gegen Hoffenheim. Er rückte trocken, mit Fakten geschmückt, seine Rolle in dieser Causa zurecht. Er habe keineswegs zum schnellen Anpfiff gedrängt, im Gegenteil: Intern sei darüber ausgiebig beraten und es Spielern wie dem Trainer freigestellt worden, ob sie teilnehmen wollen oder nicht. Watzke hatte demnach in den ersten Erwägungen sogar daran gedacht, seinen Verein aus der Champions League sofort zurückzuziehen.

 

Das eigenwillige Talent

Tuchels „Grätsche“ verfehlte ihren Effekt nicht, es mutet im Rückblick aber als Foul an, wenngleich die Beweggründe unklar sind. Zudem ist die Gesamtsituation auch nicht einfach zu erklären. Wie reagiert man, wenn man gerade erst einen Bombenanschlag überlebt hat? Was sagt man, wenn nur 24 Stunden später Fußball gespielt wird?

Seit der Saison 2015/2016 werkt Tuchel in Dortmund. Als Nachfolger von Jürgen Klopp sollte er Schwarz-Gelb zurück zum Erfolg führen. Der aus Mainz geholte Trainer galt als Philosoph, Taktiker, als gewiefter Coach. Er sollte den Neustart bewerkstelligen mit DFB-Star Marco Reus als Galionsfigur nach dem Verkauf von Gündogan, Hummels und Mkhitaryan. Tuchel wurde gepriesen als das „größte deutsche Trainer-Talent“.

Dass der Fußball-Lehrer streitbar, ja eigenwillig sei, sich der Verein vorab über Person und Umfeld erkundigt, sogar teils von der Verpflichtung abratende Reaktionen erhalten habe, wurde erst jetzt bekannt. Warum jetzt? Wer traf diese Aussagen? Dieser Umstand ist ebenso fragwürdig wie die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Tuchel, dessen Vertrag bis 2018 läuft und der sich in dieser Umbruchsaison sportlich nichts zu schulden kommen hat lassen.

 

Zeichen stehen auf Trennung

Doch es geht längst nicht mehr um Siege, sondern nach all den Aussagen um Macht hinter den Kulissen – und die hat nicht der Trainer. Selbst der Cupsieg wird Tuchel wohl nicht retten. Übernimmt Niko Kovac? Oder Lucien Favre, der Schweizer soll aus Nizza – Claudio Ranieri steht dort ante portas – zurückkommen, berichtet „Bild“. Tuchel wähnt sich nun falsch verstanden, zeigt sich verletzt. Ein Gespräch mit Watzke lehne er allerdings ab, die Vertragsverlängerung sei „keine Medaille“, die man sich an die Wand hänge.

Fußball ist wie eine Ehe, man trennt sich manchmal schneller als gedacht. Oft genügt ein falscher Satz, ein Wort zum falschen Zeitpunkt. Zumeist findet der Entlassene jedoch schnell einen neuen Klub, vielleicht in einem anderen Land. So läuft dieses (vermeintlich unmenschliche) Geschäft. (fin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2017)

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