Analyse

Tor? Eine verwirrende Gerechtigkeit

Der Videobeweis sorgte beim Confed-Cup in fünf Fällen bereits für die nötige Klarheit, nur die Dauer der Urteilsfindung lähmt das Spiel. Bei Abseitsfragen bestehen weiterhin Probleme.

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(c) APA/AFP/FRANCK FIFE

Wenn gegen Ende eines Fußballspiels heillose Verwirrung herrscht, Spieler still um einen Referee stehen, der auf Auskunft wartet, und Zuschauer empört pfeifen, weil sie die LED-Leuchtschrift VAR (Video Assistant Referee) nach minutenlangem Warten nicht mehr sehen können, hat eine Innovation, die eigentlich dem Spiel dienen soll, versagt. Und mit ihr all diejenigen, die diese in anderen Sportarten kultivierte Institution nach jahrelangem Zögern in einer Husch-pfusch-Aktion für den Confederations Cup in Russland durchpeitschten und damit dafür gesorgt haben, dass der Wunsch nach Klarheit über echten oder falschen Torjubel nur zu einem zeitverzögernden Ärgernis geworden ist.

Weitere Fragen über die Sinnhaftigkeit des Confed-Cups haben sich bereits nach nur zwei Spieltagen endgültig erübrigt: Ja, dieses Turnier ist nötig, um lokalen Veranstaltern und beratungsresistenten Funktionären des Weltverbandes Fifa vor Augen zu führen, wie Abläufe zu automatisieren sind, damit Spannung und Spiel aufrechterhalten bleiben. Wenn es allerdings Zeit für künftige TV-Werbungen einspielen soll, ergibt diese Version Sinn. Falls nicht, blamiert sich der Weltfußball gerade im Vergleich mit Football, Eishockey oder Rugby gewaltig.

Der Videobeweis funktioniert, stiftet aber Chaos. Im Spiel Chile gegen Kamerun (2:0) wurde er zweimal bemüht. Einmal wurde ein Tor aberkannt, beim zweiten Treffer durfte Eduardo Vargas tatsächlich jubeln. Auch im Spiel zuvor, Portugal gegen Mexiko (2:2), war diese technische Errungenschaft eingesetzt worden, ebenso beim zweiten Tor der Australier gegen Deutschland – und in allen fünf Fällen hatte sie recht.

Das Verlangen nach Klarheit hat jedoch seinen Preis, es legt sowohl Fehler des Referees offen als auch (momentan noch) die Nerven der Zuschauer frei, die wie alle Spieler – über Grund bzw. Verdacht uninformiert – minutenlang auf diese Anzeige starren müssen. Dass letzten Endes die Technologie sich durchsetzen und das Spiel in ihrer endgültigen Version unwidersprochen verbessern wird, ist unbestritten.

Puristen gegen Revolutionäre

Damit verschwinden dann aber postwendend all die emotionalen Diskussionen nach Spielende über das Geschick der Unparteiischen; die Option, dass der Ball nicht mit vollem Umfang hinter der Linie gewesen sein könnte oder irgendein Tollpatsch doch lupenrein, also auch ohne elektronisches Auge klar ersichtlich, im Abseits gestanden ist. Hat der Fußball dann nicht endgültig seine Seele verkauft?

Puristen wettern freilich gegen diese Beklemmung, Revolutionäre denken hingegen sogar noch weiter hinaus und pochen bereits auf Nettospielzeiten (2 x 30 Minuten)oder andere Anstoßregeln. Manch Illusionist wollte unlängst sogar das Abseits abschaffen oder das Spiel mit Blauen Karten (Zeitstrafen) schmücken. Davon hört man nichts mehr, sonst wäre der Videorichter, der nur bei entscheidenden Situationen wie Toren, Abseits, Roten Karten oder Elfmetern involviert wird, schließlich obsolet.

Die Schwächen liegen auf dem Rasen: die Dauer der Entscheidungsfindung (bei der Torlinientechnik simpler und schneller) und das Abseits, das weiterhin zu viele Interpretationen (aktiv/passiv) zulässt. Dass VAR bei der WM 2018 zum Einsatz kommt, ist noch nicht fix. Es befindet sich alles laut Weltverband weiterhin in der Testphase, in vielen Ligen wird das System aber bald eingesetzt.

Die Zukunft des Fußballs läuft also darauf hinaus, dass sich jeder weiterhin über Tore freuen kann, im Namen der Gerechtigkeit aber geduldig auf die Wiederholung warten muss . . .

VIDEOSCHIEDSRICHTER

Im deutschen und englischen Cup ist der Videoschiedsrichter bereits im Einsatz, beim Confed-Cup in Russland durchläuft er gerade eine Testphase, die sich der Weltverband Fifa gewünscht hat.

Die Elektronik kommt nur in vier Fällen zum Einsatz: Tor, Elfmeter, Rote Karte oder Abseits.

Manko: zu lange Urteilsfindung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2017)

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