AC Milan: Die Rossoneri in chinesischer Hand

AC Milan, Austrias Gegner in der Europa League, will wieder Fixgröße in Europas Fußball werden. Berlusconi, Verluste und Niederlagen sind Geschichte, Milliardär Li Yonghong folgt anderen Visionen.

In der Schatzkammer des AC Milan gewann Li Yonghong (Zweiter von rechts) erste Eindrücke über die wahre Größe seines Fußballklubs.
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In der Schatzkammer des AC Milan gewann Li Yonghong (Zweiter von rechts) erste Eindrücke über die wahre Größe seines Fußballklubs.
In der Schatzkammer des AC Milan gewann Li Yonghong (Zweiter von rechts) erste Eindrücke über die wahre Größe seines Fußballklubs. – (c) laPresse / EXPA / picturedesk.com

AC Milan ist einer der Paradeklubs des italienischen Fußballs. 18 Mal gewann Associazione Calcio den Scudetto, fünf Mal den Cup, über allem aber thronen die sieben Triumphe in der Champions League. Baresi, Maldini, Inzaghi, Donadoni, Gattuso, Nesta, Pirlo, Seedorf, Savicević, Weah, Ronaldo oder Kaká etc. sorgten früher für Tore und Triumphe. Die Liste derer, die den Rossoneri Freude bereiteten, ist so endlos lang und jeden Star, den man auslässt, ist für die Metropole ein Sakrileg. Trainer wie Arrigo Sacchi („Gli Immortali“; 1990), Fabio Capello („Gli Invincibili“; 1996) oder Carlo Ancelotti (2009) halfen mit, dass Milan, 1899 gegründet, eine Fixgröße in Europa wurde.

Doch der letzte Titel ist lange her, 2011 ließ sich Klubmäzen Silvio Berlusconi mit dieser Silberware fotografieren, vor zehn Jahren gelang der letzte CL-Sieg. Der Politiker und Medienmogul liebte Milan, sein teuerstes Spielzeug, die beste PR-Maschine und Einnahmequelle. Seit 2015 aber ist Milan der Champions League fern, seit Jahren gibt es in der Serie A an Juventus kein Vorbeikommen mehr. 2016 fehlte der Klub überhaupt im Europacup. Es war eine ernüchternde Talfahrt, die Trainer und Spieler ihren Job kosteten, am Glanz des Vereins mehr als nur kratzte – und wohl der ausschlaggebende Grund war, warum sich Berlusconi von seinem Spielzeug trennte.

 

Seit Juni 2017 ist Milan in Besitz der in Luxemburg notierten Rossoneri Sport Investment, der der Chinese Li Yonghong vorsteht. Für 750 Millionen Euro wechselte der Klub (336 Mio. Euro Marktwert, 2016: 199 Mio. Euro Umsatz) den Besitzer, der sich laut „Guardian“ 300 Millionen Euro für diesen Deal via US-Hedgefond Elliott Management gesichert haben soll. 200 Millionen Euro wurden sofort in elf neue Spieler investiert, mit Leonardo Bonucci sogar ein italienischer Topstar von Juventus (48 Mio. Euro Ablöse) engagiert. Es dient nur einem Vorhaben: Milan muss eilends wieder Champions League spielen. Nur in der Königsklasse ist Geld zu verdienen, um Partner zu befrieden, Schulden (fällig im Oktober 2018) zu bezahlen oder neue Stars anzulocken. Entweder gelingt es über die Serie A, die ab dieser Spieldauer die Top 4 in die Königsklasse entsenden wird; oder, Milan folgt dem Beispiel von Sevilla oder Manchester United – mit dem Gewinn der Europa League.


Bedenken des Investors wegen. Diese Vision führt den Klub am Donnerstag erstmals in einem Bewerbspiel nach dem Champions-League-Finale von 1995 (0:1 gegen Ajax) wieder ins Happel-Stadion, Austrias Gegner ist Favorit in Gruppe D. Geht es nach Milans CEO Marco Fassone, sei das der „Anfang einer neuen Ära“, sagt der 53-Jährige. „Zuerst hatte ich Bedenken, der chinesischen Übernahme, der Umsetzung wegen. Jetzt sieht jeder, wie viel Geld geflossen ist, also bestehen kaum noch Zweifel. Jetzt räumen die Spieler die letzten Zweifel aus.“ Die Europa League ist kein Trostpreis, sondern für Milan ein Türöffner zum Uefa-Tresor.

Fassone sagt, dass „Milans DNA nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa zu finden“ sei. Dass der Eigentümer vorrangig nach finanziellem Gewinn strebt, diese riskante Kombination von Kapitalismus und Fußball, einem Kulturgut Mailands, ist selbst den anfangs skeptischen Fans recht – solange der Erfolg stimmt. Fassone lächelt: „Unser Verein ist wie ein schlafender Riese, der nach zwei, drei Jahren wieder erwacht ist. Wenn Sie so wollen, AC Milan ist wie ein Ferrari, der zwei Jahre in der Garage gestanden ist. Aber einen Ferrari muss man freilassen, nur dann entwickelt er seine volle Kraft und Pracht.“

 

Ausgaben für Spieler wie Bonucci (48 Mio. Euro), Silva (36 Mio. Euro) oder Çalhanoğlu (24) sind im internationalen Vergleich Peanuts. Auch sieht Fassone kein Problem dabei, dass der Klub Kredite mit zweistelligen Zinsen (bis zu 11,5 Prozent) bedienen muss. Man habe ja diesen Plan, mit dem alle Sorgen beglichen wären. Zudem, Inter oder AS Roma hätten auch Schulden, bei Goldman Sachs und zu billigeren Konditionen, doch AC Milan sei die klare Nummer 2 in Italien hinter Juventus und daher unbestritten in der Lage, dieses Risiko in Profit umzumünzen. Und falls nicht? Fassone: „Im Worst case, wenn wir die Champions League verpassen, heißt ab Oktober 2018 der neue Eigentümer Elliot Management.“ Ob die Rossoneri einen Hegdefond feiern würden? Warum nicht. Im Fußball der Gegenwart gibt es keine Grenzen mehr, bei Geld schon gar nicht.

Aber, wer ist dieser Mr. Li? Dem Milliardär sollen Anteile einer 48-stöckigen Geschäftsanlage in Guangzhou gehören, auch Phosphatminen – dass er einen Ableger, „AC Milan China“, plant, ist kaum verwunderlich. Es sei dennoch eine andere Fußballkultur, mit Geschäftsleuten aus Fernost oder Russland zu arbeiten denn mit lokalen Mäzenen und Funktionären. Chelsea-Chef Roman Abramowitsch gebe auch keine Interviews, sagt Fassone. Auch sei er wie Li nicht bei jeder Partie im Stadion, geschweige denn täglich in der Geschäftsstelle, die Aufstellung prüfend. „Na und? Uns macht das nichts aus. Es ist ein Neubeginn. Spielen wir nächstes Jahr in der Champions League, wird jeder sagen: Milan hat alles richtig gemacht.“ Wenn nicht, war der Einsatz zwar unwidersprochen zu hoch, „es das Risiko aber wert“.

Nach zwei Meisterschaftsrunden ist Milan ungeschlagen, der heutige Hit gegen Lazio Rom (15 Uhr, dazn) gilt als erster echter Gradmesser.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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