In den Ausstellungsräumen des Museums für Völkerfreundschaft, die zum Schutz vor Angriffen von außen tief in den Berg gebohrt wurden, liegen 59.058 Geschenke für Nordkoreas Herrscher Kim Jong-il. Darunter ist ein ganz spezieller Schatz: ein weißer Fußball mit dem Autogramm einer brasilianischen Spielerlegende, gewidmet dem „Freund Kim Jong-il“. Der Ball stammt von Pelé.
„Pelé!“, ruft ein nordkoreanischer Besucher entzückt. „Ich habe ihn immer verehrt!“ Unklar ist, ob Pelé jemals Kim persönlich getroffen hat, doch eines ist sicher: Das abgeschottete Land ist genauso fußballverrückt wie die übrige Welt – in diesen Tagen ganz besonders: Zum ersten Mal seit 44 Jahren ist die Nationalmannschaft wieder bei der Endrunde der Weltmeisterschaft dabei. „Wir fiebern schon auf Südafrika hin“, sagt der Besucher. Die Heimatarena des Nationalteams ist das Kim-Il-sung-Stadion von Pjöngjang. 60.000 Zuschauer fasst es, der Kunstrasen stammt aus Deutschland, der Weltfußballverband Fifa hat ihn im Jahr 2006 gestiftet.
Wie werden sich seine Landsleute in Südafrika schlagen? Stadiondirektor Rim Nam-sik gibt sich bescheiden. Die wichtigste Voraussetzung für ein gutes Abschneiden sei die „richtige innere Haltung“ der Spieler, deren Mannschaft sich nach dem legendären fliegenden Pferd „Chollima“ nennt: „Sie müssen die Würde des Landes bewahren und der Bevölkerung Mut machen, ein aufblühendes Nordkorea zu schaffen“, sagt Rim. „Und sie müssen an den General Kim denken.“
Nordkoreas Kicker stehen auf Platz 104 der Weltrangsliste. In der Schweiz hat „Chollima“ bei einem Testspiel gegen Griechenland ein beachtliches 0:0 geschafft. Eigentlich sollten die Nordkoreaner bis zu ihrem ersten Spiel in Südafrika am 13. Juni ins Trainingslager nach Zimbabwe. Doch dort gab es politische Proteste, deshalb sind sie direkt nach Südafrika gefahren.
In Gruppe G warten Brasilien, Portugal und die Elfenbeinküste. Immerhin: Wie ihre Rivalen aus Südkorea spielen inzwischen einige Nordkoreaner in ausländischen Vereinen. Einer von ihnen, Hong Yong-cho, kickte zuletzt für den FC Rostow in der ersten russischen Liga, zuvor war er in der serbischen Superliga. Ein anderer ist bei den „Flügeln der Sowjets“ in Samara beschäftigt. An Yong-hak und Jong Tae-se spielen in Japan, sie gehören dort der nordkoreanischen Minderheit an.
In der nordkoreanischen A-Liga kämpfen 14 Teams um den Meistertitel, alle gehören zu Behörden oder Staatsunternehmen. Besonders erfolgreich sind neben dem Militärverein „26. April“ die Teams von „Lokomotive“ vom Eisenbahnministerium und der „Gelbe Fluss“ des Innenministeriums. Auch eine Frauenliga gibt es, und die Spielerinnen sind erfolgreicher als die Männer: Drei Mal wurden sie Asienmeisterinnen.
„Hooligans gibt es auch bei uns“
Nordkoreanische Fans dürfen ihr Team allerdings nicht nach Südafrika begleiten. Wer weiß, was geschehen würde – nordkoreanische Zuschauer sind für ihre Leidenschaft bekannt und berüchtigt. Ein WM-Qualifikationsspiel gegen den Iran endete 2005 mit schweren Randalen. „Hooligans gibt es auch bei uns“, räumt Stadionchef Rim ein. „Aber wir ermahnen sie dann mit Lautsprecheransagen, und in der Regel können wir sie wieder beruhigen.“
Ob und wie das nordkoreanische Radio und das Fernsehen die WM-Spiele übertragen werden, ist ungewiss. Die TV-Geräte und Radios im Land sind so eingestellt, dass sie internationale Programme nicht empfangen können. Auch im Internet können sich die Fans nicht informieren, weil die Leitungen ins Ausland gesperrt und nur wenigen hochrangigen Funktionären vorbehalten sind.
„Maschinenbeine“ nennen die Nordkoreaner ihre Fußballhelden. Und alle erinnern sich an ihren legendären Erfolg 1966, als das damals völlig unbekannte Team im englischen Middlesborough Italien im WM-Achtelfinale mit 1:0 aus dem Rennen schlug. Gegen Portugal war dann Endstation, weil der berühmte Eusebio ihre 3:0-Führung in eine 3:5-Niederlage verwandelte. Die Sensationstruppe verschwand von der Bildfläche; es gibt Gerüchte, dass einige Spieler im Arbeitslager landeten, weil sie den „Großen Führer“ enttäuscht hätten. Mitglieder des alten Teams, die später vom britischen Dokumentarfilmer Daniel Gordon („The Game of Their Lives“) nach ihrem Schicksal befragt wurden, stritten das ab.
Die neue Generation hoffnungsvoller „Maschinenbeine“ trainiert an diesem Abend auf dem Kunstrasen des Pjöngjanger Stadions: zehn- bis 13-jährige Jungen aus der Sportschule, die dem Kim-Il-sung-Stadion angeschlossen ist.
Jong Se-myung im blauen Trikot und sein Kumpel Chol Rim-bun spielen seit drei Jahren, täglich mindestens zwei Stunden. Wer sind ihre Helden? Die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen: „Zidane!“ „Ballack!“
Sie träumen den Traum aller Jungen dieser Welt: „selbst einmal bei einer WM mitzuspielen“. Und wie sehen sie die Chancen ihrer Mannschaft in Südafrika? „Der achte Platz müsste drin sein.“
■1966 in England nahm Nordkorea ebenfalls an einer WM-Endrunde teil. Damals sorgte das Team für eine Riesensensation. Es schlug Italien im Achtelfinale. Und im Viertelfinale führten die „Maschinenbeine“ bereits 3:0 gegen Portugal, ehe der damalige Superstar Eusebio das Spiel in ein 3:5 umdrehte.
■In Südafrika warten mit Brasilien, Portugal und Elfenbeinküste drei Teams, die allesamt zum Favoritenkreis der WM zählen. Die nordkoreanischen Fans erwarten viel. Mindestens Rang acht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2010)

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