Im Zeichen des olympischen Feuers gehören diese beiden Damen zweifellos zu Österreichs heißesten Eisen. Dieses Eisen, das Kanu-Duo Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz, hat es in London auf Edelmetall abgesehen. Als amtierende Weltmeisterinnen im Kajak-Zweier über 500 Meter sind die österreichischen Starterinnen über dieselbe Distanz die logischen Favoritinnen auf Olympiagold. Oder? „Viele Boote sind auf gleichem Niveau. Wir lassen uns nicht in die Favoritenrolle drängen“, stapelt Yvonne Schuring tief. Und Partnerin Viktoria Schwarz sagt: „In London werden die Karten neu gemischt.“ Aber: „Wir gehören sicher zu den Top-Booten.“
Außerdem, wenn auch teils Jahrzehnte her, gilt der Griff zum Paddel als handfester Erfolgsbeweis in der österreichischen Sommer-Olympiageschichte: Hier stellt Kanu nämlich bis dato die glänzendste Sportart Österreichs dar. In keiner anderen Disziplin staubten heimische Athleten so viele Medaillen ab: dreimal Gold, fünfmal Silber, sechsmal Bronze. Auf den Plätzen zwei und drei folgen übrigens Gewichtheben (letzte Medaille 1936) und Segeln.
„Kanu hat unheimlich viele Facetten“, sagt Schuring. Technik und Koordination, Kraft sowie Ausdauer stellen die Grundpfeiler dar, an die man im Kajak andockt. „Es ist eine sehr trainingsintensive Sportart.“ Täglich drei bis vier Einheiten zwischen 60 und 90 Minuten absolvieren die heimischen Top-Kanutinnen. Gerade für Schuring gleicht jeder Tag einem Monsterprogramm, das kaum enden will. Die gebürtige Deutsche, die 2005 der Liebe wegen nach Österreich kam, arbeitet Vollzeit als Verwaltungsangestellte beim Sozialhilfeverband in Linz.
Langes Schlafen ist da nicht gestattet: Täglich um 6.30 Uhr beginnt die 34-Jährige mit dem Frühtraining, nach der Arbeit im Büro folgen noch weitere zwei Einheiten. Zurzeit ist die Situation etwas entschärft, in der Olympiavorbereitung hat Schuring ihren Verwaltungsjob auf Halbtagesniveau hinuntergeschraubt.
Als „Morgenmuffel“ bezeichnet sich hingegen Viktoria Schwarz – da trifft es sich gut, dass die 26-Jährige ebenso wie Schuring hauptsächlich allein, im Kajak-Einer, trainiert. Das Duo steigt unter der Woche nur zu bestimmten Einheiten zu zweit ins Boot. „Das geht aber nur, weil wir ein eingespieltes Team sind.“ Punkto Job befindet sich Schwarz im Vergleich zu ihrer Teamkollegin in einer Luxussituation, da sie sich Heeressportlerin ganz auf Kajak und Paddel konzentrieren kann. „Wie Yvonne Arbeit und Sport unter einen Hut bringt, beeindruckt mich. Das ist schon ein Wahnsinn“, zollt Schwarz ihrer Partnerin Respekt.
Seit 2008 bilden die beiden, die sich für den UKRV Schnecke Linz ins Zeug legen, ein Power-Duo – das nur wenig Anlaufzeit brauchte, um sich gut aufeinander abzustimmen und den richtigen Schlagtakt zu finden. Auf Anhieb fuhr das Team bei der EM auf Platz fünf, bei Olympia 2008 erreichte es sogleich das Finale. Trotzdem sei es zu Beginn nicht leicht gewesen: „Yvonne hat einen sehr kräftigen Schlag, auf den ich mich erst einstellen musste. Sie ist ja früher hauptsächlich im Einer gefahren“, erzählt Schwarz.
Steigerung. Im Lauf der Zeit entwickelte das Doppel ein blindes Verständnis – und im Gegensatz zu so manchem Konkurrenzboot kommen Schuring und Schwarz ohne laute Kommando- und Taktrufe aus. Still und leise holte der Kanu-Zweier bei der EM 2010 Bronze und steuerte im Jahr darauf unter der Leitung des ungarischen, international erfahrenen Trainers Nandor Almasi, auf ihren bisher größten Coup zu.
Bei der Flachwasser-WM in Szeged, Ungarn, paddelte das Team zur Goldmedaille – vor 30.000 Fans. „In Ungarn ist Flachwasser-Kanu Volkssport. Da ist ordentlich was los. Das ist eine Stimmung wie im Fußballstadion.“ Eine ähnliche Atmosphäre erwartet das österreichische Duo bei den Spielen in London. Von solchen Zuschauerzahlen kann der Kanurennsport in Österreich nur träumen. Schuring, die früher in deutschen Klubs paddelte, weist auf die ausgeprägten Strukturen und die weit größere Popularität in Deutschland hin. Im Vergleich dazu würde das rotweißrote Kanusegment eher „stiefmütterlich angesiedelt“ sein. Was aber gerade für Schuring einen Vorteil mit sich bringt: „In Österreich habe ich die Chance, als Sportlerin meine Leistung zu bringen, ohne meinen Job aufgeben zu müssen. In Deutschland ist das nicht möglich.“ Schon früh schlugen die diesjährigen Olympiahoffnungen den Weg zum Kanusport ein. Schuring war sieben Jahre alt, als sie erstmals mit dem Kajak in Berührung kam. Das Paddel förmlich in die Wiege gelegt bekommen hat Viktoria Schwarz, ihre drei Brüder und Eltern wiesen allesamt Kanu-Erfahrung auf, und so landete auch sie im gleichen Boot.
Ansichtssache. Heute sitzen beide im Zweier-Kajak: ein schmales, spärlich ausgestattetes Rennboot von knapp sechseinhalb Meter Länge mit zwei Sitzschalen und zwei Stemmbrettern, gegen die die Füße gedrückt werden. Vielleicht nicht auf jeder Ebene schwimmt das Erfolgsduo auf der gleichen Wellenlänge. „Vicki steht eher für Party, ist locker drauf und nimmt nicht alles ganz so ernst. Ich bin ruhiger und gesetzter“, sagt Schuring. Schwarz meint wiederum: „Ein Partytyp bin ich nicht. Dafür hab ich gar keine Zeit. Aber relativ relaxt – das bin ich schon“.
Als Schlagfrau sitzt Schuring vorn, Schwarz hinten. Für Wettkämpfe haben die beiden eine bestimmte Taktik einstudiert. „Es gibt klare Rennverläufe“, verrät Schuring. Über die 500 Meter Distanz geht man nach dem Start zunächst in einen niederfrequenten „Streckenschlag“ über. „Man kann ja nicht durchhetzen.“ Nach rund 250 bis 300 Metern folgt die sogenannte Mobilisationsphase, quasi ein zweiter Start, bei dem die Schlagzahl nochmals erhöht wird. Danach kommt der Endspurt. Nur bei Gegen- oder Rückenwind müsste man die vorgefertigte Taktik korrigieren. Viel Spielraum bleibe über die 500 Meter aber nicht.
Während des Rennens würden Blicke zu den Gegnerinnen weitgehend ausbleiben. „Manchmal schaut man sich beim Vorlauf um, bei dem man nur eine gewisse Platzierung braucht und so Kräfte sparen kann“, sagt Schuring. Im Finale blende man die Welt links und rechts neben sich aus, da sei der Blick nur nach vorn gerichtet. Zum Finallauf in London. ?
Kajak-Zweier: Ein Duo auf gleicher Wellenlänge
07.07.2012 | 16:17 | Toni Oberndorfer (DiePresse.com)
Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz zählen im Kajak-Zweier zu den Top-Favoritinnen bei Olympia. Mit einer Medaille könnte das amtierende Weltmeister-Doppel an die erfolgreiche Kanu-Historie Österreichs anknüpfen.

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