Durchs Stadion dröhnt frenetischer Applaus, Trommeln werden geschlagen, man meint das schrille Pfeifen einer türkischen Oboe zu hören. Soeben hat ein Ringer seinen sich windenden Gegner gepackt und drei, vier Schritte über die Wiese getragen. Nun steht er da, beide Fäuste als Siegeszeichen erhoben, wirft sich mit strahlendem Gesicht in die Brust. Seine Fans jubeln.
In diesen Sommertagen ist in Edirne, dem Zentrum des traditionellen türkischen Ringsports („güreş“), die Hölle los. Auf dem etwas holprigen „Rasen“ ringen oft mehrere Paare gleichzeitig. Ihre mit Olivenöl eingeriebenen Körper glänzen in der heißen Julisonne. In der Arena ist keine Handbreit Schatten. Die Kämpfer halten es irgendwie aus. Nur manchmal kommt nach einem Kampf jemand und kippt einem Ringer aus einer Plastikflasche Wasser über den Kopf.
Während einige der Kämpfe der vorigen Gruppe noch andauern, marschiert bereits eine neue Gruppe von „Pehlivan“, wie die Ringer genannt werden, über den Platz. Sie schwenken die Arme und schlagen auf die eingefetteten Kniebundhosen aus schwarzem Kalbsleder, „Kispet“ genannt.
„Du bist ein Muslim, ein Held!“
„Allah, Allah, es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet!“, ruft der Ansager wie der Muezzin von der Moschee auf Arabisch. Gelegentlich feuert er die Ringer auch auf Türkisch an: „Pehlivan, du bist ein Muslim, du bist ein Held der türkischen Nation!“ Feinsinnige Reden sollte man bei so einem Turnier nicht erwarten.
Die neu Angekommenen sind junge Ringer mit schmalen, geschmeidigen Körpern. Ihr Kampf ist turbulenter als der der Älteren. Sie fassen sich an den Schultern, greifen nach dem Rand der Hose des Gegners, haschen nach seinen Füßen. Der Angegriffene versucht, Hand oder Kopf des Gegners wegzudrücken, und wenn es schlimmer kommt, sich rasch wegzudrehen.
Der Kampf wird nicht nur mit Muskelkraft ausgetragen, sondern auch mit dem Kopf. Wer errät die Absicht des Gegners früh genug, reagiert blitzschnell? Wer erkennt die eigene Chance und ergreift sie?
Mehmet Ayhan hat 25 Jahre selbst auf der Wiese gerungen. Nun sitzt der gemütliche Bär auf der Tribüne. Natürlich sei Taktik auch wichtig, meint er, deshalb würden die Ringer ja nicht nur nach Gewicht, sondern auch nach Erfahrung in zwölf Kategorien eingeteilt. Entscheidend sei aber doch die Kraft: „Wenn einer wirklich stärker ist, hast du keine Chance.“ Ayhan selbst hat mit sechs Jahren angefangen zu üben. Wie er dazu gekommen sei? Weil sein Vater gerungen hat; so sei es bei den meisten Ringern.
Für Außenstehende ist es nicht immer leicht zu erkennen, wie ein Kampf entschieden wurde. Mehmet Ayhan erklärt, dass es 103 Arten gibt, einen Kampf zu gewinnen. Man kann etwa seinen Gegner hochhalten, dass er nicht den Boden berührt, und muss mit ihm so mindestens drei Schritte gehen. Oder man kann ihn so hinwerfen, dass sein Bauch in die Sonne zeigt.
Unten auf der Wiese balgen indessen überall Paare junger Kämpfer. In der Mitte stehen von der vorigen Gruppe noch zwei ältere Kämpfer, wie mächtige Stiere, Kopf gegen Kopf. Sie drücken, sie lauern.
Plötzlich packt einer den anderen am Genick, versucht, ihn niederzudrücken, sein Gleichgewicht zu erschüttern, ihm einen Moment die Übersicht zu nehmen. Doch am öligen Stiernacken rutscht die Hand ab, der Angegriffene dreht den Kopf rasch nach unten weg. Im nächsten Moment ist sein Kopf wieder oben, nun greift seine Hand nach dem Nacken des Gegners. Die Szene wiederholt sich. Die Ringer, die wieder und wieder nach dem Nacken des Gegners greifen, sehen aus, als würden sie kraulschwimmen...
Dann wieder Ruhe, Lauern, Warten in der Hitze. Im Hintergrund das dumpfe „Dum, dum“ der Trommler.
Jedes Jahr eine neue Ringerhose
Reich werden die Kämpfer hier nicht. Wer in der höchsten Kategorie türkischer Meister wird, bekommt zirka 12.000Euro. Jedes Jahr braucht der Ringer überdies eine neue, teure Ringerhose. Gekämpft wird also mehr um die Ehre. Wer dreimal hintereinander in der höchsten Kategorie türkischer Meister wird, bekommt den begehrten goldenen Gürtel. Dessen Träger steigen unter den Ringern in mythische Höhen.
So rasch, dass man den Anfang kaum mitbekommen hat, ist in den Kampf in der Mitte wieder Bewegung gekommen. Ein Ringer hat den Fuß des anderen gepackt, doch der, eingeölt, ist schwer zu halten. Sein Gegner reißt sich los, hüpft rasch davon. Doch es hilft ihm nichts. In der nächsten Attacke kann ihn sein Gegner mit beiden Armen umschließen. Er fliegt durch die Luft, stürzt zu Boden.
Der Sieger hebt kurz einen Arm. Der Verlierer sitzt im Staub und rührt sich lange nicht. Da hilft es wenig, dass der Sieger gleich zu ihm hingeht, ihn mit fast zärtlicher Geste am Ohr streichelt und ein paar Worte sagt. Eingesunken sitzt er da. Jemand kommt und kippt ihm Wasser über den Kopf. Es perlt über den heißen, fettigen Körper.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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