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Olympia: Der Lauf seines Lebens unter den fünf Ringen

23.07.2012 | 18:24 |   (Die Presse)

Vor elf Jahren flüchtete Marathonläufer Guor Marial vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Südsudan. In London darf er den jungen Staat als „Unabhängiger Teilnehmer“ unter der IOC-Flagge vertreten.

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London/Sb/Ag. Guor Marial ist glücklich und stolz. Seit wenigen Tagen steht fest, dass der 28-jährige Marathonläufer bei den Olympischen Spielen in London antreten darf. „Die ganze Welt wird es sehen, das ist unglaublich“, meint der Südsudanese zur Nachrichtenagentur Reuters. Doch die Flagge seines Landes wird niemand sehen. Marial wird unter der olympischen Flagge mit den fünf Ringen starten.

Erst zum dritten Mal in der Geschichte wird es bei den Sommerspielen ein Team der „Unabhängigen Olympiateilnehmer“ geben. Neben Guor Marial treten auch drei Athleten des aufgelösten Überseegebiets der Niederländischen Antillen für die fünf Ringe an. So wie 1992 in Barcelona die Sportler aus dem ehemaligen Jugoslawien und 2000 in Sydney die Athleten aus Osttimor.

 

„Verrat an meinem Land“

Erst seit fast genau einem Jahr ist Südsudan nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges ein unabhängiger Staat, flächenmäßig mehr als doppelt so groß wie Großbritannien. Ein Nationales Olympisches Komitee gibt es in dem zentralafrikanischen Staat noch nicht. Ein Angebot, den Sudan zu vertreten, lehnte Marial ab. „Für mich wäre das in erster Linie Verrat an meinem Land, wenn ich jetzt einfach für den Sudan starten würde. Und es wäre respektlos meinen Landsleuten gegenüber, die für die Freiheit gestorben sind“, meinte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Seit elf Jahren lebt der Marathonläufer nun schon in den USA, er ist als politischer Flüchtling anerkannt. 2011 hat er sein Chemiestudium an der Iowa State University abgeschlossen. Die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten hat er nicht, kann daher nicht für das US-Team starten. Aber für sein junges leidgeplagtes Heimatland will er ein stolzer Botschafter sein.

„Schon nach einem Jahr der Unabhängigkeit jemanden bei den Olympischen Spielen dabei zu haben, das ist hochemotional und weckt große Hoffnungen für die Kinder“, sagte der Südsudanese, als er die Nachricht von seiner bevorstehenden Olympia-Teilnahme erhielt. „Es bedeutet mir sehr viel. Und es bedeutet mir auch viel, dass ich die Menschen, die für die Freiheit gestorben sind, darunter 28 meiner Familienmitglieder und weitschichtigeren Verwandten, verherrlichen kann. Um sie zu ehren, stehe ich jeden Tag auf, ziehe meine Schuhe an und trainiere.“

 

Dabeisein ist alles

Schon zur Eröffnungsfeier am Freitag wird Marial, der in Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona lebt, in London erwartet. Am 12. August wird er den Marathon in Angriff nehmen. Im Oktober 2011 unterbot der 28-Jährige das Olympia-Limit, im Juni stellte er in San Diego mit 2:12,55 Stunden einen neuen persönlichen Rekord auf. Eine Medaille wird damit wohl außer Reichweite sein, aber für Guor Marial ist schon das viel zitierte Dabeisein alles.

„Ich will einfach nur Spaß haben, das Trikot anziehen – das Olympia-Trikot oder was auch immer sie mir zum Anziehen geben – und einfach genießen. Im Rennen will ich nicht nachdenken, denn da kann alles passieren. Ich fahre mit einem offenen Geist zu den Olympischen Spielen.“ Wie in Peking vor vier Jahren wird es dann einen weiteren emotionalen Höhepunkt geben. 2008 war Marials Landsmann Lopez Lomong Flaggenträger des US-Teams. Der Mittelstreckenläufer war als Sechsjähriger von Milizen im Südsudan gekidnappt worden, die aus ihm einen Kindersoldaten machen wollten. Über Kenia konnte Lomong aber in die USA fliehen und dort zum Hoffnungsträger werden. So wie nun Guor Marial.

Auf einen Blick

Guor Marial wird 1984 im Südsudan geboren. Seine Familie hat schwer unter dem Bürgerkrieg zu leiden. Acht seiner zehn Geschwister überleben den Krieg nicht. Über Khartum und Ägypten kann er in die USA fliehen. Bei den Sommerspielen in London wird der Marathonläufer unter der Olympischen Flagge starten. [Reuters]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

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